Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.04.2012

19:41 Uhr

Gastkommentar

Endlich über Israel reden

VonJosef Joffe

Nach Günther Grass' Israel-Gedicht ist die Debatte über Waffenlieferungen in das Land wieder voll entbrannt. „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe verlangt, dass Deutschland endlich Stellung bezieht.

Demonstranten vor der deutschen Botschaft in Tel Aviv. dapd

Demonstranten vor der deutschen Botschaft in Tel Aviv.

Die oberirdisch veröffentlichte Meinung zum Grass-Gedicht war flächendeckend kritisch. Doch im Untergrund wallt die Wut. An die 90 Prozent der Online-Kommentare sind schauderhaft – von „Endlich hat’s einer gesagt“ bis zum offenen Israel- und Judenhass. Nur die Regierung redet nicht – sagt nur lapidar, dass sie nicht Literaturkritik betreibe. Da hat die Kanzlerin recht. Aber recht haben und behalten sind zweierlei, zumal der Barde nicht nur Israel, sondern auch die Berliner attackiert hat. Denn Deutschland mache sich „mitschuldig“, wenn Israel mit deutschen U-Booten einen „Erstschlag“ gegen den Iran führe.

Was sich die Kanzlerin bloß gedacht habe, fragen die Vaterlandsverteidiger, als sie die Sicherheit Israels“ zur „deutschen Staatsräson“ erhob. Ob das „Nibelungentreue“ oder gar „Kadavergehorsam“ bedeute? Raunen in den Talkshows, Grölen im Netz, Schweigen im Kanzleramt. Da muss Merkel wohl Teil jener Verschwörung sein, die Israel-Kritik mit betonharten Tabus ummauert habe.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Räsonieren wäre besser als finassieren in der Außen- und Sicherheitspolitik, wo die Regierung seit eh und je lieber Wohlgefälliges auffährt. Über deutsche Interessen zu reden schickt sich nicht. Realpolitik stört bloß die brave neue Welt, in der es keine Feinde, nur Feindbilder gibt. In der alle Konflikte durch guten Willen gelöst werden. In der wir keine Waffen in „Spannungsgebiete“ schicken.

Irgendwie hat es Deutschland geschafft, so zum drittgrößten Waffenexporteur auf Erden aufzusteigen. Dabei sind auch jene sechs U-Boote, die Grass zwar als erpresste „Wiedergutmachung“ etikettiert, aber deutschen Interessen genauso dienen wie die fünfzig Jahre alte Waffenpartnerschaft.

Das realpolitische Argument wäre einfach: Gerade um einen „Erstschlag“ zu verhindern, wollen wir ein Israel, das sich sicher genug fühlt, um in einer nuklearen Konfrontation mit Iran eben nicht als Erster auf den Knopf zu drücken. Deshalb die U-Boote, die im Schutze der Meere eine „gesicherte Zweitschlagsfähigkeit“ hergeben. Das ist gut für die gefährlichste Region auf Erden, dito für uns und Europa.

Aber wir wollen es so weit nicht kommen lassen; deshalb die bislang schärfsten Sanktionen gegen Iran. Und siehe da: Teheran will wieder verhandeln. Warum die iranische Bombe stoppen? Nicht um Israel schönzutun, sondern um Saudis, Ägypter und Iraker von der Nachahmung abzuhalten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×