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21.12.2011

15:04 Uhr

Gastkommentar

Dreimal „Nein“ für die Menschenwürde

VonConstantin Baron van Lijnden

Verletzen Casting-Shows die Menschenwürde? Constantin Baron von Lijnden ist Jurist und freier Journalist. Seiner Meinung nach müssten die Landesmedienanstalten beim Trash-TV eingreifen.

Constantin Baron van Lijnden ist Jurist und freier Journalist in Düsseldorf. privat

Constantin Baron van Lijnden ist Jurist und freier Journalist in Düsseldorf.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein kurzer Satz, zu dem viel geschrieben wurde. Hauptkritikpunkt immer wieder: Der Begriff der Würde ist unklar, ihre Verletzung nicht einfach zu bestimmen. Besonders große Probleme haben dabei offenbar die Landesmedienanstalten, wie ein Blick ins deutsche Fernsehen schnell beweist.

Dort sieht man dann zum Beispiel Raymund R., Schüler, 17 Jahre alt, mit seiner „sehr, sehr, sehr, sehr schlechten“ (O-Ton der Jury) Intonierung von „Die Perfekte Welle“. Zugegeben: Raymund kann wirklich nicht singen, die offensichtlich große Aufregung tut das ihre, er fällt durch die erste Castingrunde – so weit, so harmlos. Mit der Zerstörung des deplatzierten Kindheitstraumes ist es aber natürlich nicht getan, denn wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen, am allerwenigsten im deutschen Fernsehen. Deshalb bekommt Raymund nun zu hören, dass seine Stimme kein Echo erzeugen würde, „weil Echos haben auch Geschmack“. Das ist nicht mal pointiert oder witzig, aber allemal beleidigend, und verfehlt die beabsichtigte Wirkung nicht: Der Junge bricht erst in Tränen aus und dann zusammen, Arzt und Vater eilen herbei, Stabilisierungsversuche im Studio, die Kamera hält natürlich voll drauf. Halbwegs wiederhergestellt verlässt der Unglückliche Minuten später den Saal, Bohlen lässt keine Chance zum Nachtreten ungenutzt verstreichen und weist seine Assistenz an: „Kannst du nochmal hinter ihm hergehen und sagen: Drei Mal Nein? Er hat ja die Wertung noch nicht mitgekriegt!“

Nun könnte man sagen: selbst schuld. Wer sich freiwillig dem bekanntermaßen harschen Urteil der DSDS-Jury aussetzt, der hat eben mit den Konsequenzen zu leben. Man könnte aber auch in Betracht ziehen, dass R. und die zahllosen anderen, die von Dieters Verbalattacken niedergemäht wurden und werden, vielleicht ein Problem mit ihrer Selbstwahrnehmung, ihrem Persönlichkeitsbild und ihrer Psyche im Allgemeinen haben, das sie daran hindert, die Folgen ihres Auftritts akkurat abzuschätzen. Man könnte ebenfalls zu dem Urteil kommen, dass eben diese Urteilsschwäche von gezielt agierenden Programmplanern ausgenutzt wird, um sie zum Objekt öffentlicher Bloßstellung zu machen. Ja, man könnte sogar für einen Augenblick den Vergleich zum realen Leben wagen, wo sich ähnliche Sachverhalte durchaus zutragen. Wer hätte nicht schon einmal erlebt, dass ein Mitschüler, Kommilitone, Kollege oder sonstiger Bekannter sich mit einem schlechten Vortrag oder einer missglückten Präsentation blamiert hätte? In der Erfahrung dieses Autors fällt die Reaktion der Umstehenden jedoch zumeist anders aus: Gelacht wird allenfalls hinter vorgehaltener Hand, Kritik wird behutsam geübt, die Gefühle des Delinquenten werden geschont.

Kommentare (10)

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Tiefpunkt-Karlspreisverleihung

22.12.2011, 14:30 Uhr

Peinlicher ist nur die Verleihung des Karlspreises. Dieser entstand aus dem Geltungsbedürfnis der Provinz, sich mit vermeintlich großen Namen zu schmücken.Erbarmungswürdig der Fernseh-Anblick von bedeutungslosen Bürgermeistern, herausgeputzt mit dicken Ordensketten, geschmückt wie Ochsen für den Almabtrieb. Über die Jahre eskalierte die piefige Veranstaltung. Heute bietet sie dubiosesten Lobbyisten die Bühne, sich gegenseitig zu salben.
Die Übertragung der Karlspreisverleihung beleidigt Intelligenz und Würde der entmündigten Bürger.

Tiefpunkt-Karlspreisverleihung

22.12.2011, 14:30 Uhr

Peinlicher ist nur die Verleihung des Karlspreises. Dieser entstand aus dem Geltungsbedürfnis der Provinz, sich mit vermeintlich großen Namen zu schmücken.Erbarmungswürdig der Fernseh-Anblick von bedeutungslosen Bürgermeistern, herausgeputzt mit dicken Ordensketten, geschmückt wie Ochsen für den Almabtrieb. Über die Jahre eskalierte die piefige Veranstaltung. Heute bietet sie dubiosesten Lobbyisten die Bühne, sich gegenseitig zu salben.
Die Übertragung der Karlspreisverleihung beleidigt Intelligenz und Würde der entmündigten Bürger.

AxelSiegler

22.12.2011, 16:02 Uhr

Wenn jemand ein "Problem mit seiner Selbstwahrnehmung" hat, so ist das SEIN Problem. Der -wohl auch jeden noch so nichtigen Vorwand für masturbative Machtentfaltung suchende- Autor sollte gefälligst aufhören, dies zum Problem der anderen machen zu wollen - nur, um anderen endlich wieder (Sende-)Verbote aufzwingen zu können. Jeder hat für sich selber die Verantwortung zu übernehmen - jemanden dazu zu zwingen, neben der eigenen auch noch die Verantwortung für andere zu tragen -nur, um den anderen dann von der eigenen Verantwortung freizusprechen-, ist knallharte -ewig linke- Ausbeutung! Der einzige Mehrwert dieses zweifelhaften "Kommentars" besteht im Unterhaltungswert der zitierten Bohlen-Zoten - dafür: DANKE!

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