Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.06.2012

19:06 Uhr

Gastkommentar

Die richtige Dosis macht's

VonTheodor Weimer

Feste Rahmenbedingungen für das Bankensystem sind dringend notwendig. Doch das hat auch seinen Preis. Ist die Regulierung zu hoch dosiert, kann sie sogar massiv schaden. Und vielleicht ist das sogar schon passiert.

Theodor Weimer ist Sprecher des Vorstands der Hypo-Vereinsbank. dapd

Theodor Weimer ist Sprecher des Vorstands der Hypo-Vereinsbank.

Die Finanzkrise des Jahres 2008 und ihre Folgen verändern die Rahmenbedingungen für erfolgreiche Bankgeschäfte entscheidend. Die Fehler, die von den Finanzinstituten im Vorfeld der Krise unbestreitbar gemacht wurden, haben eine Phase der Deregulierung beendet. Hier war das Eingehen zu hoher Risiken erleichtert worden. Daher war zu erwarten, dass nun neue Regelungen für die Finanzmärkte angestrebt werden. Sie sind in vielen Fällen nachvollziehbar und teilweise auch im langfristigen Interesse der Finanzindustrie.

Mittlerweile ist die massive Re-Regulierung der Finanzbranche auf unterschiedlichen Ebenen - international, europäisch, national - weit fortgeschritten. Die zahlreichen neuen Vorschriften reichen von veränderten Kapital- und Liquiditätsregeln über neue Aufsichtsstrukturen und die Bankenabgaben bis hin zu verschärften Regeln beim Anleger- und Verbraucherschutz. Unbestritten verbessern viele dieser Vorgaben die Stabilität des Systems. Wahrscheinlich gibt es für jede einzelne gute und überzeugende Gründe, deshalb soll über die Sinnhaftigkeit an dieser Stelle gar nicht diskutiert werden.

Die Wirkung der unterschiedlichen Regulierungen darf nicht aus den Augen verloren werden. Dies gilt ganz besonders für die kumulative Wirkung. In der Medizin ist es eine Binsenweisheit: Die Dosis macht das Gift. Ähnliches gilt für die zahlreichen Veränderungen bei den Rahmenbedingungen für die Finanzwirtschaft. Wenn diese für die Banken so stark verändert werden wie derzeit, hat dies Folgen. Entscheidend sind die hohen primären und sekundären Kosten, die durch die neue Regulierung verursacht werden. Also Kosten, die die Banken direkt belasten, und Kosten, die von der gesamten Volkswirtschaft bezahlt werden müssen.

So sehen sich die deutschen Banken derzeit mit massiv steigenden Sach- und Personalkosten konfrontiert, um gegenüber den Aufsichtsbehörden und ihren Kontrollansprüchen jederzeit "lieferfähig" zu sein. Hinzu kommen für einige nicht unerhebliche Belastungen durch die Bankenabgaben.

Ein deutlicher Kostenauftrieb ist auch bei den Kapitalkosten festzustellen: Lagen die Eigenkapitalkosten der Banken bisher bei etwa zehn Prozent, sind es heute rund zwölf Prozent. Darüber hinaus haben sich die Bedingungen für die Refinanzierung durch die Krise und die verschärfte Regulierung deutlich verschlechtert: Einige Refinanzierungsinstrumente, wie beispielsweise Commercial Papers, unbesicherte Bankanleihen oder Verbriefungen, stehen nur noch eingeschränkt zur Verfügung; um die verbleibenden, wie etwa Kundeneinlagen und besicherte Anleihen, herrscht ein verschärfter, kostentreibender Wettbewerb. Damit wird die Refinanzierung von Banken in der Tendenz schwieriger - und teurer.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Mazi

05.06.2012, 00:01 Uhr

"Entscheidend sind die hohen primären und sekundären Kosten, die durch die neue Regulierung verursacht werden. Also Kosten, die die Banken direkt belasten, und Kosten, die von der gesamten Volkswirtschaft bezahlt werden müssen."

Das ist eine Sicht, aber nur die halbe Wahrheit. Man muss den Ertrag den Kosten gegenüber stellen. Die hier angesprochenen "regulatorischen Kosten" sind weitgehendst dem Schlagwort BASEL geschuldet. Was hat BASEL den Banken außer Kosten gebracht?

Betrachten wir den Zeitraum, für den BASEL steht. BASEL lebt seit ca. 20 Jahren. Wie viele Finanzkrisen hatten wir in den letzten 20 Jahren und wie viele in den 20 Jahren davor? Sie brauchen nicht lange nachzudenken. Der Statistiker kommt sofort auf den Zusammenhang und stellt fest, dass BASEL einen signifikanten Anteil an den Finanzkrisen hat.

Der Unbedarfte kommt schnell zu der Aussage, dass die "scharfen Regelungen" von BASEL, die höhere Eigenkapitaldeckung doch nichts mit den Finanzkrisen zu tun haben können.

Der Fachmann kann sehr wohl einen Zusammenhang erkennen. Vor BASEL hatte der Vorstand der Bank eine höhere Verantwortung für die Steuerung der Bank. Die Geschäfte wurden anhand von "Linien" gesteuert. Ein sehr grobes Verfahren. Deshalb wurden die Linien sehr restriktiv gehandhabt.

BASEL hat die Berater reich gemacht. Die Steuerung ist sehr abstrakt geworden und die Zahlen werden in den neu geschaffenen Controlling-Abteilungen täglich ermittelt. Täglich schon, nur nicht konsistent. Große Banken - und um die geht es - kaufen in Tokio und verkaufen in New York. Nachts schlafen die Controller. Kann mir jetzt einer sagen, welche Zahlen der Controller in Frankfurt dem Vorstand am Abend vorlegt? Entweder legt er eine alte Zahl vor, die niemanden mehr interessiert oder eine falsche, weil die Zahlen von verschieden Arbeitstagen stammen.

Betrachtet man die vielen manuellen Zu-Meldungen ergänzend, erkennt man leicht, dass der Erkenntniswert des Reports gegen Null tendieren muss.

Mazi

05.06.2012, 00:07 Uhr

Die Bankenaufsicht entpuppt sich als Papiertiger. Die Finanzkrisen sind zum großen Teil der Verantwortungslosigkeit, der Inkompetenz geschuldet.

Die politische Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer zur Begrenzung des Transaktionsvolumens ist Ausdruck einer hirnlosen alternativlosen Entscheidung von verantwortungslosen Leuten, die die Materie ohnehin nicht verstehen.

Das ist alles reinem Populismus geschuldet und Zeichen geistiger Windstille.

Account gelöscht!

05.06.2012, 13:29 Uhr

In einer echten Marktwirtschaft mit Eigentümerhaftung statt ständigen Bail-Outs könnten wir uns einen grossen Teil der Regulierung sparen.

Das Problem ist nicht die Regulierung sondern die engen Bande zwischen Politik und Hochfinanz, zum Nachteil des Bürgers. Das Problem ist auch die zentrale Planwirtschaft der Notenbanken, die eine Blase nach der anderen produzieren.

Wie sagte letztens jemand, die 70 Billionen Dollar an weltweiten Staatsschulden sind nur die Sicherheiten für die 700 Billionen Dollar im Derivate Geschäft.
Viel Spass beim Bail-Out dieser 700 Billionen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×