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08.04.2012

10:10 Uhr

Gastkommentar

So geht es nicht!

VonKlaus Engel

Der Chef von Evonik und Präsident des Verbandes der chemischen Industrie über die mangelhafte Umsetzung der Energiewende und falsch gesetzte Subventionen.

Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder. dpa

Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder.

Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima herrscht immer noch große Verwirrung über die Energiewende. Deutschland soll bis zum Jahr 2022 aus der Atomenergie aussteigen. In acht Jahren soll sich der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf mindestens 35 Prozent erhöhen. Optimistisch wird dabei angenommen, dass sich der Primärenergiebedarf im gleichen Zeitraum um 20 Prozent verringert.

Um diese Ziele zu erreichen, versucht unser Land, über groteske Subventionen eine Industrie für regenerative Energie zu etablieren. Mit zweifelhaften Nebenwirkungen. Denn es ist bis heute nicht einmal gelungen, Einigkeit in zentralen Fragen zu erzielen: weder bei den Kosten, die Industrie und Verbraucher zu schultern haben, noch bei den Zuständigkeiten oder gar den notwendigen Schritten für Netzausbau, Netzstabilität und die Planung neuer Kraftwerke.

Dabei sind Industrie und Gesellschaft auf einen klaren und systematischen Prozess zur Umsetzung der Energiewende angewiesen. In diesem Jahr muss die entscheidende Weichenstellung erfolgen. Sonst ist die Zukunftsfähigkeit der deutschen Industriegesellschaft gefährdet. Das Ziel soll eine sichere, umweltverträgliche und preislich wettbewerbsfähige Energieversorgung für Industrie und Verbraucher sein. Dabei sind noch eine ganze Reihe technischer und rechtlicher Probleme ungelöst.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die deutsche Industrie diese Herausforderungen meistern wird, aber ich zweifle zunehmend daran, dass die Politik den richtigen Weg eingeschlagen hat. Denn noch sind auch viele gesellschaftlich zu lösende Fragen offen: Wie sollen neue Stromtrassen und Verteiler-Strukturen gegen lokale Widerstände durchgesetzt werden? Wo bleiben die Beschleunigungsgesetze und die neuen Beteiligungsformen an den Planungsverfahren? Sind die Erfahrungen mit Stuttgart 21 verarbeitet worden?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Energiewende nach Fukushima war richtig! Ich habe die Entscheidung der Bundeskanzlerin mit Nachdruck unterstützt, denn selbstverständlich hat die Industrie den Primat der Politik anzuerkennen.

Aber nicht mal innerhalb der Bundesregierung gibt es klare Zuständigkeiten. Dabei müssten nicht nur Bundesumwelt- und -wirtschaftsministerium eine gemeinsame Linie finden; vom Bundesbauministerium sprach bisher keiner, obwohl hier die Zuständigkeiten für Energie-Effizienz, Gebäudesanierung, neue Stromtrassen, neue Formen der Bürgerbeteiligung bei großen Bauprojekten und Infrastrukturmaßnahmen angesiedelt sind. Wir benötigen dringend einen Energie-Koordinator in der Bundesregierung. Dazu sollte die Zuständigkeit der Bundesnetzagentur ausgeweitet werden. Aber – mit Verlaub – es reicht längst nicht, wenn die Regierung endlich an einem Strang zöge. Die nationale Handlungsanleitung muss zuvor gemeinsam mit der Industrie erarbeitet werden. Es geht um nicht weniger als einen neuen Gesellschaftsvertrag zur Energieversorgung.

Kommentare (14)

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bitschleuder

08.04.2012, 13:52 Uhr

Die Beobachtung der Auswirkungen der Energiewende ist korrekt. Leider stellt sich der Autor aber nicht die grundsätzliche Frage, ob die Energiewende überhaupt technisch möglich ist.
Wäre sie es, dann läge das Problem in der Tat einzig und allein bei der unfähigen Bundesregierung, die sie blockiert. Aber: hat sich die Dampfmaschine dank der klugen englischen Politik im 19 Jh. etablieren können- oder waren es nicht viel mehr die engl. Kapitalisten, die sie im wahrsten Sinne des Wortes als Motor der Industrialisierung einsetzten. Und auch die Industrialisierung war kein Selbstzweck sondern lukratives Geschäftsmodell !
Die Ökostrombranche kann ohne die polit. motivierten Subventionen nicht leben. Sie ist ein reines politisches Kunstprodukt. Und bis heute hat sie sich daraus nicht lösen können. Die Technik ist halt noch nicht soweit. Wenn mal Energiespeicher im TWh- Bereich entwickelt sind, dann wird auch die regenerative Energie großtechnisch genutzt werden, weil mit ihr abseits aller Politik echtes Geld verdient werden kann. Und das dauert wohl noch ein bis zwei Jahrzehnte...

