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20.12.2011

12:58 Uhr

Gastkommentar

Neues Chaos

VonJoseph Stiglitz

Die Politiker sind die wirtschaftlichen und politischen Probleme in Europa und den USA halbherzig angegangen - und zu spät. Damit werden sie die Welt 2012 in eine neue Depression stürzen.

Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreistraeger Joseph Stiglitz. dapd

Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreistraeger Joseph Stiglitz.

Das Positivste am Jahr 2011 ist, so ein Spötter kürzlich, dass es vermutlich besser war als 2012. Doch ich sehe weitere positive Aspekte: Die USA scheinen endlich den gähnenden Abgrund zwischen dem obersten Prozent und dem Rest der Amerikaner wahrzunehmen. Und die Protestbewegungen der Jugend, vom arabischen Frühling über die spanischen "Indignados" bis zu den Wall-Street-Besetzern, haben offengelegt, dass mit dem kapitalistischen System etwas absolut nicht in Ordnung ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sich aber die wirtschaftlichen und politischen Probleme der USA und Europas, die bis jetzt völlig falsch angegangen wurden, 2012 weiter verschlimmern. Vorhersagen für das folgende Jahr hängen mehr als üblich von der Politik ab. Wirtschaftliche Prognosen sind schon schwer genug, aber bei politischen Voraussagen sind unsere Kristallkugeln noch stärker vernebelt. Trotzdem möchte ich hier mein Möglichstes tun.

Die Staatsführer Europas werden nicht müde, ihre Verpflichtung zu betonen, den Euro zu retten. Aber diejenigen, die dazu in der Lage wären, sehen keinerlei Verpflichtung, das dazu Nötige zu tun. Sie haben eingesehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession steigt und die Problemländer der Euro-Zone ohne Wachstum nicht ihre Schulden unter Kontrolle halten können. Aber sie haben nichts getan, um Wachstum zu fördern. Sie befinden sich in einer Todesspirale.

Das Einzige, was die Zinsen niedrig hält und damit den Euro kurzfristig rettet, ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Ob man es gutheißt oder nicht: Die einzelnen Staaten werden momentan durch die EZB finanziert. Deutsche Politiker haben dies missbilligt, und die EZB fühlt sich dabei nicht wohl, hat ihre Käufe limitiert und verlauten lassen, dass der Euro anstatt durch die Zentralbank durch die Politiker gerettet werden müsse. Aber die politischen Maßnahmen waren halbherzig und kamen zu spät. Das wahrscheinlichste Szenario: Sparmaßnahmen, schwächere Volkswirtschaften, mehr Arbeitslosigkeit und fortlaufende Defizite, während die europäischen Politiker immer nur das Mindeste tun, um die Krise kurzfristig zu entschärfen. Kurz gesagt: mehr Chaos.

Der Tag der Abrechnung, an dem der Euro zusammenbricht oder Europa die erforderlichen Maßnahmen ergreift, könnte 2012 kommen. Die Politiker werden zögern, Europa wird leiden, ebenso wie der Rest der Welt.

Kommentare (7)

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Beobachter

21.12.2011, 08:42 Uhr

Das "neue Chaos" ist in diesem desaströsen Szenario vor allem die totale Vermengung der Probleme der US-Wirtschaft mit denen der europäischen Währungsunion. In diesem Artikel gehen beide Problemfelder chaotisch ineinander, dabei sind sie ursächlich getrennt voneinander zu betrachten - besonders, wenn man wissenschaftlich vorgehen will, was ja bei Stiglitz unterstellt werden darf.
Die Lage ist tatsächlich zu ernst, um wirren Keynesianern so ausgiebig das Wort geben zu können, bevor sie sich selbst ein klares Bild gemacht haben.
An der katastrophalen Finanzlage der US-Staatshaushalte sind Leute á la Sitglitz, Krugmann, Galbraith jr. usw. unmittelbarst beteiligt, und es wäre an der Zeit, diese Leute kritischer zu besehen und sie nicht als die Gralshüter ökonomischer Einsicht zu behandeln.
Was steht in diesem Artikel mehr drinnen, als dass der Euro zusammenbrechen wird, wenn die Europäer nicht dieselbe exponientiell wachsende Geldmenge produzieren werden und die US-Wirtschaft inzwischen in ihrem eigenen Fiat-money erstickt?

Die Prognose von Sitglitz ist düster, aber noch düsterer ist das theoretische Fundament
seiner Prognose.

Viktor

21.12.2011, 11:37 Uhr

Die Krise haben buchstäblich die Banken - die Finanzindustrie verursacht. Die politische Schuldfrage liegt in einer blinden Begleitung dieser vorgegebener Doktrin.

Die Aufhebung des Glass - Steagall Akts von 1999 ist die erste Ursache dieser Krise und deutet auf Grund der Entwicklung an Absichten eine ganz neue Art der Diktatur der fragloser Umverteilung zu etablieren.

Wenn die wahre produktive Kräfte so gar die wahren Besitzer des Kapitals (unzählige kleine Privatanleger) nur noch als Mittel zum Zweck einer fraglosen Obrigkeit benützt werden, dann ist die selbstverständliche Folge bei der Entdeckung des Betruges eine anwachsende Unzufriedenheit mit solchem Umverteilingsmodell. Übrigens die Umverteilung wird wie bei Mafia erzwungen, alles dahinten ist eine bunte, immer mehr weniger verständliches Schreien und Murmeln...

Das System, das die Krise möglich machte ist doch streng geplant und gegenwärtig handelt sich nur um eine Zwischenepisode in der Richtung der Festigung einer realen Finanzdiktatur.

RD1

21.12.2011, 18:11 Uhr

Bevor ich Ihren Kommentar gelesen habe, dachte ich wie wirr der alles zusammenwürfelt. Mal spricht er von Europa, dann wider von Amerika, wendet seine Erkenntnisse über Amerika auf Europa an usw.

Meine Güte, der Mann ist Nobelpreisträger.
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