Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.07.2012

13:42 Uhr

Gastkommentar

Haftungsunion gefährdet Deutschlands Wohlstand

VonHeinrich Weiss

Ex-BDI-Präsident und Chef der SMS Group, Heinrich Weiss, hält eine Haftungsunion in der Euro-Zone für unverantwortlich. Er sieht den jahrzehntelang erarbeiteten Wohlstand in Deutschland in Gefahr.

Heinrich Weiss warnt vor einer Haftungsunion. SMS Group

Heinrich Weiss warnt vor einer Haftungsunion.

Die drei Jahre andauernden Versuche, die Euro-Zone zu stabilisieren, entzweien nicht nur Volkswirte und Politiker, sondern auch die deutsche Wirtschaft. Mit Erstaunen haben viele die opportunistischen Positionen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zur Kenntnis genommen, der die Etablierung einer Gemeinschaftshaftung für die Staatsschulden in Europa entgegen jeder ordnungspolitischen Vernunft unterstützt und die Familienunternehmer für ihre strikte Ablehnung kritisiert.

Für angestellte Unternehmenschefs, die heute vielfach nur noch in Fünfjahreszeiträumen denken wie die meisten Politiker, mag die Haltung des BDI zur Euro-Krise opportun sein. Für selbstständige Unternehmer, die in Generationen denken, ist eine Haftung ohne Schadensbegrenzung unverantwortlich. Bereits vor Abschluss des Maastricht-Vertrags habe ich auf die Gefahren einer verfrühten Gemeinschaftswährung hingewiesen.

Als ich 1991 als BDI-Präsident mit meinem französischen Kollegen, dem Chef des Patronats, das Thema besprach, wies dieser mich in aller Offenheit darauf hin, dass Deutschland hier den Preis für die französische Zustimmung zur Wiedervereinigung zu bezahlen habe: „Wir möchten die Deutschen langfristig an der Finanzierung der riesigen ungedeckten Pensionslasten im französischen Staatshaushalt beteiligen."

Also verspätete Reparationsleistungen? Bei allen gelungenen Währungsunionen in der Geschichte kam erst der Handel, dann die politische Einigung und zum Schluss die gemeinsame Währung. Der Euro wurde gegen alle Erfahrungen als ein Hebel für die politische Einigung eingeführt. Inzwischen sehen wir, dass die dadurch entstandene Krise eher zur Spaltung als zur beschleunigten Einigung Europas führt.

Die vor allem von Theo Waigel durchgesetzten Konvergenzkriterien sollten den Deutschen Vertrauen in den Euro geben und Fehlentwicklungen vorbeugen. Schnell wurde aber deutlich, dass ein Währungssystem mit 17 Staaten ohne einen „CEO" an der Spitze führungslos ist.

Spätestens mit den nicht sanktionierten Vertragsverletzungen Deutschlands und Frankreichs wurde das Vertragswerk ausgehebelt, die Glaubwürdigkeit der europäischen Institutionen beschädigt und der Weg zu weiteren Gesetzesbrüchen geebnet.

Kommentare (30)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

imnamenderkinder

07.07.2012, 13:59 Uhr

Danke für diesen excellenten Kommentar!

Rapid

07.07.2012, 14:14 Uhr

Uneingeschränkte Zustimmung.
Wenn zwei Übel drohen, muss man das kleinere wählen und das kleinere Übel ist in diesem Fall eine Modifizierung der Währungsunion, entweder die Begründung eines Nord-Euro mit dafür geeigneten Ländern oder der Austritt aus der Währungszone. Deutschland treibt Handel mit der ganzen Welt und verkauft dorthin seine Produkte nicht nur in die Euro-Staaten innerhalb der EU.
Frankreich bildet nunmehr eine Achse mit Italien und Spanien, Deutschland muß sich notgedrungen neu positionieren.

Account gelöscht!

07.07.2012, 14:28 Uhr

Herr Weiss, meine Hochachtung für diesen Artikel, vor allem über Aussage der realen Intentionen unseres französischen Nachbarn.

So sehr sicherlich jedem an einem friedlichen und prosperierenden Europa liegt, der Euro ist ein gigantischer Spaltpilz. Das selbsternannte Primat der Politik über die Ökonomie führt in die Katastrophe.

Wenn wir die Retterei so weiter laufen lassen und noch mehr zentralistische Organe wie eine europäische Finanzagentur, ESM, Bankenaufsicht oder Eurobonds schaffen, desdo schlimmer wird die Katastrophe am Ende sein.

Wenn die Nordländer diese Organe bestimmen, werden irgendwann die Südländer verzweifelt auf die Barrikaden gehen, und wenn andersrum die Südländer bestimmen, gehen die Nordländer auf die Barrikaden. Möglicherweise kommt es sogar zu Besetzungen von Ländern oder Sezessionskriegen um die Abspaltung von Ländern aus der Eurozone zu verhindern.

Schöne neue Welt. Der Euro bringt den Frieden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×