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13.03.2012

07:51 Uhr

Gastkommentar

„Social Media hat die Langeweile getötet“

VonIbrahim Evsan

Wir haben ein Paralleluniversum geschaffen, in dem wir außerhalb unseres Ichs präsent sein müssen, um uns im digitalen Strom zu behaupten, sagt der Online-Pionier Ibrahim Evsan. Damit haben wir die Langeweile verbannt.

Ibrahim Evsan zählt zu den wichtigsten Web-Gründern. Bekannt geworden ist er durch seine Plattform Sevenload. Sein neues Projekt heißt „Social Trademarks“, eine Art VIP-Service für die persönliche Reputation im Netz. obs

Ibrahim Evsan zählt zu den wichtigsten Web-Gründern. Bekannt geworden ist er durch seine Plattform Sevenload. Sein neues Projekt heißt „Social Trademarks“, eine Art VIP-Service für die persönliche Reputation im Netz.

Wir haben uns eine zweite Welt geschaffen, außerhalb unseres eigenen Ichs, die digitale Welt aus Bits und Bytes. Aber das interessiert uns nicht mehr. Es funktioniert. Der internet-normierte Mensch, wir nennen ihn Fluid, tut nach Watzlawick alles, um „nicht nicht zu kommunizieren”. Wir lassen ein zweites Ich auf die Menschheit los, das sich durch unsere Online-Arbeit mit digitalem Leben füllt. Wir befüllen die „Maschine” Internet mit unseren Daten. Dabei lernen wir, die Maschine zu bedienen ohne dabei die Algorithmen zu verstehen. So handeln wir auch im Internet, besonders in Social Media. Die Maschine wird unser Lebensraum.

Wir haben uns verlängert um das Internet. Die Hülle des Menschen, die ihn überall hin mit verfolgt. Schleichend, und ohne dass wir es uns bewusst sind, haben uns Maschinen die Arbeit abgenommen, aber auch die Arbeitswilligen zusammen gebracht. Crowdsourcing – die Verteilung der Aufgaben ins Netz ist heute für die fluiden Nutzer selbstverständlich.

Wie schütze ich meine Daten vor Facebook?

Welche Daten sollte ich in sozialen Netzwerken veröffentlichen?

Wer ein Profil in einem Netzwerk anlegen möchte, muss persönliche Daten preisgeben. Wichtig sind dabei zwei Entscheidungen: Welche Daten gebe ich an – und wer darf diese Daten lesen? Wer soziale Netzwerke zur Jobsuche nutzt, sollte einen kleinen Einblick in seine persönlichen Interessen geben. Kritisch können aber etwa Fotos aus dem Privatleben sein: Denn so weiß schnell auch der Arbeitgeber, was auf der Feier am vergangenen Wochenende geschehen ist. Der beste Datenschutz ist natürlich, Daten gar nicht erst zu veröffentlichen. Und: Das nachträgliche Löschen von Daten nützt nicht immer etwas – häufig finden sich irgendwo Spuren der alten Informationen oder Fotos.

Wie kann ich verhindern, dass Facebook mein Surfverhalten aufzeichnet?

Seiten wie das Technikportal Heise.de binden den „Gefällt mir“-Knopf nicht direkt ein, sondern laden ihn erst, wenn der Nutzer das wünscht. Diese Funktion gibt es aber nur auf wenigen anderen Seiten. Wer die Datensammlung abwehren will, kann verhindern, dass der Facebook-Knopf geladen wird. Nutzer des Browsers Firefox können dazu den Werbeblocker AdBlock-Plus nutzen. Wie sie die Filterregeln richtig einstellen, lässt sich leicht mit einer Suchmaschine herausfinden. Das Verfahren funktioniert auch mit anderen Netzwerken wie Google+. Facebook-Mitglieder können auch ihre Cookies löschen, sodass der Server nicht erkennt, dass er ein Mitglied vor sich hat.

Welche Daten sammelt Facebook durch den „Gefällt mir“-Knopf?

Viele Websites binden den „Gefällt mir“-Button von Facebook ein. Ob das Soziale Netzwerk beim Besuch einer solchen Seite Daten sammelt, hängt davon ab, ob der Nutzer ein Facebook-Konto hat. Von Nicht-Mitgliedern wird die IP-Adresse an das Unternehmen übertragen. Diese eindeutige Zahlenkombination bekommt ein Internetnutzer zugewiesen, wenn er sich ins Internet einwählt – sie funktioniert wie das Nummernschild am Auto. Bei deutschen Nutzern werden die letzten Stellen der Ziffernfolge allerdings gestrichen, sodass die Daten anonym sind. Von Mitgliedern wird mehr übertragen: Unter anderem die Seite, auf welcher der Facebook-Knopf geladen wurde, die Uhrzeit und der Browsertyp, den der Surfer nutzt. Ob jemand Mitglied ist, erkennt Facebook an einem Cookie, einer kleinen Textdatei, die beim Einloggen auf seinem Computer gespeichert wird.

