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17.05.2012

20:31 Uhr

Gastkommentar

Deutschland gibt Enthaltsamkeit auf

VonGustav Horn

Lange Zeit kaum denkbar - mittlerweile kein Tabu mehr: In Deutschland steigen Löhne und Preise. Damit holt die Bundesrepublik eine längst überfällige Entwicklung nach - und bringt Europa wieder ins Gleichgewicht.

Deutschland bewegt sich. Noch vor wenigen Jahren machte sich scheinbar lächerlich, wer behauptete, dass eine schwache Lohnentwicklung mehr Schaden als Nutzen für die Volkswirtschaft stiften würde. Es wurde argumentiert, dass die Lohnsteigerungen hinter dem Zuwachs an Produktivität und den Lohnsteigerungen in anderen Ländern zurückbleiben müssten, damit die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands steige. Heute, nur wenige Jahre und zwei aufeinanderfolgende Krisen später, findet es selbst der Bundesfinanzminister in Ordnung, wenn die Löhne in Deutschland stärker steigen als im übrigen Euro-Raum.

Gustav Horn ist Chef des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung. dpa

Gustav Horn ist Chef des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

Geradezu sensationell klingt in manchen Ohren die Aussage der Bundesbank, es sei hinnehmbar, wenn die Inflationsrate in Deutschland zeitweilig über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent liege. Dies bedeutet nichts anderes, als dass auch die Lohnsteigerungen entsprechend höher ausfallen können. Auch die EU-Kommission stimmt ein. Woher kommt dieser markante Sinneswandel?

Es ist die harte Realität, deren Lehren sich hier entfalten. Schon in der Finanzkrise 2008 und 2009 wurde nach den Maßstäben des Sachverständigenrates keine Lohnzurückhaltung mehr geübt. Trotz einer massiven Krisenentwicklung blieben die Gehälter der Beschäftigten bei zum Teil drastisch verkürzter Arbeitszeit weitgehend konstant. Das führte dazu, dass in Deutschland im Unterschied zu den meisten anderen Volkswirtschaften die Einkommen der privaten Haushalte und damit deren Ausgaben für Konsum weitgehend stabil blieben. Dies ist eine der wesentlichen Quellen für die überaus kräftige Erholung der Wirtschaft in Deutschland. Zum ersten Mal seit langem war Deutschland bei Wachstum und Beschäftigung erfolgreicher als die meisten anderen Volkswirtschaften - und das ganz ohne schwächelnde Löhne.

Wie wir mittlerweile wissen, sind die Krisen aber noch nicht zu Ende. Der Finanzmarktkrise folgte die Krise des Euro-Raums. In dieser kommt eine Hypothek zum Tragen, die sich seit Beginn der Währungsunion aufgebaut hat. Es ist die Hypothek über Jahre hinweg stabilitätswidriger Preissteigerungen. Die jetzigen Krisenländer wie Griechenland, Spanien und Portugal überschritten - wie oft zu Recht beklagt - das EZB-Inflationsziel deutlich. Das verminderte ihre Wettbewerbsfähigkeit immer mehr und führte zu erheblichen Leistungsbilanzdefiziten. Mit anderen Worten, ihre Verschuldung im Euro-Raum - privat und öffentlich - nahm ständig zu. In einer Zeit, in der die Finanzkrise die Unsicherheit ohnehin massiv erhöht hatte, führte dies zu einem teilweise massiven Verlust des Vertrauens in die Bonität der Schuldner. Die Schuldenspirale nahm ihren Lauf.

Kommentare (35)

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Bitte_nicht_schon_wieder

17.05.2012, 20:40 Uhr

Und Keynes rumpelt mal wieder in seinem Grab und flucht auf seine ignoranten Adapten. Dass dieses längst widerlegte, von linken Ökonomen, die jetzt auch noch im HB eine Plattform finden, dennoch immer wieder aus der Kiste geholte Zeug noch immer rumdümpelt, ist mir unbegreiflich.

Account gelöscht!

17.05.2012, 20:41 Uhr

Die Konkurrenten dt. Unternehmen sitzen in Asien und aufstrebenden Schwellenländern. Diese werden sich sehr, wenn wir aus falsch verstandener "Solidarität" unsere hart erkämpfe Wettbewerbsfähigkeit opfern.
Was tut man nicht alles um den europäischen Freunden zu gefallen.

Rainer_J

17.05.2012, 20:42 Uhr

Deutschland senkt seine Wettbewerbsfähigkeit, um Europa zu helfen? Das soll funktionieren(global gedacht)? Ich denke, wenn die Fleißigen fauler werden, um den Faulen zu helfen, dann ist das der Anfang vom Ende. Wenn gute Schüler extra Fehler machen, damit schlechte Schüler bessere Noten bekommen, dann kann ich nur sagen: Rette sich wer kann!

Das System EUdSSR mit den faulen FPIGS ist absolut am Ende und die Welt (Indien, China, Südamerika, Noramerika) wartet nicht auf Schmarotzer und Tagediebe der EUdSSR!

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