Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.07.2012

17:40 Uhr

Gastkommentar

Banken müssen sich neu erfinden

VonHugo Bänziger

Risiken senken, strengere Auflagen erfüllen: Die Herausforderungen für die Geldhäuser sind gewaltig - auch, weil sie mit weniger Ertrag auskommen müssen. Ihre Reaktion auf die vertrackte Lage ist umso erstaunlicher.

Hugo Bänziger war Risikovorstand der Deutschen Bank. Deutsche Bank Pressefoto

Hugo Bänziger war Risikovorstand der Deutschen Bank.

Auch wenn die Finanzmarktkrise kaum mehr Schlagzeilen macht, spüren wir ihre Auswirkungen allerorts. Sie begann 2006 mit dem Preiseinbruch bei amerikanischen Wohnimmobilien und erreichte zwei Jahre später mit dem Kollaps des Bankhauses Lehman globale Dimensionen. Verluste in der astronomischen Höhe von 2300 Milliarden Dollar waren die Folge. Nur dreistellige Milliardenpakete der Regierungen verhinderten den Zusammenbruch des Finanzsystems. Noch größere Summen mussten die Staaten ausgeben, um den Kollaps der Weltwirtschaft zu verhindern. Diese Pakete stabilisierten zwar Banken und Wirtschaft, säten aber Zweifel, ob die daraus resultierende hohe Staatsverschuldung tragbar sei. Die Basis für die Schuldenkrise 2010 war gelegt.

Seit Lehman haben die Banken beim Flicken ihrer Bilanzen und Kapitaldecken zwar große Fortschritte erzielt. Der Schock bei Bürgern und Investoren sitzt aber tief. Es wird radikale Änderungen der Geschäftsmodelle brauchen, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Die Initiative liegt heute weitgehend bei Politik und Aufsicht. Banken werden in Zukunft wesentlich mehr Kapital und liquide Mittel benötigen, der Bilanzhebel wird eingeschränkt, Derivate müssen über zentrale Clearingstellen abgewickelt, jede Kapitalmarkttransaktion zum „besten“ im Markt erzielbaren Preis abgeschlossen werden, und Eigenhandel wird untersagt.

Aber es bleibt noch viel zu tun. Die Schockwellen systemischer Risiken verbreiten sich über Zahlungs- und Abwicklungssysteme. Eine zusammenbrechende Bank kann immer noch das Zahlungsverkehrssystem einer ganzen Nation mit sich reißen. Dabei könnte das Problem durch den Transfer von Zahlungsverkehrsfunktionen in konkursgeschützte Tochtergesellschaften gelöst werden. Auch sind wir noch weit von einer Einlagenversicherung entfernt, die es den Kunden gestatten würde, auf geschützte Einlagen zuzugreifen, selbst wenn ihre Bank im Konkurs steht.

Die Offenlegungspflichten der Banken gilt es ebenfalls zu überarbeiten. Trotz Jahresberichten von bis zu 400 Seiten wurden sogar beste Finanzanalysten vom Zusammenbruch vieler Institute überrascht. Es ist kein Zufall, dass Banken mit einem „AA“-Kreditrating dieselbe Marge bezahlen wie ein schwacher „BBB“-Kreditnehmer. Schließlich ist auch die Insolvenzgesetzgebung zu ergänzen. Für Finanzinstitute braucht es einen Passus, der es dem Insolvenzrichter erlaubt, schnell die Passivseite einer Bank umzugestalten und zu sanieren. Mit Besserungsschein und übers Wochenende - falls notwendig.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Hermann.12

06.07.2012, 17:56 Uhr

Es ist nicht damit zu rechnen, das eine Antwort ausddem Bankensystem selbst kommt. Eben weil niemand an dem Ast sägt auf dem er sitzt, wenn er nicht zwingend muss.
Das Problem ist ein Wirtschaftspolitisches.
Und zu dem ein Doppeltes.
Denn schon allein die Formulierung eines neuen Ordnungsrahmens kann katastrophale Folgen haben, eben weil Märkte die Zukunft vor weg nehmen. Die zur Bewältigung der Krise explodierte Geldmenge wird dabei zum spekulativen Schwappen eine kreisenden Schüssel voll Wasser.
Zu viel Wasser, zuviel Schwappen, das nicht mehr beherrschbar ist.
Deshalb ist es sehr schwierig überhaupt nur eine klare Zielvorstellung zu definieren, geschweige denn sie schrittweise auch noch umzusetzen.
Wir haben schlicht keine Kontrolle mehr über das System!
Ohne Reduzierung der Geldmenge gibts, scheitn es kaum möglich die kontrolle über dieses "Schwappen" wieder zu gewinnen. Und bei einer Reduzierung droht der panische Kollaps.
Ob wir uns aus dieser Zwickmühle überhaupt noch befreien können, das ist die eigentliche Frage.
Die Geiter die wir riefen, um unpopuläre Strukturreformen zu vermeiden, sind halt schwer wieder los zu werden, vieleicht gar nicht mehr.

H.

HagenGraf

06.07.2012, 18:40 Uhr

Einen guten Ansatz - zumindest für Regionalbanken - bietet das wertbasierte Geschäftsmodell:
http://www.banknews.at/1/post/2012/07/das-wertbasierte-geschftsmodell-eine-chance-fr-regionalbanken.html

qwertz1

06.07.2012, 18:44 Uhr

Ein wirklich guter Artikel! Genau die Punkte, die angesprochen wurden, müssen in Zukunft auch eintreten. Banken müssen sich wieder auf ihr Kerngeschäft - Zahlungsverkehr, Kreditvergabe und Einlagenverwaltung - konzentrieren. Das Investmentbanking muss drastisch schrumpfen auf eine der realen Wirtschaft angemessene Größe. Zudem sollte man Investmentbanken und Retailbanken radikal trennen in unterschiedliche Unternehmen, so dass es keine Quersubventionierung der Investmentbanken mit billigem Kapital (Kundeneinlagen) mehr gibt und Investmentbanken Staat und Steuerzahler nicht mehr länger über die Kundeneinlagen erpressen können.

Bankmanager müssen wieder ehrbare Kaufmänner werden, die für ihre Kunden und die Wirtschaft einen Mehrwert schaffen. Sie müssen mit dem Geld anderer Leute (unter strengen Auflagen und Regeln) genauso umgehen als wäre es ihr eigenes Geld. Dazu müssen sich die generelle Kultur und die gelebten Werte in den Banken radikal ändern, und die Anreizsysteme und Gehaltsstrukturen müssen sich wieder denen in der realen Wirtschaft anpassen.

Das Problem ist nur, dass solange es keine harten gesetzlichen Auflagen gibt, sich diese notwendigen Änderungen nicht einstellen werden. Bankmanager und Banken an sich verlieren durch diese Änderungen ja massiv an Macht und Einkommen. Solange es keinen Zwang dazu gibt wird sich freiwillig nichts ändern, und es wird weiterhin in großem Ausmass Skandale, Manipulationen, Betrug, Insidertrading, Bankenrettungen und zugleich unverschämte Bonuszahlungen geben.

Ich selbst habe fast 15 Jahre in der internationalen Finanzindustrie gearbeitet und bin sehr froh, dass ich seit längerem wieder in der realen Wirtschaft arbeite. Ich muss gestehen, dass ich einige Probleme zwar gesehen habe, nicht jedoch das Ausmass und die moralischen Abgründe, die sich in den letzten Jahren gezeigt haben!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×