azaziel

08.04.2012, 14:09 Uhr

@ Klaus Engel – Sie scheinen ein ziemlicher Hasenfuss zu sein, sonst wuerden Sie sich nicht mit einer derart devoten Ergebensheitsaddresse an die Regierung wenden. Die Energiewende war eine von Opportunismus gepraegte, voellig unueberlegte Handlung, die panikartig umzusetzen versucht wird. Und wenngleich der Wunsch nach einer Energiewende berechtigt ist, ist diese Form der Energiewende eben nicht richtig. Das haben Sie doch klar erkannt! Sie beschreiben es doch sehr zutreffend. Finden Sie klare Worte und sagen Sie Frau Merkel, sie soll sofort mitsamt ihrem Gruselkabinett zuruecktreten. Diese Leute bringen nichts zustande, in keinem einzigen Bereich politischer Themen!

Den Schwachsinn vom Primat der Politik kann ich nicht mehr hoeren. Vorrang hat die RECHTSSTAATLICHKEIT und die wird fortlaufend mit Fuessen getreten, auch in der Energiewende! Und nicht nur da, auch in der Europa-, Waehrungs- Steuer- und Verkehrspolitik werden fortlaufend rechtsstaatliche Prinzipien verletzt. Die Subventiospolitik in Sachen Energiewende ist wirtschaftlicher Irrsinn. Mit Milliarden hat Deutschland die chinesische Solarindustrie gefoerdert. Die deutsche Solarindustrie ist dagegen ein Scherbenhaufen. Jetzt muessen wir nur noch darauf warten, dass die deutsche Regierung die Solarindustrie im krisengeschuettelten Nordafrika und in Griechenland mit Subventionen foerdert.

Herr Engel, ihre Analyse ist korrekt, aber Sie muessen mehr Biss entwickeln!

Account gelöscht!

08.04.2012, 18:05 Uhr

Ich stimme der Analyse des momentanen Stands bei der (neuen) Energiewende im Wesentlichen zu. Die Stromnetzbetreiber können ihrer gesetzlichen Verpflichtung beim Ausbau der Netze nicht nachkommen, weil diese notwendige Investitionen lange Zeit verschleppt haben und jetzt ganz schnell neue Leitungskapazitäten benötigt werden. Es ist wie beim Autofahren - Wenn man zu spät losfährt kommt man in Stress wenn man sein Ziel pünktlich erreichen will und dann plötzlich ein Stau auf der Autobahn entsteht weil ein unvorhersehbarer Unfall die Strecke blockiert.
Die deutsche Industrie, die Stomversorger und die Stromnetzbetreiber hätten schon beim ersten Beschluss für den Atomausstieg damit anfangen müssen die Netze und alles andere auf die Zeit nach der Kernkraft vorzubereiten. Die Industrie (vor allem die großen Stromerzeuger) haben darauf vertraut, dass eine Bürgerliche Regierung den Atomausstieg rückgängig macht, wenn diese wieder ans Ruder kommt. Dadurch haben wir wertvolle Zeit verloren.
Und dann noch der unvorhersehbare Erfolg der Photovoltaik. Mittlerweile wird die Energiespitze um die Mittagszeit an manchen Tagen komplett von der Sonne abgedeckt. Dies alles konnte man nicht vorhersehen, damals vor 11 Jahren. Auch wenn der Strom aus PV teuerer ist als aus Windkraftanlagen, die PV ist eine Technik die lautlos, langlebig und damit kompatibel zu Wohngebieten ist. Erzeugung nahe beim Verbraucher. Das kann man von Windkraftanlagen nicht sagen. Das ist und war gut angelegtes Geld.
Trotzdem muss zur Umsetzung der Energiewende ein koordiniertes Vorgehen und ein straffes Projektmanagment installiert werden (wie von Klaus Töpfer in der Ethik-Kommision zu Energiewende gefordert), das auch die Befugnisse hat, notwendige Dinge durchzusetzen - Im Rahmen der Gesetze. Diejenigen die diesen neuen Gesellschaftvertrag formulieren und umsetzen wollen, sollten wir alle unterstützen. Die deutsche Industrie muss aber dabei auch mitziehen und nicht nur auf möglichst niedrige Kosten bestehen!

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