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13.02.2012

21:53 Uhr

Gastkommentar

Suche nach Wachstum nimmt neue Formen an

Die Industrieländer sollten die Krise als Weckruf sehen, um die bislang übertünchten Probleme zu lösen, sagt Finanzwissenschaftler Raghuram Rajan. Er fordert vor allem eine nachhaltigere Wachstumspolitik.

„Die Industrieländer haben die Wahl“, sagt Raghuram Rajan. Reuters

„Die Industrieländer haben die Wahl“, sagt Raghuram Rajan.

Die demokratischen Industrienationen der Welt stecken in der Krise. Und dazu sind zwei unterschiedliche Geschichten im Umlauf. Die erste lautet, dass aufgrund hoher Verschuldung die Nachfrage eingebrochen ist. Die Haushalte und Staaten, die am meisten ausgegeben haben, können sich nichts mehr leihen. Um das Wachstum wiederzubeleben, müssen andere ermutigt werden, Geld auszugeben: Regierungen, die noch kreditwürdig sind, sollen ihre Defizite vergrößern, und niedrige Zinssätze sollen Haushalte vom Sparen abhalten. Unter diesen Umständen wäre Sorglosigkeit in Haushaltsfragen eine Tugend, zumindest kurzfristig. Diese Geschichte – die an die Schuldenkrise angepasste keynesianische Standarderklärung – erzählen die meisten Politiker, Notenbanker und Wall-Street-Ökonomen.

Die zweite Geschichte lautet, dass die grundlegende Fähigkeit von Industrieländern, durch die Produktion nützlicher Dinge zu wachsen, schon seit Jahrzehnten zurückgeht – ein Trend, der durch schuldengetriebene Ausgaben lediglich verschleiert wurde. Wie Wolfgang Streeck in der „New Left Review“ überzeugend schreibt, waren die demokratischen Regierungen nach der scheinbar endlosen Perspektive von Innovation und Wachstum der 1960er aber nur zu bereit, den Wohlfahrtsstaat auszubauen. Doch mit der Abschwächung des Wachstums bedeutete dies eine Expansion der staatlichen Ausgaben bei gleichzeitig schrumpfenden Ressourcen. Eine gewisse Zeit wurde diese Ausgabenpolitik durch Notenbanken unterstützt. Die daraus entstehende Inflation rief Unmut hervor. Die Notenbanken setzten sich daraufhin geringe Inflation als Hauptziel. Aber die schuldenbasierten Regierungsausgaben liefen weiter, und die am Bruttoinlandsprodukt gemessenen öffentlichen Schulden der Industrieländer stiegen weiter.

Angesichts der Notwendigkeit, neue Wachstumsquellen zu finden, deregulierten die Vereinigten Staaten am Ende der Präsidentschaft von Jimmy Carter und unter Ronald Reagan die Industrie und den Finanzsektor, wie es auch Margaret Thatcher in Großbritannien getan hatte. Mit der Zeit wuchs in diesen Ländern die Produktivität erheblich, was auch Kontinentaleuropa zu eigenen Reformen veranlasste, die oft durch die Europäische Kommission vorangetrieben wurden.

Aber selbst dieses Wachstum reichte angesichts der großzügigen Pensions- und Fürsorgeversprechen nicht aus – Versprechen, deren Einhaltung durch steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten noch erschwert wurden. Die Schulden der öffentlichen Hand stiegen weiter.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

13.02.2012, 22:52 Uhr

"Die Industrieländer haben die Wahl. Sie können so tun, als sei alles in Ordnung und das Problem seien lediglich ängstliche Konsumenten. Oder sie können die Krise als Weckruf sehen, um die Probleme zu lösen, die in den letzten Jahrzehnten übertüncht wurden."

Danke liebes Handelsblatt und mehr davon! Diese quachsalbernden pseudo-keynesianischen Ökonomen-Trottel (tut mir leid aber da setzt bei mir die Erziehung aus), die sich sonst überall breit und wichtig machen und mit ihrem phantasielos-(selbst-)betrügerischen Gelddruck-Gelaber im besten Fall die bestehenden Verhältnisse zementieren, sind in ihrer arroganten Borniertheit unerträglich und werden nichts zur Lösung der Krise beitragen, außer sie zu verschärfen. Da tut es gut andere Ansätze von Leuten, die mit offenen Augen und Phantasie durch die Welt gehen zu hören, auch wenn diese vielleicht noch nicht ausgereift sind, ist es wichtig dem Unbehagen mit dem Bestehenden eine Stimme zu geben!

zzz

13.02.2012, 22:57 Uhr

hmm, so ein langer und bestimmt teurer Artikel und was kommt raus?

Mehr Arbeiten, mehr Schulden, aber v.a. mehr Arbeiten und weniger Rente, weil dann klappt das auch mit den Schulden und dem Reichtum und erst recht mit dem Wachstum... Ich freue mich schon auf meine 7 Flachbildschirme 2025 und die 3 Autos und die viele Informationstechnik um mich rum, die ich finanzieren darf - ohne Rente natürlich...

Mutige voraus! Ich folge...

eksom

13.02.2012, 23:19 Uhr

Was für ein Schwachsinn von einem Neoliberalen!
Quantitatives Wachstum hat auf diesem Planten ERDE längst seine Grenzen erreicht und diese längst überschritten! Rohstoffe werden immer knapper und teurer, gleichzeitig wird die Umwelt immer mehr zerstört und die Menschheit vermehrt sich wie Viren. Die Versiegelung der Freiflächen (Wald, Wiesen, Ackerland...) steigt überproportional! Alleine in NRW werden wir ab 2048 fast keine Freiflächen mehr haben, wenn die Versiegelung weiter so ungebremst sich ausbreitet. Wir müssen die Gier nach immer mehr und immer schneller schnell stoppen und einige gerechtere Teilung der (noch) vorhandenen Ressourcen vornehmen.
Sonst gehen für alle die Lichter für immer aus! So ab 2050!

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