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21.12.2011

22:10 Uhr

Gastkommentar

Die Welt steht kopf

VonMohamed El-Erian

Mohamed El-Erian, der Chef von Pimco, sieht westliche Mächte und Schwellenländer sich einander annähern. Über vertauschte Rollen im Weltwirtschaftssystem.

Mohamed El-Erian, Chef der Pacific Investment Management Company (PIMCO). Reuters

Mohamed El-Erian, Chef der Pacific Investment Management Company (PIMCO).

Vor unseren Augen entsteht eine neue Ordnung der Weltwirtschaft. Dazu gehört, dass die alten westlichen Mächte und die stärksten Schwellenländer sich in gewisser Weise einander annähern. Aber die Kräfte hinter diesem Trend haben wenig mit dem zu tun, was Generationen von Ökonomen an der alten Weltordnung gestört hat. Und sie könnten unerfreuliche Folgen haben.

Jahrzehntelang haben viele Leute die Vorherrschaft des Westens beklagt. Vom Zuschnitt der internationalen Organisationen bis zur Struktur der globalen Finanzbranche schien alles an westlichen Interessen ausgerichtet zu sein. Es wurde zwar viel von Reformen geredet, aber die westlichen Länder haben alle Veränderungen blockiert, die ihre eigene Position untergraben hätten. Und wenn diese Blockade hin und wieder überwunden wurde, kamen nur sehr kleine Veränderungen dabei heraus. Deswegen haben viele Schwellenländer das Vertrauen in das Weltwirtschaftssystem verloren.

Die Skepsis wurde durch die Finanzkrisen in Asien, Osteuropa und Lateinamerika in den späten 90ern und kurz nach der Jahrtausendwende noch geschürt. Vor allem, weil der Westen aus Sicht der Schwellenländer darauf nicht angemessen reagiert hat. Weil sie das Vertrauen in gegenseitige Hilfen und die großen Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) verloren, verlegten sich die Schwellenländer darauf, ihre eigene Finanzkraft zu stärken. Sie häuften daher Reserven in einem früher unvorstellbaren Ausmaß an. Durch hohe und nachhaltige Exportüberschüsse bauten sie ihre äußere Verschuldung ab. Und sie stärkten ihre heimischen Finanzsysteme, um besser gegen Störungen von außen gewappnet zu sein.

Ganz anders im Westen: Hier wurden unvorstellbare Mengen an Schulden aufgehäuft. Finanzielle Exzesse waren eher die Regel als die Ausnahme, begünstigt durch Finanzinnovationen und den Abbau von Kreditstandards und vernünftiger Regulierung. So stellte sich die Welt auf den Kopf: „Reiche“ Länder ließen große Defizite auflaufen und wurden in einigen Fällen aus Netto-Gläubigern zu Schuldnern. Die „Armen“ dagegen häuften durch ihre Überschüsse hohe Vermögen an, darunter auch Forderungen an die westlichen Länder. Und niemand ahnte, dass dies zu Ungleichgewichten und zu einer Krise führen würde, die die Weltwirtschaft bis in ihre Fundamente erschüttert.

Kommentare (14)

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MIRO

22.12.2011, 04:02 Uhr

Respekt vor dem analytischen Sachverstand der hier vorgetragen wird.
Leider ist zu bezweifeln, daß die Politiker in den westlichen Industrienation dies verstehen und in neue politische Entscheidungen einbringen werden.
Leider,werden die Regierungen und ihre handelnden Politakteure weitermachen wie bisher.Zum Teil wegen Unfähigkeit,zum anderen wegen den Abhängigkeiten durch das System.Bestes Beispiel die neuerliche Aktion der EZB rund 500 Milliarden Euro neu zu Drucken und den Banken in Europa diese geradezu aufzudrängen.Der Erfolg wird auch hier scheitern da dieses Geld mit Sicherheit nicht dazu verwendet wird für das was die EZB und die Politiker sich erträumten.Was passieren wird ist; die Anheizung der Inflation in Europa, was ein erneutes Absinken der Wirtschaft und dem ansteigen von Armut zur Folge haben wird.
Europa ist durch Überschuldung ihrer Staaten Handlungsunfähig.Die Verantwortlichen Politiker durch kleinkarierte Querelen in Kleinstaaterei absinkend .
Die westlichen Industrienation sind an einem Punkt angekommen wo sie die Realitäten anerkennen und akzeptieren werden lernen müssen.

gast

22.12.2011, 04:12 Uhr

"Und niemand ahnte, dass dies zu Ungleichgewichten und zu einer Krise führen würde, die die Weltwirtschaft bis in ihre Fundamente erschüttert."
Das ist falsch. Selbst wenn man die Konsequenzen in der Weltwirtschaft nicht überblickt, weiß man, wenn man bis drei zählen kann, was Überschuldung bedeutet.
"Zum Glück ist es noch nicht zu spät für eine Umkehr"
Auch das ist falsch. Es wird keine Umkehr zu vernünftigem Handeln in der EU geben.
Nach einer Überschuldung ist es immer zu spät für eine Umkehr auch das weiß jeder, der bis drei zählen kann.

graintrader

22.12.2011, 09:21 Uhr

Ich halte normalerweise nicht von diesen Hedge Fond Managern, die alles nur machen, um ihren Interessen zu dienen.
Hier aber ist in sehr guter und vor allem neutraler Form uns endlich mal vor Augen geführt worden, wo wir kläglich versagt haben.
Das die Welt sich ändert, ist normal. Normal ist allerdings nicht, dass unsere "Politiker" wider bessres Wissen, sich diesen Realitäten nicht stellen und endlich anfangen, den rest der Welt als gleichberechtigt zu betrachten.

Gerd

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