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02.09.2014

10:23 Uhr

Gastbeitrag zur Frauenquote

Warum ich meine Meinung zur Quote geändert habe

VonBurkhard Schwenker

Statt immer nur bekannte Argumente auszutauschen, brauchen wir einen Schritt nach vorn, einen Systemwechsel für mehr Frauen auf den Führungsebenen. Der frühere Roland-Berger-Chef begründet seine Meinungsänderung.

Burkhard Schwenker, Aufsichtsratsvorsitzender von Roland Berger Strategy Consultants, fordert mehr Frauen in Top-Positionen. Holde Schneider / VISUM

Burkhard Schwenker, Aufsichtsratsvorsitzender von Roland Berger Strategy Consultants, fordert mehr Frauen in Top-Positionen.

MünchenEs gibt gute Gründe gegen die Frauenquote – weil wir weniger statt mehr Regulierung brauchen, weil sich der Staat nicht in ureigene Belange unserer Unternehmen einmischen soll, weil gut geführte Unternehmen ohnehin Frauen fördern. Und vor allem: weil „Quotenfrau“ das Potential für ein Stigma hat, das beliebig unfair argumentiert werden kann – Positionen werden nicht mit den Besten besetzt, sondern nach Geschlechterproporz. Wer möchte schon damit konfrontiert werden?

Deswegen sind viele gute Frauen gegen die Quote, und auch ich habe mich lange Zeit dagegen ausgesprochen. Aber ich habe meine Meinung geändert: „Wir brauchen die Quote, weil der Systemwechsel sonst nicht gelingt“, war die Headline zu einem dpa-Interview, das häufig zitiert worden ist.

Frauen in DAX-Vorständen

Allianz

Hier wirkt Helga Jung als Vorstandsmitglied.

Sie war auch im Vorjahr schon im Vorstand aktiv und hat somit auch schon Zeiten erlebt, in denen der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-30-Unternehmen höher war als aktuell: Zwischen 2012 und 2013 sank er von 7,8 auf 6,3 Prozent.

BASF

Bei BASF mischt Margret Suckale ganz oben mit. Sie ist somit eine von zwölf Frauen bei insgesamt 191 Vorstandsmitgliedern bei den DAX 30.

BMW

Milagros Caiña Carreiro-Andree ist in der DAX 30-Welt nicht nur ihres Namens wegen eine Exotin.

Frauen insgesamt sind 2013 wieder mehr in die Ecke der Sonderspezies in den Vorständen der gelisteten Unternehmen gerutscht.

Continental

Elke Strathmann lenkt bei dem Reifenhersteller die Geschicke zum Teil mit.

Dies wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Denn auch wenn gegenüber dem Vorjahr drei Frauen weniger in den Vorständen sitzen, hat sich die Zahl der Unternehmen mit weiblichen Vorstandsmitgliedern von einer Firma 2008 über sechs in 2011 auf heute zehn der 30 DAX Unternehmen merklich gesteigert.

Daimler

Christine Hohmann-Dennhardt hat es in den Vorstand eines der einflussreichsten Automobilkonzerne Deutschlands geschafft. Die Chancen auf den obersten Chefposten scheinen nach wie vor klein: Keines der zehn Unternehmen mit Führungsfrauen hat eine weibliche Vorsitzende.

Deutsche Börse AG

Hier hat Hauke Stars einen Chefsessel inne.

In Aufsichtsräten der DAX-Unternehmen nehmen Frauen weit mehr Plätze ein. Waren es 2008 schon 13 Prozent, so liegt die Frauenquote in den Aufsichtsräten heute bei 21,9 Prozent. Sie scheinen damit auf gutem Kurs, die von SPD und Union geplanten 30 Prozent bis 2016 zu schaffen.

Lufthansa

Sie ist in diesem Jahr erst neu hinzugekommen: Bettina Volkens ergänzt das bisher alleinige weibliche Vorstandsmitglied Simone Menne bei der Deutschen Lufthansa AG.

Einen Ausgleich für die als Vorstände ausgeschiedenen Damen Regine Stachelhaus (E.ON AG), Luisa Deplazes Delgado (SAP AG) sowie Brigitte Ederer und Barbara Kux (beide Siemens AG) gereicht ihr Posten jedoch nicht.

Deutsche Post

Angela Titzrath hat zumindest Teile der Zügel des ehemaligen Staatskonzerns in der Hand.

Telekom

Gemeinsam mit der Lufthansa – und früher auch Siemens – gilt die Telekom als ein Vorbild in Sachen Führungsfrauen: Sie haben gleich zwei Damen auf Posten platziert: Claudia Nemat und Marion Schick.

Henkel AG

Auch der Arbeitgeber von Kathrin Menges gilt bereits seit einiger Zeit als Musterknabe – oder vielleicht besser -mädel – hinsichtlich Frauen in Vorständen.

