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09.09.2012

15:40 Uhr

Gastkommentar

Das Finanzwesen kann eine gerechtere Welt schaffen

VonRobert Shiller

Im Buch „Märkte für Menschen“ warnt der Ökonom Robert Shiller davor, die Banken und den Finanzsektor zu dämonisieren – trotz der vielen Makel und Exzesse. Für ihn sind sie enorm wichtige Institutionen. Ein Vorabdruck.

Autor Robert Shiller lehrt an der renommierten Yale-Universität. Pressefoto

Autor Robert Shiller lehrt an der renommierten Yale-Universität.

Viele Menschen haben offenbar die fixe Idee, dass die Verantwortlichen für die Finanzkrise ins Gefängnis gehören. Ende 2011 hielt ich vor großem Publikum, das sich wohl mehrheitlich aus Vertretern der Wirtschaft zusammensetzte, einen Vortrag. Manche Zuhörer attackierten mich im Anschluss scharf, weil ich nicht intensiv genug auf die vielen Betrugsvorwürfe eingegangen sei, die im Zuge der Krise gegen Finanzunternehmen erhoben wurden.

Dass sich gerade die Geschäftswelt so echauffierte, überraschte mich, denn von den Anwesenden gingen sicher die wenigsten mit Transparenten auf die Straße. Ebenso erstaunt war ich darüber, dass meine Zuhörer mein eigentliches Thema – die Notwendigkeit einer Demokratisierung des Finanzwesens durch eine Verbesserung der Finanzmarktfunktionen für alle – nicht stärker mit ihren Anliegen identifizierten.

„Nur eine Gegenstimme“: EZB-Rat beschließt unbegrenzte Anleihekäufe

„Nur eine Gegenstimme“

Grünes Licht für EZB-Anleihekäufe

Die Kampfansage von Draghi an die Märkte ist eindeutig: „Der Euro ist unumkehrbar“.

Immerhin griff ich damit doch die grundlegenden Ziele von Occupy Wall Street auf. Natürlich ist Rechtsbruch eine unübersehbare Ursache für die aktuelle Finanzkrise. Doch wer das Problem ausschließlich dort ansiedelt, der verliert meines Erachtens das Gesamtbild aus den Augen. Unser Finanzsystem hat aus vielen verschiedenen Gründen versagt. Wenn wir die tieferen Ursachen der Krise nicht ausräumen, indem wir das System verbessern, dann gehen wir am Kernproblem vorbei – und verpassen die Chance, es zu lösen.

Jeder begangene Betrug sollte geahndet werden. Doch ein plötzlicher Ausbruch krimineller Energie kann kaum der Krise angelastet werden. Der Boom, der in die Krise führte, war mehr oder minder vergleichbar mit einer Autobahn, auf der die meisten Fahrzeuge die erlaubte Geschwindigkeit geringfügig überschritten. In solchen Situationen passt sich der wohlmeinende Fahrer der Kolonne an. Der Untersuchungsausschuss, der sich in den USA mit der Finanzkrise befasste, beschrieb den Boom in seinem Abschlussbericht 2011 als "Tollheit".

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Wie auch immer, in erster Linie kriminell war er jedenfalls nicht. Um das Bild von der Autobahn weiterzuentwickeln, könnte man sagen, dass sich nun die Autohersteller am besten auf die Frage konzentrieren sollten, wie der Fahrzeugverkehr durch neue Technik besser organisiert werden kann – mit perfektionierten Tempomaten, externem elektronischem Feedback und letztlich vielleicht sogar selbstfahrenden Autos, kurz, mit komplexen Systemen, durch die alle ihr Reiseziel leichter und sicherer erreichen.

Wenn das die Zukunft unserer Autobahnen ist, dann sollte die Zukunft unserer Finanzinstitute ähnlich aussehen. All die Protestbewegungen können lediglich eine Unzufriedenheit manifestieren, die sich seit Einsetzen der Finanzkrise in Gesprächen und Blogs wiederfindet.

Die Äußerungen von Demonstranten auf der Straße und verärgerten Unternehmern sind nicht zielführend und zeigen nicht auf, was fehlgeleitet ist und was getan werden sollte. Dennoch zeigen sich in der grundlegenden Unzufriedenheit mit unserem derzeitigen Finanzwesen echte Probleme mit dem System, die aus der Welt geschafft werden müssen – Probleme, die durch neue Gesetze und Vorschriften, die im Kielwasser der Krise erlassen wurden, noch nicht behoben sind.

Kommentare (15)

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Gast44

09.09.2012, 15:58 Uhr

Robert Shiller - was für ein falscher Prophet. Sein Text verursacht extremen Brechreiz bei mir.
Aus Schwarz wird Weiss und aus Finanziellen Massenvernichtungswaffen werden "Finanzinovationen".
Ja natürlich wir brauchen noch mehr Derivate zum Wohle der Menschheit.
Mir fehlen die Worte, fast jeder Satz in dem Gastbeitrag enthält eine dicke Lüge.

Account gelöscht!

09.09.2012, 16:26 Uhr

"Das Finanzwesen kann eine gerechtere Welt schaffen"

Und wenn sich alle an die Regeln halten, der Kommunismus auch.

Es werden sich nicht alle an die Regeln halten.
Wer an der Krippe sitzt, der frisst sich satt und will alles.
Das gilt - von Marx vorhergesagt und jetzt nachgewiesen - für die neue Finanznomenklatura genauso wie für die Sowjets oder die alte Aristokratie.

Es gibt keine Alternative zur demokratischen Kontrolle mit der Möglichkeit, diese Herrschaften wirkungsvoll abzusetzen.
Und aus dem Grund wird uns seit Jahren schon, natürlich alternativlos, ein Grundrecht nach dem anderen abgenommen.
(Wem nutzt hier eigentlich der Kampf gegen den Terror??)

Die Mitglieder des ESM sind immun, niemandem Rechenschaft schuldig und haben das Recht, den Tribut für das Finanzsystem jederzeit ohne Begründung und ohne Widerspruch zu erhöhen und, natürlich alternativlos, innerhalb von 14 Tagen einzutreiben.
Die lokalen Regierungen müssen diesen Tribut ihren Völkern abnehmen.

Woran erinnert mich das nur?
An die katholische Kirche im Mittelalter.
Die hatte ideologisch auch alle Zutaten für eine gerechte Gesellschaft. Wenn nur die Würdenträger nicht gewesen wären.

Gerhard

09.09.2012, 16:43 Uhr

Absolute Themaverfehlung von dem Mann.
Wenn der Studenten ausbilden soll, dann gute Nacht!
Volle Zustimmung zu den beiden vorgehenden Kommentaren.

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