Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.01.2012

06:19 Uhr

Gastkommentar

Der geliehene Sieg des Newt Gingrich

VonJosef Joffe

Nach einer gezielten Schmutzkampagne gegen seinen Kontrahent Mitt Romney ist Newt Gingrich mal wieder der republikanische Shootingstar. Doch für die nächste Vorwahl in Florida werden die Karten neu gemischt.

Wer den amerikanischen Ausleseprozess namens „Primaries“ verstehen will, muss sich an Yogi Berra halten. Der war der beste Baseball-Spieler, den die New York Yankees je hatten. Berühmt ist er freilich auch als Pop-Philosoph geworden: mit seinen scheinbar blöden Sprüchen, die punktgenau die Wahrheit trafen. Jetzt, da der schon abgeschriebene Newt Gingrich den Frontrunner Mitt Romney in South Carolina deklassiert hat, gilt dieser Spruch mehr denn je: „It ain’t over till it’s over“ – vorbei ist es erst, wenn’s vorbei ist.

Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“. picture-alliance / ZB

Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“.

Die Leser dieser Zeitung werden sich kaum noch daran erinnern, wer sonst noch „Spitzenreiter“ oder zumindest aufsteigender Komet unter den Republikanern gewesen ist: Rick Perry, Michele Bachmann, Herman Cain, John Huntsman. Sie sind alle raus aus der Arena. Schon früh haben die politischen Buchmacher auf Mitt Romney gesetzt: den Moderaten aus Massachusetts, den Mann mit der gewaltigsten Wahlkampfmaschine, den Ex-Gouverneur mit solider Regierungserfahrung, den Meister des Geschmeidigen, der allein die Chance hätte, Obama im November zu schlagen. Romney liegt seit Wochen fast gleichauf mit dem Präsidenten; alle anderen liegen oder lagen doppelstellig zurück.

Der alt-neue Shootingstar Gingrich hinkt wie gehabt hinterher. „Makropolitisch“ scheint sich also nach der Sensation von South Carolina nichts geändert zu haben, wenn da nicht zwei vertraute Joker im Spiel wären. Der eine heißt „ABM“ – „Anybody but Mitt“. Die Basis fängt einfach kein Feuer für den Mann mit den besten Chancen. Ein neo-konservativer Witzbold, P.J. O’Rourke, nennt ihn „Bob Dole, aber ohne dessen prickelnde Ausstrahlung“. Zur Erinnerung: Dole war der blässliche Kandidat, der 1996 gegen Bill Clinton abschmierte und danach TV-Spots für Viagra gemacht hat.

Der zweite Joker ist das Yogi-Berra-Prinzip, das der Sportreporter Don Cook wagnerianisch aufgehübscht hat: „Die Oper ist erst gelaufen, wenn die dicke Dame (Brünnhilde) singt.“ Plötzlich ist da eine Viertelmilliarde Dollar auf die Bühne geplumpst: Romneys Privatvermögen. Wo er es herhat? Aus einer allzu kapitalistischen Vergangenheit bei Bain Capital, der Private Equity, die marode Firmen aufgekauft, zerlegt und weiterverkauft hatte – mit den entsprechenden Entlassungswellen.

Die kapitalistische Erfolgsstory sieht bei neun Prozent Arbeitslosigkeit nicht mehr so vorbildlich aus. Just diese Flanke hat Gingrich aufgerollt, der Darling der Konservativen, der plötzlich so redet wie Franz „Heuschrecke“ Müntefering. Damit hat Gingrich Obama ein wunderbares Präsent geliefert, der sich offenbar entschlossen hat, jetzt wieder hell nach links zu blinken – und den eigenen Republikanern eine übelriechende Tonne vor die Tür gestellt. Denn die sind gegen Obama unter dem Banner des kleinen Staates und großen Marktes angetreten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×