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08.12.2011

15:54 Uhr

Gastkommentar

Klarer Sieg für die Islamisten in Ägypten

VonJosef Joffe

Ägypten hat in der ersten freien Wahl nach Hosni Mubarak für den Glauben, nicht für die liberale Demokratie gestimmt. Die Menschen suchen in der Religion einen neuen Halt. Davon profitiert das Militärregime.

Ägyptische Wahlhelfer zählen die Stimmen aus. Am Ende wird eine Mehrheit für die Islamisten festgestellt. dpa

Ägyptische Wahlhelfer zählen die Stimmen aus. Am Ende wird eine Mehrheit für die Islamisten festgestellt.

Das ägyptische Wahlvolk hat gesprochen, und die Botschaft verheißt dem arabischen Frühling keine reiche Ernte. Die Moslemische Bruderschaft erhielt 37 Prozent, die salafistische Al Nour, die gerade mal zehn Monate alte Partei der reaktionären Religiösen, schaffte auf Anhieb ein Viertel der Stimmen. Kurz: mehr als 60 Prozent für die Islamisten.

Die demokratiebeseelten jungen Menschen, denen wir in Tunis, dann in Kairo zugejubelt hatten, haben diese Wahl verloren. Aber hatte nicht Ägypten die besten Chancen? Anders als im Jemen, in Libyen und in Syrien war die Revolution eine fast friedliche - genauso wie in Tunesien. Anders als alle anderen arabischen Staaten mit ihren willkürlichen Grenzen ist Ägypten eine uralte Nation mit hoher ethnischer Homogenität, die nicht von Stammeskonflikten zerrissen wird. Folglich bräuchte das Land nach Mubarak keine eiserne Hand, die in Syrien, im Irak den Machtkampf der Sekten und Völker erstickte.

Friedlicher Umsturz und nationale Identität, lehrt die historische Erfahrung, sind die besten Voraussetzungen für Demokratie, wenn man diese als "leben und leben lassen" und als unblutige Rivalität um die Macht versteht. Die Überraschung ist beklemmend: Die Liberal-Säkularen der bürgerlichen Mitte haben gerade mal 13 Prozent der Stimmen gewonnen. Die jungen Blogger und Aktivisten, die auf dem Tahrir-Platz bis zur letzten Minute weiterdemonstriert hatten, statt sich um Mobilisierung und Wahlkampf zu kümmern, haben gerade mal 336 000 Stimmen (von neun Millionen) geschafft. Wieder einmal zeigt es sich, dass die harte Wirklichkeit nicht so ist, wie sie sich vor den TV-Kameras und in den sozialen Medien präsentiert.

Dass die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Bruderschaft 37 Prozent eingefahren hat, ist noch die beste Nachricht, aber sie geht einher mit dem Triumph der Salafi-Fundamentalisten. Die Al Nour (Das Licht) ist im westlichen Sinne verfassungsfeindlich. Die Partei fordert die Vorherrschaft der Scharia über das Zivilrecht; sie verwirft selbst die Idee einer Verfassung. Marktwirtschaft und Parteien sind ihr Anathema. Einer ihrer Führer, Scheich Schahat, hat es im Wahlkampf ohne Wenn und Aber verkündet: "Freiheit, Gleichheit und Staatsbürgerschaft werden durch das islamische Gesetz eingeschränkt." Wer ein "richtiger" Ägypter ist, bestimmen wir, was die christlichen Kopten, ein Zehntel des Volkes, nicht beruhigt hat.

Kommentare (2)

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ThomasWieder

08.12.2011, 16:32 Uhr

Wer der Moslembruderschaft Ägyptens Gemäßigtkeit zuerkennen möchte, sollte sich nur daran erinnern,daß die in Gaza fundamentalistisch-diktatorisch herrschende Hamas eine spiegelbildliche Schwesterpartei der Moslembrüder ist.

Renommierte Beobachter denken,daß die "Brüder" zumindest für eine Weile keine Regierungsverantwortung anstreben,weil sie wissen,daß auch sie keine Lösung für die wachsende wirtschaftliche Not der Ägypter anzubieten haben und sich dabei nicht "aufreiben" wollen.Vielmehr streben sie eine Kontrolle über das Parlament an,von wo aus sie das zukünftige Antlitz Ägyptens maßgeblich gestalten werden.
Thomas Wieder,Israel

WFriedrich

08.12.2011, 17:05 Uhr

Zitate: 1. „Die demokratiebeseelten jungen Menschen, denen wir … in Kairo zugejubelt hatten, haben diese Wahl verloren“.
2. „Die Al Nour ist im westlichen Sinne verfassungsfeindlich“.

Die beiden Zitate zeigen uns, wie realitätsfernes Wunschdenken an die Stelle besseren Wissens gesetzt worden ist. Hier im Handelsblatt wurde über die Warnung unserer Auslandsdienste und die darauf gegründeten Sorgen berichtet. Nicht jeder scheint das ernst genommen zu haben. So behaupten wir nun keck, die jungen Menschen vom Tahir-Platz seien nicht auch Islamisten-Wähler gewesen. Auch die Annahme, dass die Revolutionäre den westlichen Verfassungen nacheifern würden, war reines Wunschdenken und durch Aufklärungserkenntnisse nicht gedeckt. Israel, das solche Entwicklungen befürchtete oder zumindest nicht ausschloss, wurde dafür gescholten.

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