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21.11.2013

19:12 Uhr

Gastbeitrag zur WM 2022

„Zuschlag an Katar ist ein tragischer Fehler“

VonClaudia Roth

Der Fußball-Weltverband fällt bisher nicht als Verteidiger der Menschenrechte auf. Höchste Zeit für Fifa-Chef Blatter, Verantwortung für die Missstände in Katar zu übernehmen – und dem Emirat die WM notfalls wegzunehmen.

Grünen-Politikerin Claudia Roth fiebert in der Fußball-Bundesliga mit dem FC Augsburg und ist Mitglied im Kuratorium der DFB-Kulturstiftung. dpa

Grünen-Politikerin Claudia Roth fiebert in der Fußball-Bundesliga mit dem FC Augsburg und ist Mitglied im Kuratorium der DFB-Kulturstiftung.

„Fußball für alle, alle für den Fußball!“ Dieses Motto, mit dem sich Sepp Blatter im Internetauftritt der Fifa vorstellt, wirkt in diesen Tagen wie blanker Hohn. Der Bericht von Amnesty International über schwerste Menschenrechtsverletzungen beim Bau der Stadien für die Fußballweltmeisterschaft in Katar 2022 zeigt: Der unkonditionierte Zuschlag an das menschenrechtsmissachtende Regime war für viele Menschen vor Ort ein folgenreicher und tragischer Fehler.

Die überwiegend aus Nepal, Sri Lanka und Indien stammenden Gastarbeiter, die in Katar die WM-Stadien und die notwendige Infrastruktur bauen, werden nicht nur unter falschen Versprechungen in das Emirat am persischen Golf gelockt. Ihnen werden die Pässe abgenommen – de facto eine Form der modernen Sklaverei, wie wir sie auch aus der Zwangsprostitution kennen. Sie müssen außerdem unter katastrophalen Bedingungen etwa bei über 40 Grad ohne ausreichend Wasser an den Großbaustellen schuften, hausen in menschenunwürdigen Unterkünften, haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Viele sterben an den Strapazen, wie der Guardian bereits im September berichtete. Was wir hier erleben ist die Entrechtung des Rechts.

Fußballweltmeisterschaft in Katar

Katar

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.

Hauptstadt

Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.

Geographie und Klima

Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird.

Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.

Bevölkerung

Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.

Infrastruktur

In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Nationalteam

Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.

Kritik an der Vergabe

Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen.

Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an.

Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.

Winter-WM

Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

Dafür trägt auch die Fifa mit ihrer Entscheidung für Katar die Verantwortung. Aus dieser kann sie sich nicht davon stehlen. Wenn grundlegende Menschenrechte „für den Fußball“ mit Füßen getreten werden, dann dürfen die obersten Vertreter des Weltfußballs also nicht wegschauen. Es ist eigentlich selbstverständlich, dass sie sich unmissverständlich für das sofortige Ende dieses Unrechts einsetzen, scharfe Kontrollen organisieren und Konsequenzen ziehen. Doch die Realität des organisierten Fußballs sieht offensichtlich anders aus. Sepp Blatter hat sich lediglich mit Allgemeinplätzen zu den Vorwürfen geäußert, vom Präsidenten der Uefa, Michel Platini, ist bislang gar nichts außer lautem Schweigen zu vernehmen.

Doch auch ihnen dürfte der höchst problematische Umgang Katars mit persönlichen Freiheits- und elementaren Menschenrechten hinlänglich bekannt sein, er betrifft schließlich nicht nur die Gastarbeiter auf den Baustellen. Der französische Fußballprofi Zahir Belounis wird seit über zwei Jahren aufgrund von Rechtsstreitigkeiten mit seinem Verein in Katar gefangen gehalten. Reisesperren für unliebsam gewordene Ausländer sind übliche Praxis.

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