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12.05.2012

10:07 Uhr

Gastbeitrag zu Kretschmann

Das Erfolgsgeheimnis eines grünen Überfliegers

VonThorsten Faas

Winfried Kretschmann ist ein Phänomen. Seit einem Jahr als erster grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg im Amt segelt er auf eine gigantischen Beliebtheitswelle. Wie ist dieser phänomenale Rückhalt zu erklären?

Thorsten Faas, Juniorprofessor für Politikwissenschaft, insbesondere Wählerverhalten, an der Universität Mannheim. PR

Thorsten Faas, Juniorprofessor für Politikwissenschaft, insbesondere Wählerverhalten, an der Universität Mannheim.

Es war historisch, aber doch ganz simpel: 24,2 Prozent für die Grünen und 23,1 Prozent für die SPD waren am Ende mehr als die 39,0 Prozent für die CDU und 5,3 Prozent für die FDP: Am 27. März des vergangenen Jahres hatten Grün und Rot die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen. Seit dem 12. Mai 2011 regiert Winfried Kretschmann den Südwesten der Republik. Ein historisches Ereignis: Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident in der bundesdeutschen Geschichte und dies an der Spitze der ersten grün-roten Landesregierung. Ziemlich genau ein Jahr ist die neue Regierung nun im Amt. Das Ländle hat sich verändert, aber das meiste im Land steht noch – sieht man von einigen Bäumen im Stuttgarter Schlossgarten und dem Südflügel des Bonatz-Bahnhofs ab. Bemerkenswert, wer hätte das gedacht?

Unangefochten steht Winfried Kretschmann an der Spitze dieser Regierung, dies gilt für Bekanntheit wie Beliebtheit gleichermaßen. Er war schon im Wahlkampf ein beliebter Politiker des Landes, aber der Wahlsieg hat seinen Beliebtheitswerten Flügel verliehen. Keine Frage: Die Situation für Kretschmann an der Spitze der Grünen war günstig: Stuttgart21 politisierte und mobilisierte frühzeitig das Land, zudem etablierte der Konflikt um den Bahnhof das Muster Schwarz gegen Grün (und eben nicht gegen Rot). In der Schlussphase des Wahlkampfs – Stichwort: Fukushima – dominierte mit der Atom- und Energiepolitik ein urgrünes Thema die Agenda – bei identischer parteipolitischer Konfliktstruktur: Schwarz gegen Grün. Und bei alledem verschaffte der Vorgänger Kretschmanns ihm hervorragende Möglichkeiten, (positive) Kontrasteffekte zu setzen.

Und dennoch: Das Ausmaß der Beliebtheit von Winfried Kretschmann ist und bleibt bemerkenswert. Nicht unwichtig für das vor 60 Jahren fusionierte Land Baden-Württemberg: Er ist in allen Regionen des Landes beliebt, Schwaben wie Baden mögen ihn. Schaut man in einzelne Bevölkerungsgruppen, findet man Ähnliches: Männer wie Frauen mögen ihn, jüngere wie ältere Menschen mögen ihn. Nur die glühendsten Anhänger der Oppositionsparteien CDU und FDP bewerten ihn negativ – aber auch nur die.

Kretschmanns Vorteil: Er hat ein rundes Profil. Stefan Mappus galt als durchsetzungsstark. Nils Schmid als sympathisch, auch kompetent. Aber das Bild Kretschmanns ist formvollendet: Es gelingt ihm, diese unterschiedlichen Charakterzüge ganzheitlich zu verkörpern. Er ist glaubwürdig – sehr glaubwürdig sogar. Aber man schreibt ihm zugleich auch Durchsetzungskraft und Führungsstärke zu. Und hält ihn darüber hinaus für sympathisch. Ein so uniformes, klares Profil auf so hohem Niveau findet man selten. Überflieger mit Bodenhaftung sind selten.

