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06.06.2012

22:10 Uhr

Gastkommentar

Die große Solidaritätsheuchelei der USA

VonAaron Wiener

Die USA verlangen, dass Berlin mehr tut, um den Euro zu retten. Es solle gegenüber den Nachbarstaaten mehr Solidarität zeigen. Dabei ist Deutschland viel mehr am Gemeinwohl gelegen als den USA selbst.

Aaron Wiener ist freier Journalist und arbeitet für die „Los Angeles Times". PR

Aaron Wiener ist freier Journalist und arbeitet für die „Los Angeles Times".

US-Präsident Barack Obama fordert, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel alles unternehmen soll, um eine Vertiefung der Euro-Krise zu verhindern, damit die USA nicht in deren Strudel geraten. Das ist verständlich, denn in den USA stehen Wahlen vor der Tür.

Was Obama aber nicht ausspricht ist die Tatsache, dass Deutschland bereits größere finanzielle Unterstützung für seine Nachbarn geleistet hat, als die USA jemals an Staaten in Not in Betracht ziehen würden. Ein Blick auf die Fakten: Nach Zahlen des Münchener Ifo-Instituts müsste Deutschland 641 Milliarden Euro aufbringen, wenn die sogenannten PIIGS-Staaten zahlungsunfähig würden.

Das ist mehr als ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Vergleichen wir das einmal mit dem am meisten gerühmten Hilfspakt der Vereinigten Staaten in der Geschichte, dem Marshallplan. Im Verlauf von vier Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA 13 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau Europas ausgegeben. Das entspricht 120 Milliarden Dollar oder 95 Milliarden Euro in heutiger Kaufkraft.

Das ist ungefähr ein Siebtel dessen, was Deutschland in der Euro-Krise aufgebracht hat - und das von einer Volkswirtschaft, die mehr als viermal so groß ist. Derzeit kann Präsident Obama keinen Cent beim Kongress für die nationale Konjunkturstimulierung loseisen. Sogar Programme wie die Arbeitslosenversicherung, lange ein unstrittiges Thema, werden nicht ohne Kontroverse verlängert.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

07.06.2012, 00:05 Uhr

"Was Obama aber nicht ausspricht ist die Tatsache, dass Deutschland bereits größere finanzielle Unterstützung für seine Nachbarn geleistet hat, als die USA jemals an Staaten in Not in Betracht ziehen würden."

Deutschland sollte sich das ständige propagandistische Bashing, dass in der derzeitigen sensiblen Situation, in der z.B. in wärmeren Regionen statt in die Hände zu spucken nur zu gern ein Buhmann für die eigene Misere gesucht wird und deshalb schon an der Grenze zur Hetze ist, nicht bieten lassen und konsquent sachlich aber vernehmlich wie dieser Artikel kontern. Nur so kann eine Erdung der Begehrenden erreicht und verhindert werden, dass diese völlig den Bezug zur Realität verlieren.

Einfach unzumutbar was für absurde Forderungen in einem unverschämten Ton mittlerweile an Deutschland herangetragen werden und das nicht mal um eine nachhaltige Lösung zu finden, worüber man ggfls. reden könnte. Nein, es geht nur darum, diesem durch und durch marod-verrotteten Finanzbetrugssystem noch ein paar Wochen länger den Anschein einer Zukunft zu geben und dafür sinnlos die Altersvorsorge der deutschen Bürger zu verbraten.

Account gelöscht!

07.06.2012, 05:14 Uhr

Innenpolitik
Sowohl beim Aussprechen der Wünsche Obamas als auch beim Zuhören und Verbreiten geht es ausschließlich um Innenpolitik.
Obama sucht Sündenböcke im Ausland für die heimische Misere und Deutschland "braucht" das Bashing um sich innenpolitisch rechtfertigen zu können. Internationaler Druck ist für viele Menschen eben leider immer noch plausibler, als das es in unserem Interesse liegt, den Euro zu stützen, auch wenn es erst einmal Geld kostet.

matze

07.06.2012, 11:14 Uhr

ein sehr guter und für deuschland vitaler artikel - realpolitische abwägung der interessen mit ein wenig aufklärung über die unhaltbaren und zerstörerischen "sauereien" im finanzwesen. bitte mehr davon!

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