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28.08.2013

13:02 Uhr

Gastbeitrag zum Syrienkonflikt

Wollen wir diese Bilder sehen?

Sind die Fotos der mutmaßlichen Giftgasopfer die verstörende Wahrheit? Oder Propaganda? Machen sie Leser zum Teil der Kriegsführung? Oder ist die Veröffentlichung zwingend? Claus Eurich, Professor für Medienethik, sucht Antworten.

Veröffentlicht wurden die Aufnahmen zahlreicher Leichen – in diesem Fall ragen nur die Füße der Toten unter den Tüchern hervor.

Veröffentlicht wurden die Aufnahmen zahlreicher Leichen – in diesem Fall ragen nur die Füße der Toten unter den Tüchern hervor.

Krieg bringt die dunkelsten Seiten des Menschseins ans Licht. Er verletzt, entwürdigt, entstellt. Krieg schafft ausnahmslos Opfer. Er kennt keine Wahrheit, nur Parteilichkeit, nur ein Für oder Wider, nur Gegner oder Verbündete. Deshalb ist ein Journalismus, der diese Polarisierungen und Aktionen gegen die Menschlichkeit aus der Haltung der Zeugenschaft betrachtet und trotz aller Schrecken nüchtern dokumentiert und analysiert so wichtig.

Diese Bedeutung steigt dramatisch in einer Zeit, in der das Netz in seinen vielfältigen Präsentationsweisen und Präsentationsformen eine völlig unkontrollierbare Bilderflut zur Schau stellt. Tabus werden hier nicht mehr respektiert, gezeigt wird alles. Auch das, was durch das Zeigen selbst wieder neue Verletzungen hervorruft – bei denen, die die Bilder sehen. Die Fotos der durch Giftgas in Syrien getöteten Kinder werfen ein weiteres Mal die Fragen auf: Was darf und was muss seriöser Journalismus zeigen? Wann sind Worte hilfreicher als Bilder? Wann werden Bilder selbst zu Waffen, die in politische Prozesse intervenieren?

Journalismus soll informieren, einen Beitrag zur Meinungsbildung leisten, die unterschiedlichen Parteien zu Wort kommen lassen, Kritik und Kontrolle praktizieren und bei all dem vor allem unabhängig sein, um der Chronistenpflicht zu genügen. Bilder sind Teil dieser Anforderungen. Sie vermögen das zu zeigen, woran Worte scheitern, beziehungsweise wo sie unzulänglich bleiben.

Doch welche Maßstäbe lege ich als Journalist bei der Bildauswahl an, um einerseits das wahre Gesicht des Krieges zu dokumentieren und nicht eines, das politisch/diplomatisch geschönt ist? Kann ich verhindern, von den Propagandisten der Kriegsparteien instrumentalisiert zu werden, wie das weltweit täglich und nun auch am Beispiel von Syrien wiederum geschieht?

Claus Eurich ist Professor am Institut für Journalistik der TU Dortmund mit u.a. den Schwerpunkten Ethik und Konfliktsensitiver Journalismus. Er ist Leiter der Akademie für Führungskompetenz am Benediktushof Holzkirchen.

Claus Eurich ist Professor am Institut für Journalistik der TU Dortmund mit u.a. den Schwerpunkten Ethik und Konfliktsensitiver Journalismus. Er ist Leiter der Akademie für Führungskompetenz am Benediktushof Holzkirchen.

Die staatlichen und nichtstaatlichen Militärs auf dieser Erde haben in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Kunst der Manipulation entwickelt, lassen sich doch mit der emotionalisierenden Kraft von Bildern Kriege nicht nur legitimieren, sondern Gesellschaften auf Kriege vorbereiten. Bilder suggerieren Authentizität. Sie malen in den Köpfen derer, die sie sehen, eine eigene Wirklichkeit, die stärker ist als Worte, ja, die Argumentationen durch ihre Kraft außer Kraft setzen können. Bilder mögen verzerren, manipulieren, ja eine Lüge sein, wofür es unzählige prominente Beispiele gibt; doch das sehen wir als Leser nicht, wenn es nicht direkt unter dem Bild angemerkt wird. Wir nehmen für wahr, was der Augenschein vor-spielt. Und genau das brennt sich in das Bewusstsein und unser Urteilsvermögen ein.

Die Fotos der wohl durch Giftgas getöteten Kinder im syrischen Bürgerkrieg, die unter anderem diese Woche vom Spiegel veröffentlicht wurden, sollen von der syrischen Opposition stammen. Wie seriös sind die Quellen? Und was meint Opposition? Zur sogenannten Opposition sollen auch Al-Qaida nahe bzw. mit Al-Qaida identische Gruppierungen wie die Nusra-Rebellen gehören. Al-Qaida ist spätestens seit dem 11.September 2001 dafür bekannt, Bilder als Vorbereitung beziehungsweise Fortsetzung des asymmetrischen materiellen Krieges höchst effektvoll einzusetzen.

Kommentare (54)

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Maerchenonkel

28.08.2013, 13:11 Uhr

Die Frage WER das Giftgas einsetzte wird weder durch die Bilder noch durch eine derartige Diskussion geklärt. Deswegen lese ich den Blödsinn auch erst gar nicht.

Account gelöscht!

28.08.2013, 13:27 Uhr

Die Bilder sind wichtig, Die Frage stellt sich anders: Wann werden die veröffentlicht?? WEnn die Fakten auf dem Tisch liegen und als Zeitzeugnis "JA!" aber(wie fast immer) als Spekulationsobjekt(?) oder Medieneinschaltargument, das halte ich für verwerlich.

Account gelöscht!

28.08.2013, 13:29 Uhr

Die Fragestellung irritiert mich.
Von wollen kann doch keine Rede sein, hoffe ich jedenfalls.
Sie MÜSSEN gesehen werden.
Propaganda steht für mich auf einem anderen Blatt. Es liegt in der jeweiligen Medienkompetenz, um dieses Wort mal wieder zu bemühen, diese zu bewerten.
Warum soll es leichter fallen Kriegspropaganda als solche zu bezeichnen, wenn daneben ein Bild von einem verdursteten Kind von Fliegen bevölkert, gehalten wird.
Beides ist Krieg, nur der mit Waffen ist lauter und blutiger, der Tod ist deswegen weder besser, noch anders und gerechtfertigt im Sinne der Menschenrechte schon lange nicht.
Aber toll wenn man als Wohlstandsbauch doch entscheiden kann ob man diese Bilder sehen will oder nicht.
Zynischer kann man nicht mehr werden.

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