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03.06.2012

14:54 Uhr

Gastkommentar

Solarbranche muss sich dem Markt stellen

VonPeter Schwartze

Billigkonkurrenz, Preisdruck, fehlende Wettbewerbsfähigkeit: Was heute in der Solarindustrie geschieht, hat die Textilbranche längst hinter sich, schreibt deren Verbandschef. Staatsprotektionismus hilft nicht.

Deutschland in den 60er-Jahren: Die Textil- und Bekleidungsindustrie made in West Germany bietet einer Million Menschen Beschäftigung. Aber dann beginnt die Globalisierung der Branche. China wird im Laufe weniger Jahrzehnte zum größten Textilproduzenten. In Deutschland schließen Tausende Betriebe. Hunderttausende verlieren ihre Arbeit.

Was vor 40 Jahren in der deutschen Textilindustrie geschah, das erleben wir heute in der Solarbranche. China schafft es, Solarzellen in guter Qualität deutlich günstiger anzubieten als deutsche Hersteller. Aber wir fragen uns nicht, wie wir besser werden können. Sondern führende Produzenten, allen voran Frank Asbeck, der Chef von Solarworld, fordern Strafzölle. In den USA wurde sein Ruf bereits erhört. Brüssel soll noch vor der Sommerpause nachziehen.

Peter Schwartze ist Präsident des Gesamtverbands Textil und Mode. PR

Peter Schwartze ist Präsident des Gesamtverbands Textil und Mode.

Rückblickend frage ich mich: Haben wir damals etwas grundlegend falsch gemacht? Hätten wir in den 60er-Jahren in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie mit politischen Mitteln den Strukturwandel verhindern müssen? Haben wir die Herausforderung verschlafen? Die Antwort ist ein klares Nein. Gegen die Kräfte des Marktes konnten und wollten wir nicht gewinnen. Und ich sage voraus: Auch die Solarindustrie wird den Kampf verlieren - obwohl der Markt durch milliardenschwere Subventionen erst geschaffen wurde und am Leben erhalten wird. Deutschland leistet sich das seit 20 Jahren. Dennoch ist die erhoffte Wettbewerbsfähigkeit immer noch nicht absehbar, wie das Ringen um die Förderung zeigt.

Die Solarzellen aus Deutschland sind nicht besser als solche aus China. Und bei gleicher Qualität kauft der Häuslebauer das günstigere Produkt. So macht der Verbraucher es bei Kleidung schon seit Jahrzehnten. Protektionistische Maßnahmen können diese Entwicklung allenfalls verzögern. Und solange sie in Kraft sind, schaden sie allen Unternehmen, die ungehindert auf der ganzen Welt verkaufen wollen, denn Protektionismus provoziert Gegenmaßnahmen.

Unsere Industrie hat übrigens zu keinem Zeitpunkt Subventionen eingefordert und erhalten. Heute zählt die deutsche Textil- und Modeindustrie 120.000 Beschäftige, weltweit beschäftigen unsere Unternehmen rund 400.000 Menschen. Der Strukturwandel liegt hinter uns. Wir verkaufen technisch anspruchsvolle Produkte in die ganze Welt - auch nach China. Viele Nachbarstaaten beneiden uns um unsere nicht mehr so große, aber bestens aufgestellte Industrie.

Auch die Solarindustrie kann gegen chinesische Anbieter bestehen. Wenn Herr Asbeck und seine Kollegen mit ihren Produkten die Verbraucher überzeugen. Mit Forschung und Entwicklung zum Beispiel. Gleichzeitig muss der Gesetzgeber für gute Standortbedingungen sorgen. Ein wichtiges Element dafür ist eine günstige, wettbewerbsfähige Stromversorgung. Dafür sollten sich alle Unternehmen einsetzen, wenn sie ihre Produkte dauerhaft in Deutschland herstellen wollen. Es ist nicht nachhaltig, wenn die Solarindustrie mit Hilfe des Staates über Wasser gehalten wird - und dafür andere Branchen die Zeche bezahlen sollen.

Der Autor ist erreichbar unter: gastautor@handelsblatt.com

Kommentare (12)

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hinkender_Vergleich

03.06.2012, 15:37 Uhr

Der Vergleich hinkt, weil es sich bei der Solarindustrie um eine neue Technologie handelt, die erst einmal voll entwickelt werden muss, einschließlich der Speichermöglichkeiten von Energie; hier für einen internationalen Wettbewerbsvorsprung deutscher Firmen zu sorgen, ist durchaus Aufgabe der Politik, die keinerlei Bedenken hat, Milliarden in den Taschen griechischer Oligarchen und anderer Systemschnorrer zu versenken. Zudem darf nicht verschwiegen werden, dass der umweltverträglichen Solarindustrie die Gelder gestrichen werden, während für umweltvernichtende Formen der Energieerzeugung in Form der gigantischen Pseudoversuche, die Erdwärme in Bayern und bald auch in Norddeutschland für die Stromgewinnung zu nutzen, Milliarden an Steuergeldern durch den Kamin geblasen werden. Und das, obwohl die Nutzung von Erdwärme zur Stromgewinnung höchst ineffizient ist, einen Großeinsatz schädlichster Chemikalien erfordert, die nachhaltig Wasser und Böden vergiften, mit ohrenbetäubendem Dauerlärm, massiven Bodenerschütterungen und gigantischen Bohrungen verbunden sind, die Erbeben und Erdrutsche erzeugen können und bereits erzeugt haben, wobei die geschädigten Anwohner keinerlei Entschädigungen bekommen, weil das Ganze unters Bergbaurecht fällt. Was mit den dauervibirierenden, beschallten und vergifteten Naturschutzgebieten passiert, in denen da fröhlich auf Steuerzahlers Kosten rumgebohrt wird, kann sich wohl jeder denken. Vor diesem Hintergrund sieht die Weigerung, die sanfte Solarindustrie weiter zu fördern, die weniger Geld in die Kassen der Großkonzerne spült und eine lokale Stromversorgung ermöglicht ohne krankheitsfördernde Riesenstromtrassen, schon ganz anders aus.

Bandit1200

03.06.2012, 17:49 Uhr

Ich sehe das genauso: Subventionen helfen der deutschen Solarindustrie nicht. Allerdings fehlt in dem Gastkommentar der Hinweis, dass die chinesischen Produzenten ihre Solarmodule nur dank der Subventionen der chinesischen Regierung so kostengünstig anbieten können.

vandale

03.06.2012, 21:33 Uhr

hallo Bandit..Die Deutsche Solarbranche erhält gleichfalls diverse Hilfen, von Ansiedlungshilfen, über Forschungsförderung, etc. Interessant wäre ob es mehr Subventionen in China, oder in Deutschland gibt.

Vandale

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