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16.03.2012

07:27 Uhr

Gastkommentar

Die Wirtschaftswissenschaft braucht Werte

VonMichael Hüther

Die Ökonomik kann nach der Krise nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren. Sie muss sich für neue Methoden und Fachbereiche öffnen und zugleich Farbe bekennen, wo sie stehen.

Michael Hüther fordert Werte für die neue Ökonomik. dapd

Michael Hüther fordert Werte für die neue Ökonomik.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise und die Staatsschuldenkrise haben das Ansehen der ökonomischen Wissenschaft schwer beschädigt. Die herrschende Lehre in der Ökonomik hat die Krise weder vorhergesagt noch erklärt. Noch schlimmer ist, dass sie Mitschuld an den Fehlentwicklungen trägt, die zu der Krise geführt haben. Das gilt insbesondere für die neoklassische Finanzmarkttheorie, die zwar die Institutionen des Finanzmarktes nicht erklären kann und will, aber vehement behauptet hat, dass sich auf den Finanzmärkten jederzeit faire Preise bilden, egal wie riskant die dort gehandelten Produkte sind.

Zugleich hat die Ökonomik gravierende Erkenntnislücken offenbart, vor allem hinsichtlich des Zusammenwirkens von Finanzsystem, industrieller Arbeitsteilung und Welthandel. Auch ist das viel zitierte „systemische Risiko“ nach wie vor eher ein leerer Begriff als ein theoretisch durchdrungenes Konstrukt. Nun geht es hier nicht um Anklage und Vorwurf, sondern um die Frage, wie die Ökonomik auf ihre Versäumnisse und Fehler am sinnvollsten reagieren sollte. Notwendig ist eine differenzierte, konkrete Kritik des ökonomischen Mainstreams, ohne ihn gleich völlig zu verwerfen.

Doch wer für eine solche Haltung plädiert, der gerät schnell von zwei Seiten unter Beschuss: einmal von den Vertretern des neoklassischen Mainstreams, die sich gerne mit Hinweis auf ihre Methodologie gegen Kritik immunisieren. Sie sehen den Fortschritt in Gefahr, den sie durch die Formalisierung wirtschaftlicher Abläufe ohne Zweifel erreicht haben. Auf der anderen Seite fordern Vertreter anderer methodischer Ansätze, die neoklassischen Modelle komplett zu verwerfen. Sie sehen meist nur den jeweils eigenen Ansatz als zukunftsfähig an.

Diese unversöhnlichen Positionen machen eines sichtbar: Sprachlosigkeit herrscht nicht nur zwischen den verschiedenen Disziplinen vom gesellschaftlich bedeutsamen Handeln des Menschen, wie der Soziologie und der Ökonomik, sondern ebenso zwischen den verschiedenen Schulen innerhalb der ökonomischen Zunft. Doch das führt zu nichts. Die Fundamentalkritiker müssen die Frage beantworten, was nach der Neoklassik kommen soll. Gerne wird da die Verhaltensökonomik als überzeugender Kandidat genannt. Sie meint, den Kern neoklassischer Theorie zu treffen, indem sie den zweckrationalen, eigennutzorientierten Homo oeconomicus infrage stellt.

Kommentare (17)

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16.03.2012, 08:49 Uhr

Ich kann nur raten, die Österreichische Schule der Ökonomie zu studieren. Hier finden sich die logischsten und vernünftigsten Ansätze.

POPPER

16.03.2012, 09:40 Uhr

Teil 1
Herr Hüther stellt in seinem Kommentar wieder einmal mehr sein rhetorisches Talent unter Beweis. An der Problembeschreibung fehlt dennoch die objektive Einsicht, dass die Ökonomik durch den nicht zuletzt auch von ihm vertretenen Neoliberalismus mit seiner Angebotstheorie in Verruf geraten ist. Insbesondere, da sie bei ihrer Theorienbildung jede ethische Verantwortung ablehnt und das einzelne Individuum so behandelt, als stünde es in seiner Verfügungsmacht, selbstbestimmt am Markt zu agieren. Das trifft auf die heute völlig vermachteten Gütermärkte nicht mehr, und auf den Finanzmarkt überhaupt nicht zu. Da hilft auch kein Verweis auf den Homo oeconomicus, der ohnehin über die behauptete Theorie, er verfüge über sämtliche Marktinformationen, nie hinausgekommen ist. Hüthers rhetorische Frage, was nach der Neoklassik kommen soll, endet mit einer Relativierung, indem er geschickt unterstellt, die Reduzierung des Idealtypus Homo oeconomicus sei fehlgeleitet, weil es ja um die Frage geht, ob der Idealtypus sinnvolle theoretische Ableitungen ermöglicht. Hier könnte man böse antworten: Nichts ist so schlecht, dass nicht auch was Gutes übrig bleibt. Nur, das hilft in der Diskussion um die Werte in der Ökonomik nicht weiter. Der Idealtypus impliziert ja geradezu Überfrachtungen der ökonomischen Wirklichkeit. An dieser Stelle wird auch erkennbar, wie Hüther, immer dann, wenn er partout an seinen Überzeugungen festhalten will, eine probate Volte schlägt, indem er eine Reductio ad absurdum einführt. Nur, die "stabilen Präferenzen" sind ja Teil der Idealisierung und insoweit wenig hilfreich zu wissenschaftlichen Einsichten zu kommen. Auch die Nutzenmaximierung ist eine theoretische Unterstellung, die gerade durch die Verhaltensökonomik widerlegt wird.

POPPER

16.03.2012, 09:43 Uhr

Teil 2
Das ist auch gar nicht sinnvoll zu bestreiten, wenn man weiß, dass noch so viele Einzelfallpräferenzen nicht die Gesamtheit der Faktoren benennen kann, die für ein Ereignis ursächlich sind. Und das nicht aus erkenntnistheoretischen, sondern ontologischen Gründen. Dennoch, Hüther scheint allmählich zu dämmern, dass die intellektuellen Kapriolen vergangener Tage nicht mehr überzeugen. Auch wäre wieder die Erkenntnis in der Ökonomik vonnöten, dass es vor der Neoklassik bereits eine Makroökonomie gab, die sich an den real terms orientierte, die nicht versuchte die „Schwäbische Hausfrau“ zur Idealfigur der Volkswirtschaft hochzustilisieren und den Leuten einredet Kostenreduktion sei das Allerheiligste der Ökonomik, bei der die Würde des Menschen völlig auf der Strecke bleibt.

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