Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.07.2012

07:02 Uhr

Gastkommentar

Der Tunnelblick der „Wutökonomen“

VonRudolf Hickel

Die Verfasser des Ökonomen-Aufrufs gegen die Bankenunion zeigen keine Alternativen auf, kritisiert der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. Eine Bankenunion biete die Chance für eine umfassende Reform des Finanzsektors.

Rudolf Hickel„Was zwischen den auffällig wenigen Zeilen angeboten wird, ist eine Mischung aus geschürten Ängsten, harter Anti-Euro-Ideologie und vor allem der Verzicht auf Alternativen.“„ (…)  die von der Sehnsucht nach der D-Mark getriebenen Stammtischparolen den Schriftsatz bestimmen.“ Jochen Stoss

Rudolf Hickel

„Was zwischen den auffällig wenigen Zeilen angeboten wird, ist eine Mischung aus geschürten Ängsten, harter Anti-Euro-Ideologie und vor allem der Verzicht auf Alternativen.“

„ (…)  die von der Sehnsucht nach der D-Mark getriebenen Stammtischparolen den Schriftsatz bestimmen.“

„Liebe Mitbürger“, so beginnt das Pamphlet, das mit der Aufforderung endet „das Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten zu diskutieren“. Was zwischen den auffällig wenigen Zeilen angeboten wird, ist eine Mischung aus geschürten Ängsten, harter Anti-Euro-Ideologie und vor allem der Verzicht auf Alternativen.

Im Zentrum der über 200 Unterzeichner dieses Aufrufs um Hans-Werner Sinn steht die Ablehnung einer Bankenunion um jeden Preis. Beschworen wird die ansonsten nicht mehr zu bremsende Kollektivierung der Staatsschulden aus den Krisenländern in die „soliden Länder Europas“. Ohne den Zusammenhang herzustellen, wirkt die Behauptung einer dadurch erzeugten Megainflation wie ein Totschlägerargument.

Darüber hinaus werden die Profiteure der Rettungsprogramme in der City von London und an der Wallstreet agitatorisch den „hart arbeitenden Bürger anderer Ländern“ gegenübergestellt. Wer auch nur einen Hauch von Begründungen zu diesem bitteren Tobak sucht, der wird bitter enttäuscht. Deshalb entsteht der Vorwurf, dass die von der Sehnsucht nach der D-Mark getriebenen Stammtischparolen den Schriftsatz bestimmen. Dabei leisten sich die „Wutökonomen“ – zutreffend benannt von Olaf Storbeck vom „Handelsblatt“ - handwerkliche Fehler.

Ökonomen-Streit - Die Geschichte

Der ursprüngliche offene Brief

Initiator des ursprünglichen Protestbriefes war der Dortmunder Wirtschaftsstatistiker Walter Krämer. Einen Entwurf des offenen Briefs hatte IMK-Chef Gustav Horn auf seiner Facebook-Seite öffentlich gemacht und seine Empörung über das Werk zum Ausdruck gebracht. Vor der tatsächlichen Veröffentlichung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Donnerstag (5. Juli 2012) wurden noch kleinere Korrekturen an dem Entwurf vorgenommen.

Unterzeichner des ursprünglichen Briefs

Zu den Unterzeichner gehörten renommierte Wissenschaftler wie Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Abeit (IZA) und Charles Blankart, Seniorprofessor für Öffentliche Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium. Zunächst unterschrieben 160 Ökonomen, die Zahl kletterte bis zum 9. Juli 2012 auf über 200.

Inhalt des ursprünglichen Briefs

Die Ökonomen kritisieren, dass zu auf dem EU-Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu folgenschwere Zugeständnisse gemacht wurden. Die Unterzeichner sehen den „Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge“. Es seien „riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar“ für die „Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder“ nicht in Haftung genommen werden dürften.

Für ihre Aussagen wurden die Ökonomen scharf kritisiert, unter anderem vom Handelsblatt (dieser Beitrag basierte auf der ersten Entwurfsfassung des offenen Briefs). Ein Kritikpunkt: Die Aussage, dass die solideren Euro-Staaten für die Bankschulden der anderen Länder haften sollten, sei nicht richtig. Vielmehr gehe es allenfalls um eine gemeinsame Einlagensicherung und eine Rekapitalisierung angeschlagener Institute, aber keine Gesamthaftung.

Erste Gegenreaktion

In einem Beitrag für das Handelsblatt reagierten am Freitag (6. Juli 2012) sieben bekannte Ökonomen rund um den ehemaligen Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup.

„In einer solchen Situation kann es nicht die Aufgabe von Ökonomen sein, mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern“, heißt es darin.

Zu den Autoren des Beitrags zählten zudem Peter Bofinger (Uni Würzburg), Gustav Horn (IMK), Michael Hüther (IW), Dalia Marin (LMU), Friedrich Schneider (DIW Berlin) und Thomas Straubhaar (HWWI).

