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25.04.2012

14:55 Uhr

Gastkommentar

Die Euro-Krise bleibt gefährlich

VonAart de Geus

Trotz des gigantischen 800 Milliarden Euro starken Rettungsschirms: Die Eurokrise ist noch lange nicht überwunden. Weitgehende Transfers in wirtschaftlich schwache Euroländer sind jetzt dringend erforderlich.

Eine spanische 1-Euro-Münze. dpa

Eine spanische 1-Euro-Münze.

DüsseldorfMit der Einigung auf einen 800 Milliarden Euro umfassenden Rettungsschirm Ende März war die Hoffnung verbunden, dass die Euro-Krise überwunden sein könnte. Die seit Mitte April stark steigenden Zinsen für spanische Staatsanleihen und der sinkende Wert des Euros verdeutlichen jedoch: Die europäische Staatsschuldenkrise ist noch längst nicht überwunden.

Während die Weltbevölkerung in den nächsten vier Jahrzehnten von sieben Milliarden auf über neun Milliarden anwachsen wird, geht die Einwohnerzahl Europas zurück. Zudem altern die europäischen Gesellschaften schneller als der Rest der Welt. Die jungen, aufstrebenden Schwellenländer werden daher auch ökonomisch erheblich schneller wachsen als die entwickelten Volkswirtschaften. In den nächsten fünf Jahren wird beispielsweise für Indien und China ein reales Wirtschaftswachstum von acht bis neun Prozent pro Jahr erwartet. Für die Euro-Zone ist hingegen nur mit 1,5 bis 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum zu rechnen. Zudem ist die Staatsverschuldung in den meisten Schwellenländern wesentlich geringer, was größere politische Handlungsspielräume zur Folge hat, z. B. in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung. In diesem Umfeld ist jede einzelne europäische Volkswirtschaft auf ein wirtschaftlich starkes Europa angewiesen.

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. PR

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Für ein starkes Europa ist die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit jedes Mitgliedstaates notwendig, weil es in einer Währungsunion für die einzelnen Länder nicht mehr die Möglichkeit gibt, die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine eigene Geldpolitik zu verbessern. Um sich in einer Währungsunion wettbewerbsfähig zu machen, bleiben den schwachen Volkswirtschaften deshalb nur zwei Möglichkeiten: Produktivitätssteigerungen oder Lohnsenkungen.

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass beides machbar ist. So ist die Arbeitsproduktivität zwischen 1995 und 2010 in den Niederlanden jedes Jahr um ein Prozent gestiegen und in Portugal und Griechenland sogar um 1,5 Prozent. Und dass Lohnzurückhaltungen möglich sind, zeigt Deutschland: Die realen Löhne und Gehälter sind zwischen 2000 und 2009 um 4,5 Prozent zurückgegangen. Produktivitätssteigerungen und Lohnsenkungen sind notwendige und wichtige Instrumente, aber sie werden nicht ausreichen. Selbst wenn die schwachen Volkswirtschaften ihre Produktivität steigern, werden sie nicht das Niveau der hochentwickelten Volkswirtschaften erreichen. Denn auch diese müssen permanent ihre Produktivität steigern, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dass die Löhne korrigiert werden müssen, wenn sie zu stark gestiegen sind, ist klar. In Spanien stiegen die realen Löhne zwischen 2000 und 2009 um 7,5 Prozent. Aber ein „race to the bottom“ bei den Arbeitskosten führt zu sozialen Spannungen und schwächt die wirtschaftliche Nachfrage.

Kommentare (9)

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25.04.2012, 15:17 Uhr

Das sagen Sie mal sehr deutlich dem deutschen Wähler! Und dann führen wir mal eine Volksabstimmung durch.
Weder das Parlament noch die Regierung haben das Mandat, den deutschen Wohlstand für ein "politisches Projekt" zu verzocken - und genau das passiert gerade!
Deshalb gibt es immer mehr, die mittlerweile nicht nur den Euro loswerden wollen, sondern die gesamte EU. Ich gehöre dazu - und ich bin keine Rechte, sondern eine Liberale! Das hat natürlich nichts mit der FDP zu tun!

Die EU und der Euro sind auf ihrer Todesfahrt. Da nützen auch Ihre Durchhalteparolen nichts mehr!

Account gelöscht!

25.04.2012, 15:19 Uhr

Was für ein haltloses, in sich widersprüchliches Gesülze. Die geforderten Transferleistungen - noch mehr nicht vorhandenes Geld soll auf Pump in Fässer ohne Boden geworfen werden - dürfen also nicht zu einem Nachlassen der Konsolidierungsbemühungen in den Nehmerländern führen, soso. Genau das passiert aber bereits und kann nur so gestoppt werden: Zurück zur Vertragstreue, no Bail Out - jeder haftet selbst für seinen Schuldenberg. Das ist der einzige Weg, alles andere ist Irrsinn und wird uns in den Ruin treiben, ganz schnell.

Pablo_Weizenkeim

25.04.2012, 15:26 Uhr

Mit Verlaub, aber das ist eine in meinen Augen sehr unehrliche Argumentation. Deutschland macht selbst noch Schulden, soll aber (noch mehr) Transfers in andere Regionen leisten. Um die Frage der Finanzierung dieser Transfers drücken sie sich aber elegant herum.

Zitat: "Noch gibt es in der Euro-Zone keine weitgehenden Transfers. Zur ihrem Erhalt sind diese jedoch zwingend erforderlich."

Über dieses "zwingend erforderlich" könnte man trefflich diskutieren (sie vermeiden dies einfach und postulieren nur). Aber nehmen wir mal an, es wäre wirklich so. Dann sollte die Bevölkerung aber auch dringend gefragt werden, ob sie denn bereit wäre, diesen Preis für den Erhalt der Euro Zone zu zahlen. Und diese Frage sollte ganz klar den Preis in Form von Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen benennen. Dann kann jeder für sich eine informierte Entscheidung fällen.

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