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23.12.2011

13:52 Uhr

Gastkommentar

Die verlorene Ehre des Kaufmanns

VonRalf Dahrendorf

Der im Jahr 2009 verstorbene Soziologe Ralf Dahrendorf hat kurz vor seinem Tod Ansichten formuliert, die noch heute hochaktuell sind. Er kritisierte den „Pumpkapitalismus“ und empfahl Ludwig Erhards Aufruf: „Maßhalten“

Der Soziologe Ralf Dahrendorf ist im Juni 2009 gestorben. ddp

Der Soziologe Ralf Dahrendorf ist im Juni 2009 gestorben.

Die Ursachen der Krise lassen sich auf mancherlei Weise bestimmen. Technisch stand am Anfang eine Finanzkrise, die aus der um sich greifenden Versuchung folgte, Geld nur mit Geld und nicht mit der Wertschöpfung von Gütern und Dienstleistungen zu „verdienen“. Mir scheint auch ein wichtiges Glied in der Ursachenkette zu sein, dass dies mit geborgtem Geld geschah. Allerorten trat an die Stelle des klassischen „Sparkapitalismus“ ein „Pumpkapitalismus“. Viele Sitten des ehrbaren Kaufmanns gingen dabei über Bord.

„Wer ist schuld?“ Es sind eben nicht nur Betrüger mit ihren Pyramidenverkäufen oder auch von hohen Renditen verführte Bankiers mitsamt ihren Beratern, sondern ebenso ihre Kunden, die sich nicht mehr mit Renditen von vier oder fünf Prozent für ihre Ersparnisse begnügen wollten. Dennoch trifft die Verantwortlichen im Finanzsektor und darüber hinaus eine besondere Verantwortung. Es gibt offenbar Mentalitätsmoden mit weitreichenden realen Folgen. Nicht nur tonangebende Gruppen werden von diesen erfasst, sondern breite Schichten der Gesellschaft. Die Krise erweist vor allem das Scheitern einer solchen Mentalität. Das macht Abhilfe zu weit mehr als einem technischen Problem.

Was hat das mit der Wirtschaftsordnung zu tun? Viel. Die soziale Marktwirtschaft ist ja nicht nur Wettbewerb plus Sozialversicherung. Aus gutem Grund hat Ludwig Erhard immer wieder zum „Maßhalten“ aufgerufen. Wohlstand für alle setzt eine Gesellschaft voraus, in der der Beitrag der Einzelnen zum allgemeinen Wohl hoch bewertet wird.

Der Begriff der Marktwirtschaft hat nach wie vor einen guten Klang. Was das Beiwort „sozial“ bedeuten soll, ist allerdings nicht immer klar. Der hier angedeutete Gedanke ist eine Marktwirtschaft im sozialen Kontext, die Nachhaltigkeit und Verantwortung als Leitfaden akzeptiert. Mit ebenso zutreffenden Worten kann man auch von einem verantwortlichen Kapitalismus sprechen. Und was ist die Rolle der staatlichen Instanzen bei der Bewältigung der Krise und vor allem danach? Die Frage ist keineswegs so leicht zu beantworten, wie diejenigen meinen, die behaupten, „jetzt muss der Staat zeigen, was er kann“. Manche nennen das auch noch Keynesianismus.

Tatsächlich dürfte das blinde Vertrauen in den („guten“) Staat vornehmlich negative Folgen haben. Protektionismus, Korruption, Verschuldung, unsachliches (wahlkampfbestimmtes) Handeln sind nur einige mögliche Sünden des Staates. Die folgenden vier Anmerkungen verbinden daher den Sinn für die Tiefe der Krise mit einer gehörigen Portion Staatsskepsis.

Kommentare (8)

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Kowalski

23.12.2011, 17:01 Uhr

Ein hervoragender Beitrag. Ralf Dahrendorfs Ansichten sind in der Tat hochaktuell:
„Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet.“

Ralf Dahrendorf, im Dezember 1995

Gast

23.12.2011, 18:04 Uhr

Die Besten haben Deutschland oft den Rücken gekehrt!

Gast

23.12.2011, 18:04 Uhr

Die Besten haben Deutschland oft den Rücken gekehrt!

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