Protest aus der Politik

Finanzminister Wolfgang Schäuble kritisierte den ursprünglichen Protestbrief scharf. „Finanzwissenschaftler sollten eigentlich mit dem Begriff Bankenschulden verantwortlich umgehen“, sagte Schäuble im RBB-Inforadio. Stattdessen würde eine Verwirrung der Öffentlichkeit betrieben. „Ich finde das empörend.“

Zweite öffentliche Gegenreaktion

Am Freitagabend (6. Juli 2012) machte ein zweiter offener Brief die Runde, in der sich ebenfalls prominente Ökonomen gegen die Aussagen des ursprünglichen Protestbriefs stellten. Mit dabei: Michael Burda (HU Berlin), Martin Hellwig (MPI Bonn), Hans-Helmut Kotz (Ex-Bundesbankvorstand), Jan Pieter Krahnen (Uni Frankfurt), Dennis Snower (IfW Kiel) und Beatrice Weder di Mauro (Ex-Sachverständigenratmitglied).

„Ein gemeinsamer Währungsraum mit freien Kapitalströmen kann ohne eine Europäische Bankenunion nicht sinnvoll funktionieren“, hieß es darin. „Die Beschlüsse auf dem letzten EU Gipfeltreffen gehen deshalb in die richtige Richtung.“

Sondergutachten der Sachverständigen

Ebenfalls am Freitag (6. Juli 2012) präsentierte der Sachverständigenrat der Bundesregierung ein Sondergutachten zur Lage der Euro-Zone. Darin begrüßten sie die Gipfelbeschlüsse als zumindest kurzfristig richtig, eine langfristige Lösung gebe es aber nach wie vor nicht. Die gemeinsame Währung sei in ihrem Bestand gefährdet. Sie verteidigten ihr Modell eines Schuldentilgungsfonds.

Der Sachverständige Peter Bofinger hatte auch die erste Gegenreaktion gegen den ursprünglichen Ökonomen-Protestbrief unterzeichnet.

Der differenzierte Beschluss zur Zukunft der Bankenunion auf dem Euro-Gipfel Anfang Juli wird nicht berücksichtigt. Dort heißt es, dass nur unter harten Bedingungen den Banken Rettungsmittel zur Verfügung gestellt werden. Völlig unwissenschaftlich ist einerseits der Verzicht auf eine Alternative zum Ausbau der Eurowährung durch eine Bankenunion ist. Denn andererseits treibt das Verbot einer Bankenunion den Euro noch tiefer in die Krise. Am Ende bleibt nur noch die Flucht in renationalisierte Währungen.

Die ökonomischen, sozialen und fiskalischen Folgen und damit die „Lasten für künftige Generationen“ werden nicht dargelegt. Mittlerweile liegen Zusammenbruchszenarien des Sachverständigenrats vor, die aus deutscher Sicht von Forderungsausfällen gegenüber zahlungsunfähigen Staaten mit über 3,3 Billionen Euro ausgehen und einen nachhaltigen Zusammenbruch der „ökonomischen Stabilität“ voraussehen. In Folge einer Kettenreaktion wäre eine „währungspolitisches Auseinanderbrechen von Frankreich und Deutschland“ nicht mehr zu verhindern.

Einen Vorteil hat dieses Anti-Euro-Pamphlet: Es sind massive Proteste aus der Wirtschaftswissenschaft im In- und Ausland ausgelöst worden. Die Kritik ist angenehm eindeutig: Wer die Bankenunion als ein Zentrum der Weiterentwicklung des Eurosystems verhindern will, der kann nur dessen Zusammenbruch hinnehmen. Ein erstes Contra präsentierte eine Ökonomengruppe um Peter Bofinger und Gustav Horn mit der Schlüsselaussage: „Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf, schürt Furcht und verweigert einen Fachdiskurs“.

In einem zweiten Contra vor allem durch Banken- und Finanzmarktökonomen wird zuerst die systemische Eurokrise auf „fatale Konstruktionsfehler der Währungsunion“ im Maastrichter Gründungsvertrag durch Francois Mitterrand und Helmut Kohl zurückgeführt.

Kommentare (69)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

16.07.2012, 07:25 Uhr

http://www.unzensuriert.at/content/009328-Island-ermittelt-mit-Hochdruck-gegen-Ex-Banker

Das wäre die einzig richtige Lösung. Leider wird dieser Weg, den die Isländer konsequent beschreiten, in den Medien nicht thematisiert. Warum eigentlich? Sollen die Bürger nicht erfahren dürfen, in welchem Ausmaß sie über den Tisch gezogen werden? Und das es Alternativen gibt? Aber alles natürlich ganz alternativlos - für die Finanz- und Politelite.

Wutbuerger

16.07.2012, 07:25 Uhr

Von Hickel erwarte ich seit Jahren nichts Sinnvolles mehr und diese Erwartung hat er auch dieses Mal nicht enttäuscht.

wolfidoc

16.07.2012, 07:26 Uhr

Eine besser Bankenaufsicht... Rettung nur unter harten Bedingungen... Die Erde ist eine Scheibe... Herr Hickel, wir Bürger glauben diesen Blödsinn nicht mehr. Wir wollen, dass der ganze Euro-Albtraum endlich ein Ende hat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×