Allein das hat mich schon überrascht – es ist zu diesem Thema doch schon alles gesagt worden (nur noch nicht von jedem, um Karl Valentin vollständig zu zitieren) – und die Vielfalt der Reaktionen darauf hat mich in meinem Sinneswandel nur bestärkt. Fünf Punkte, die aus meiner Sicht eindeutig für die Quote sprechen:

  • Erstens: Dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen, ist unbestreitbar, denn schon die demografische Entwicklung (Stichwort Führungskräftemangel) lässt keinen Zweifel daran zu, dass wir das Potential an Frauen (und der Frauen) intensiver nutzen müssen, wenn wir die Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes sichern wollen.
  • Zweitens: Für die Weiterentwicklung unserer Unternehmen ist zudem der richtige Mix im Management wesentlich, denn die Volatilität der globalisierten Welt und die damit verbundenen immer ungewisseren Entwicklungen haben die Anforderungen an Führung erheblich verändert. Umso wichtiger ist es, mehr Vielfalt in die Führungsebenen der Unternehmen zu bringen; der richtige Mix hilft, besser zu reflektieren und klüger zu entscheiden. Dabei geht es übrigens auch, aber nicht nur um „mehr Frauen“; Vielfalt bedeutet vielmehr einen breit angelegten Strauß von Persönlichkeiten – unterschiedliche Geschlechter, unterschiedliche Nationalitäten, unterschiedliche Disziplinen, unterschiedliche Fähigkeiten, unterschiedliche Lebenswelten. Kurz: Es geht um Menschen mit Ecken und Kanten und klaren Standpunkten.
  • Drittens: Unbestreitbar ist auch, dass sich in unseren Unternehmen schon einiges bewegt hat, denn der Frauenanteil in den Aufsichtsräten liegt immerhin schon bei knapp 20 Prozent. Aber: Nur sechs Prozent der Vorstände sind weiblich und in fast 20 Prozent unserer größten börsennotierten Unternehmen gibt es überhaupt noch keine Frauen auf den Führungsebenen. Und vor allem: Diese wenig beeindruckenden Zahlen sind seid einiger Zeit erschreckend stabil. Deswegen meine ich: Statt immer wieder die bekannten Argumente auszutauschen (wie auch ich hier), brauchen wir einen systematischen Schritt nach vorne; statt einzelne Unternehmen dafür zu feiern, wenn sie eine weibliche Führungskraft berufen (und andere öffentlich abzustrafen, wenn sie eine weibliche Führungskraft abberufen – auch das gehört dazu), brauchen wir eine breite und verbindliche Bewegung, die uns nach vorne bringt: die Quote.

Kommentare (6)

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Herr Chris Frank

02.09.2014, 11:24 Uhr

Herr Schwenker unterliegt bei allen seinen Thesen einem Grundirrtum. Nämlich dass es überhaupt eines Systemwechsels bedarf. Wer legt das fest? Sagen Sie jetzt bitte nicht die Gendergedönsindustrie oder die Politik. Ich vertraue da auf die Märkte, auch auf die Arbeitrmärkte. Wenn ein Arbeitgeber der Meinung ist, dass eine bestimmte Frau für eine bestimmte Position besonders gut geeignet ist, dann wird er diese dafür einstellen. Wenn er nicht der Meinung ist, dann nicht. Das ist alleine seine freie Entscheidung. Und wenn er der Meinung ist, dass er eine bestimmte Frau nicht einstellen will (und auch keine andere), dann hat ihm da absolut niemand, und erst recht nicht der Staat (der als Unternehmer wie mehrfach bewiesen schlicht komplett unfähig ist), da reinzuquatschen.

Herr Wolfgang Trantow

02.09.2014, 11:43 Uhr

Wir brauchen keine Quote! Nirgends! Wir brauchen Qualität. Aber kann man dies von Unternehmensberater erwarten? Verfolgt man die Medien können Sie nur eins empfehlen: Personal entlassen bis auf eine Person: Den Geschäftsführer. dafür muss man diesen mann mehr Boni geben! Solche beraterf sind überflüssig! Warum weigern Sie sich bzw. können Sie nicht Qualität, niedrige Preise, mehr Mitarbeiter und höhere Löhne sowie Verbot von Bon verlangen. In Arbeitsverträgen steht zum Wohl der Firma und nicht Vernichtung sowie ausnehmen der Firma. In den Unis scheint man dies aber nicht mehr lehren zhu wollen!

Herr Rüdiger Müller

02.09.2014, 12:31 Uhr

Interessante Tatsache: weder im Management von Roland Berger, noch im Aufsichtsrat sitzt eine Frau. Hat Roland Berger keine geeigneten Frauen, oder will man hier nur wieder kostenlose PR generieren? Umdenken und Systemwechsel sieht jedenfalls anders aus. Die Quote halte ich dennoch für groben Unfug und unangemessene Einmischung in Unternehmen, davon haben wir bereits genug.

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