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13.06.2014

12:09 Uhr

Gastbeitrag zur Wulff-Debatte

„Geht es Ihnen noch gut, Herr Steinbrück?“

VonMichael Konken

Peer Steinbrück ist Christian Wulff zur Seite gesprungen und hat die deutschen Medien scharf kritisiert. Eine Replik auf die Schelte des „Verschwörungstheoretikers“ Steinbrück von Journalistenverbands-Chef Konken.

Michael Konken ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). DJV

Michael Konken ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV).

Zwei bekannte Ex-Politiker haben sich in diesen Tagen zurück in die Öffentlichkeit begeben: Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat am Dienstag sein Buch „Ganz oben, ganz unten“ vorgestellt, Ex-SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat es am Donnerstag in der „Zeit“ besprochen. „Ganz oben, ganz unten“ ist eine Anklageschrift gegen alle, die an Wulffs Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten mitgewirkt haben.

Den größten Anteil schiebt Wulff den Medien und hier insbesondere denen aus dem Hause Springer zu. Steinbrück legt in seiner Rezension in der „Zeit“ noch eins drauf: „Im Falle Wulff wurde aus der scharfen Klinge der Meinungsfreiheit ein Folterwerkzeug.“ Ein harter Satz, eine Behauptung, die aus Chronisten Folterknechte macht. Die Logik des Mannes, der mal Bundeskanzler werden wollte, geht so: Mit seiner Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ hat Wulff es sich mit den Medien verscherzt. Die Journalisten warteten dann nur noch auf eine Gelegenheit, den Bundespräsidenten abzusägen.

Geht es Ihnen noch gut, Herr Steinbrück? Sehen Sie die Journalisten in Deutschland als verkappte Islam-Hasser, womöglich als politische Brandstifter, die sich nach Redaktionsschluss mit Ausländerfeinden ins Bett legen? Wie wenig wissen Sie über das Funktionieren der Medien, dass Sie allen Ernstes ein Komplott der auflagenstärksten Blätter unterstellen, angeführt von der „Bild“-Zeitung?

Meinen Sie, die Chefredakteure von „Bild“, „Spiegel“, „FAZ“ und „Handelsblatt“ träfen sich einmal die Woche in der Kneipe und hätten bis zum fünften Bier ausbaldowert, wen sie als nächstes zu Fall bringen und setzen danach ihre journalistische Kavallerie in Marsch? Halb verkatert entsteht so die Enthüllungsgeschichte, die eine Politiker-Karriere beendet? Heilige Einfalt, will man da ausrufen!

Christian Wulff: Ein Steckbrief

Geburt

Christian Wulff ist am 9. Juni 1959 in Osnabrück als Christian Wilhelm Walter Wulff geboren.

Ausbildung

Sein Abitur bestand Wulff 1980 mit der Note 1,9. Danach studierte Wulff bis 1986 Jura in seiner Heimatstadt Osnabrück.

Beruf

1990 Niederlassung als Rechtsanwalt in Osnabrück .

Partei

1975 CDU-Eintritt, 1978-1980 Bundesvorsitzender Schüler-Union, 1994-2008 Landesvorsitzender in Niedersachsen, seit 1998 stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender.

Abgeordneter

Von 1986 bis 2001 im Rat der Stadt Osnabrück, von 1994 bis 2010 im niedersächsischen Landtag

Wahlen

Niederlagen: 1994 und 1998 erfolglose Kandidatur gegen Gerhard Schröder (SPD) um das Amt des Ministerpräsidenten in Hannover.

Wahlsiege: 2003 Gewinn der Landtagswahl und Ministerpräsident Niedersachsens bis 2010, im gleichen Jahr wird Wulff im dritten Wahlgang zum Bundespräsidenten und somit zum Staatsoberhaupt gewählt.

Familie

Verheiratet: Von 1988 bis 2006 mit Rechtsanwältin Christiane; von 2008 bis 2013 mit Journalistin Bettina.

Kinder: aus erster Ehe Tochter Annalena (geb. 1993), gemeinsam mit Bettina Sohn Linus Florian (geb. 2008); Bettina Wulff hat aus früherer Beziehung Sohn Leander (geb. 2003).

Ja, Herr Steinbrück: Nicht jeder Artikel, der über Sie geschrieben wurde, war fair. Die Skandalisierung des „Stinkefingers“ war nicht in Ordnung. Und ja, Herr Wulff: Es gab Überschreitungen und Übertreibungen einiger Medien. Der Bobby Car im Schloss Bellevue war der berühmte Tick zu viel. Und die Spekulationen über das Privatleben von Bettina Wulff aus der Zeit, als sie noch keine Politikergattin war, hätten sich die Medien besser verkniffen.

Das waren Grenzüberschreitungen, die nicht nur den Wulffs, sondern auch dem Ansehen der Medien geschadet haben. Und die auf Kollisionskurs zu den journalistischen Grundsätzen in Deutschland waren. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass längst nicht alle Journalisten diese Grenzen überschritten haben, dass es das von „Bild“ angeführte Rudel nicht gab.

Kommentare (6)

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13.06.2014, 12:47 Uhr

Steinbrück ist und bleibt ein hochnäsiger, arroganter Kleingeist und ich bin sehr froh, daß er eben nicht Kanzler geworden ist. Das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß ich Frau Merkel für dieses Amt geeigneter halte; sie spielt in der gleichen Liga, nur unauffälliger. Politiker bzw. Staatsmänner von Format gehen anders. Schmidt WAR so einer, leider schafft er es im Alter, sich mit seiner Besserwisserei und seinem Altersstarrsinn bei mir immer weiter zu diskreditieren - was davon übrigbleibt, wenn er mal nicht mehr ist, kommt darauf an, was er noch von sich gibt. Das Maß der Dinge im Hinblick auf die Präsidenten ist nach wie vor Weizsäcker. Herzog vielleicht noch, aber trotzdem nicht die Klasse von Weizsäcker. Und gegen jenen ist Wulff nichts anderes als ein absolut armseliges und geltungsbedürftiges Etwas, das immer noch nicht begriffen hat, warum es abtreten mußte, respektive warum es nachgerade seine PFLICHT gewesen wäre, unbedrängt von alleine zurückzutreten. Der werte Herr soll sich nicht beschweren - er ist unverdienterweise mehr als großzügig alimentiert.

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13.06.2014, 12:55 Uhr

Touché, Herr Konken. Bravo.

Account gelöscht!

13.06.2014, 13:01 Uhr

Herr Wulff komplettierte bei der Pressekonferenz sein Amtsverständnis - und Herr Steinbrück assistierte ihm dabei.
Beide eint in dieser Causa ungewohnt wirkende Larmoyanz, die allerdings kontrastiert mit politischen Ambitionen, denen gegenüber man nicht gewachsen wirken möchte.
Und beiden gelingt das mühelos.
Das kann doch nicht wirklich erstaunen.

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