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Dabei hat ihm sein neues Amt bislang mehr genutzt als geschadet. Über die übliche Regel, wonach Regieren für die Regierenden mit Ansehensverlusten verbunden ist, setzt er sich hinweg. Und das, obwohl doch das erste Jahr seiner Amtszeit aus Sicht der grünen Partei und ihres Spitzenmannes inhaltlich vor allem durch eines geprägt war, nämlich eine deutliche und schmerzhafte Niederlage bei der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 am 27. November 2011. Nicht einmal in Stuttgart, der Hochburg des Protests, war eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für den Ausstieg aus dem Megaprojekt. Deutlicher konnten weder das Signal der Volksabstimmung noch die Niederlage für die Grünen kaum ausfallen.

Kommentare (5)

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CrisisMaven

12.05.2012, 11:34 Uhr

Atom ein urgruenes Thema? Wo ham se denn det her? Joschka Fischer hat zuerst in Hessen, dann im Bund sich fuer den Weiterbetrieb eingesetzt bzw. das Ressort gemieden wie die Pest und den Befuerwortern ueberlassen und auf Gruenen-Parteitagen mit Ruecktritt gedroht und Trittin hat erstmal nach Amstantritt bei Rot-Gruen die Laufzeiten der noch verbliebenen Kernreaktoren verlaengert, die sonst zum Amtsantritt von Schwarz-Gelb schon grossenteils ausgelaufen und abgeschaltet gewesen waeren. Meinten Sie das mit "Atom ein gruenes Thema"? Die gruenen waren vorher Kommunisten und diese K-Gruppen waren alle FUER Atomkraft! Wo soll da bitteschoen eine Anti-Atomhaltung bei fuehrenden Gruenen herkommen???

ahaas

12.05.2012, 12:57 Uhr

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass Kretschmann nicht nur von der Masse der Medien hierzulande, sondern auch von großen Teilen der CDU-Wähler als Lichtgestalt gesehen und gepriesen wird? Nichts ist gut in Stuttgart, seit über 2 Jahren finden jeden Montag Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern statt, dem Bauprojekt fehlen auf mehreren Abschnitten die Genehmigungen der Planfeststellung, über die abzupumpende Wassermenge für die zentrale Baugrube gibt es derzeit nur Vermutungen (vom 2 bis 4-fachen der ursprünglich angegebenen Menge), mehrere Hundert Enteignungsverfahren für Grundstücke stehen an, und gebaut wurde außer einer vermutlich viel zu klein dimensionierten Anlae zum "Grunwassermanement" nichts - es wurde lediglich geholzt und abgerissen, und die lokale Staatsanwaltschaft überzieht zahlreiche Demonstranten mit seit Jahren gewohnter Gehässigkeit mit ihren Verfahren. Man gewinnt den Eindruck, dass der Grüne Teil der Regierung sich von Anfang an mit SPD-CDU-FDP arrangiert hat und gottfroh war, aus der Inszenierung mit der Volksabstimmung die quasi-demokratische Rechtfertigung für ihr Nichtstun und ihren Rückzug vom Widerstand gegen ein sinnloses milliardenschweres Projekt zu ziehen.

ahaas

12.05.2012, 13:03 Uhr

Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass Kretschmann nicht nur von der Masse der Medien hierzulande, sondern auch von großen Teilen der CDU-Wähler als Lichtgestalt gesehen und gepriesen wird? Nichts ist gut in Stuttgart, seit über 2 Jahren finden jeden Montag Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern statt, dem Bauprojekt fehlen auf mehreren Abschnitten die Genehmigungen der Planfeststellung, über die abzupumpende Wassermenge für die zentrale Baugrube gibt es derzeit nur Vermutungen (vom 2 bis 4-fachen der ursprünglich angegebenen Menge), mehrere Hundert Enteignungsverfahren für Grundstücke stehen an, und gebaut wurde außer einer vermutlich viel zu klein dimensionierten Anlae zum "Grunwassermanement" nichts - es wurde lediglich geholzt und abgerissen, und die lokale Staatsanwaltschaft überzieht zahlreiche Demonstranten mit seit Jahren gewohnter Gehässigkeit mit ihren Verfahren. Man gewinnt den Eindruck, dass der Grüne Teil der Regierung sich von Anfang an mit SPD-CDU-FDP arrangiert hat und gottfroh war, aus der Inszenierung mit der Volksabstimmung die quasi-demokratische Rechtfertigung für ihr Nichtstun und ihren Rückzug vom Widerstand gegen ein sinnloses milliardenschweres Projekt zu ziehen.

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