Was passiert mit den Daten, die im Internet über mich gesammelt werden?

Oft werden die Informationen für Werbung verwendet, die genau auf den jeweiligen Nutzer zugeschnitten ist. Arbeitgeber nutzen das Internet auf der Suche nach Informationen über Bewerber. Die leichtsinnige Preisgabe persönlicher Daten kann aber auch finanzielle Folgen haben. So nutzen Kriminelle immer wieder Kreditkarten-und Bankverbindungsdaten, um illegal Geld abzubuchen.

Wie immer im Leben müssen wir zwischen dem Eigenbild und dem Fremdbild unterscheiden. Das Eigenbild ist ein Abbild dessen, was wir in uns und um uns herum erblicken, alles, was wir uns geschaffen haben, um zu die Persönlichkeit zu werden, die wir sind. Das Netz kategorisiert uns, und wir helfen ihm dabei (z.B. Klout.com). In jeder Form der Kommunikation argumentieren wir von diesem Eigenbild aus, wir können gar nicht anders. In der direkten Kommunikation „face-to-face”, erkennen wir die Reaktionen auf das was wir sagen, was wir sind und können reagieren, wenn wir missverstanden werden. In der digitalen Welt haben wir keinerlei Kontrolle mehr über das, was von uns wahrgenommen wird.

Kommentare (9)

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Ben

13.03.2012, 10:14 Uhr

Konditionierung durch technische und kulturelle Institutionen - jetzt auch durch die Innovation Social Media - ist kein neues Phänomen. Da stimme ich Ibrahim Evsan nicht zu. Wir lassen uns an der Oberfläche durch unsere Gesellschaft, Kultur, die uns umgebende Ideologie und Propagande (v.a Werbung), durch unsere Nationalität, durch Religion, durch unsere Sozialisation und Erziehung konditionieren und prägen und verjagen unsere Langeweile und Leere. Nun kommt eine neue kulturelle und technische Entwicklung hinzu: Social Media. Daneben gibt es noch tiefere Konditionierungen wie unser Streben nach Eigentum, Prestige, Macht und Dominanz. Und das können wir ja auch mit Social Media ganz gut ausleben.
Jeder hat aber die Wahl (auch wenn es schwierig ist) sich seiner Langeweile und Leere zu stellen, und erst dann kann richtige Kreativität entstehen (nicht im Sinne einer Kreativität der Kommunikations- und Werbebranche, die eher der Hirnerweichung gleicht). Da stimme ich mit Ibrahim Evsan überein.

Benjamin Frick

Kattskralle

13.03.2012, 11:57 Uhr

Natürlich kann man ausrufen "Heureka - wir haben die Langeweile getötet". Doch man kann den Sachverhalt auch ebensogut mit dem "totschlagen von Zeit" umschreiben. Wir schlagen also eigene (und fremde) Lebenszeit tot in dem wir multiplizierte Informationen tauschen.

Ob dies auf Dauer Bestand haben wird wage ich zu bezweifeln. Denn hier fehlt ja eigentlich ein objektiv nachvollziehbarer Nutzen oder Vorteil.
Im Rahmen einer wirklichen Freundschaft hat man nämlich die Möglichkeit auch Dinge anzusprechen die "schwierig" sind. Hier gibt es folglich auch eine echte Hilfe bei der Lösung von (allen möglichen) Fragen oder Problemen.
Und an diesem Punkt verläuft die Trennlinie zwischen wirklicher Substanz und Smalltalk. Substanz nutzt/hilft - Smalltalk ist artige Zeitverschwendung. Genaugenommen nur die Simulation von Kommunikation.
Ja und das wird auf Dauer ebenfalls langweilig. Dann ertappen wir uns als Nutzer eben dabei daß wir immer mehr "Kontakte" degradieren um fortan von deren Meldungen verschont zu sein. Wir fragen uns selbst wer überhaupt noch unsere Eigenen Statusmeldungen liest. Manchmal klicken wir artig "gefällt mir" weil uns der Betreffende einfach leid tut. Kurzum - die Sache verkommt zu nichtssagenden Ritualen die man dann früher oder später vielleicht als so lästig empfindet daß man den Account löscht oder einfach nicht weiter pflegt.
Um ehrlich zu sein: Ich bin bereits an diesem Punkt angekommen. Mein Account ist nicht mehr als ein Hinweis darauf wie man mich online und per Telephon erreichen kann. Von den "Facebook-Freunden" hat übrigens noch keiner angerufen - und mailen tu´ich eigentlich auch nur mit den Leuten mit denen ich schon vorher enger befreundet war. Kann man mit der Wahrheit daß sich das Gros der Menschen nicht wirklich für einen interessiert - kann man auch gut ohne Social Media leben.
Aber vielleicht ist das ja der springende Punkt: Social Media als eine Art Simulation sozialer Interaktion die eigentlich fehlt.

sonnemond

13.03.2012, 13:36 Uhr

Ist doch ganz einfach.

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