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13.01.2012

22:45 Uhr

Gastkommentar

Planlose Weltwirtschaft

VonHarold James

ExklusivDurch die Finanz- und Schuldenkrisen zeigten sich die Schwächen der Wirtschaftsmodelle der USA und Europas. Als Orientierungmaß könnte man nun nach China schauen. Doch auch die dortige Strategie birgt Gefahren.

Harold James ist Geschichtsprofessor an der Princeton University. Charly Kurz/laif

Harold James ist Geschichtsprofessor an der Princeton University.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat zuerst das amerikanische Kapitalismusmodell diskreditiert und anschließend die europäische Variante. Nun sieht es so aus, als ob auch der asiatische Ansatz ein paar Schläge einstecken dürfte. Und so stellt sich nach dem Scheitern des Staatssozialismus die Frage: Gibt es denn keine richtige Methode, eine Volkswirtschaft zu organisieren?

Im Gefolge der Subprime-Krise und des Zusammenbruchs von Lehman Brothers galten die USA als ein Beispiel dafür, wie schlimm die Dinge fehlschlagen können. Dies war die Diagnose, die der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück damals stellte: Das Problem liege in der übermäßigen Abhängigkeit von hochkomplexen Finanzinstrumenten, die von globalisierten amerikanischen Finanzinstituten ausgegeben würden. Steinbrücks Nachfolger Wolfgang Schäuble fuhr im selben Ton fort und attackierte die „planlose“ amerikanische Geldpolitik, die angeblich nur darauf ausgerichtet sei, das amerikanische Finanzmonster zu füttern.

Doch eine derartige Kritik ignoriert die Probleme jener Banken, die keine komplexen Finanzprodukte nutzen. Die Bankenaufsichten hatten lange darauf beharrt, dass das Finanzinstrument, das ein Höchstmaß an Sicherheit böte, eine von einem reichen Industrieland begebene Staatsanleihe sei. Dann kam die Staatsschuldenkrise der Euro-Zone, die ihre Wurzeln in den laxen Staatsfinanzen einiger (meist südeuropäischer) Länder hatte.

Die Kritiker hatten jetzt einen neuen Fokus. Natürlich waren viele konservative Amerikaner hocherfreut vom unmittelbar bevorstehenden Versagen dessen, was sie als das Steuer- und Ausgabenmodell Europas mit seiner Abhängigkeit von einem kostspieligen und ineffizienten Wohlfahrtsstaat ansahen.

Sie waren nicht die einzigen: Der Vorsitzende der China Investment Corporation, Jin Liquin, bezeichnete Europa als „verschlissene Wohlfahrtsgesellschaft“ mit „angestaubten“ Wohlfahrtsgesetzen, die zu Abhängigkeit und Faulheit führten.

Eines der am häufigsten verwendeten chinesischen Wörter entspricht der deutschen „Schadenfreude“: Jemand anders – irgendeine andere Gesellschaft – ist auf einer politischen Bananenschale ausgerutscht. Die nach Amerika und Europa blickenden asiatischen Kritiker konnten sich mit Leichtigkeit überzeugen, dass das westliche Modell des demokratischen Kapitalismus dabei ist, zusammenzubrechen.

Doch sind ähnliche Anlageinvestitionen und steil in die Höhe schießende Immobilienpreise nicht auch ein zunehmend wichtiger Teil des chinesischen Wandels seit den 1990er-Jahren? Chinas Bürger jedenfalls fragen sich auch, ob ihre Regierung die richtigen Prioritäten gesetzt hat.

Kommentare (7)

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AlexanderBerg

14.01.2012, 00:11 Uhr

Dann braucht's ein neues Wirtschaftsmodell - nach dem ganzheitlich/systemischen Ansatz, der Kommunikations-, Informations-, Funktions- und Prozessstrukturen wirksam miteinander verbindet.

opport

14.01.2012, 02:26 Uhr

"Dann kam die Staatsschuldenkrise der Euro-Zone, die ihre Wurzeln in den laxen Staatsfinanzen einiger (meist südeuropäischer) Länder hatte." Entschuldigung, bitte. Da liegen Sie leider falsch. Die Rettung etlicher Banken erhöhte die Verbindlichkeit der Staaten und machte sie ingesamt handlungsunfähiger. Von "laxen Staatsfinanzen" würde ich deshalb nicht sprechen. Vieleicht einfach mal einen Blick aufs eigene Land werfen. Übrigens hat es schon immer schon Spekulation gegeben seit Börsen bestehen. Nur die Ursachen dessen, die unnatuerliche Niedrigzinsen der Zentralbanken, werden selten bis garnicht angesprochen. Dies sind auch unbequeme Wahrheiten.

Einanderer

14.01.2012, 09:17 Uhr

Planlos? Wieso planlos? Es gibt mehr als genug Pläne. Nur perfekt sind sie halt nicht, die Pläne.

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