Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2012

11:58 Uhr

Gastkommentar

Wie aus einer Kreditklemme eine Inflationspolitik wird

VonThorsten Polleit

Eine Kreditklemme wäre für den Euroraum besonders gefährlich: Erst kommt die Rezession - und dann könnten Unternehmen, Konsumenten und Staaten in einer Pleitewelle versinken, warnt der Chefökonom von Barclays Capital.

Thorsten Polleit ist Chief German Economist von Barclays Capital in Frankfurt. PR

Thorsten Polleit ist Chief German Economist von Barclays Capital in Frankfurt.

Angesichts der sich ausweitenden Schulden- und Bankenkrise wachsen die Sorgen vor einer „Kreditklemme“ für Unternehmen und Konsumenten im Euroraum. Dass es zu einer solchen Entwicklung kommt, und dass dies die Konjunkturen stärker beeinträchtigen kann, als das bislang prognostiziert wird, ist nicht auszuschließen. Eine Krediteinschränkung wäre nicht nur eine ökonomisch notwendige, wenn auch schmerzhafte Korrektur der vorangegangenen Kredit-Boom-Exzesse, die die Zentralbanken mit ihrer Niedrigzinspolitik verursacht haben, sie könnte auch der Beschleuniger sein, dass die Europäische Zentralbank (EZB) über kurz oder lang auf eine Politik der hohen Inflation einschwenkt.

Gerade im Euroraum birgt eine Kreditklemme besondere Gefahren aufgrund der Übergröße seines Bankenapparates. Die Euroraum-Banken haben mittlerweile eine im wahrsten Sinne des Wortes kollosale Bilanzsumme von gut 34 Billionen Euro erreicht – dies entspricht etwa 356 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; Anfang 1999 waren es noch 231 Prozent. Zum Vergleich: Der Bankensektor in den Vereinigten Staaten von Amerika weist eine Bilanzsumme von nur etwa 12,5 Billionen US-Dollar oder 82 Prozent der Wirtschaftsleistung auf. Die wirtschaftlichen Konsequenzen, die aus einer Kreditklemme resultieren können, würden im Euroraum also deutlich größer ausfallen als in den Vereinigten Staaten. 

Eine „Kreditklemme“ kann zum einen in Form eines „Credit Crunch“ auftreten. Hier schrumpft das Kreditangebot relativ zur Kreditnachfrage, so dass die Zinsen stark ansteigen. Zum anderen kann eine Kreditklemme auch in Form einer „Kreditrationierung“ in Erscheinung treten. In einem solchen Fall sind Kreditgeber aus Risikoerwägungen nicht mehr bereit, neue Kredite zu vergeben, selbst wenn Kreditnehmer bereit sind, höhere Zinsen zu zahlen. Die Kreditnachfrage wird dann schlichtweg nicht mehr voll bedient, der Marktzins bleibt dabei relativ niedrig. Beide Formen der Kreditklemme erscheinen derzeit möglich.

Im Euroraum insgesamt zeichnet sich eine angebotseitige Verknappung der Bankkredite ab. Dies legt insbesondere die „Eigenkapitalrestriktion“ der Banken nahe. Bekanntlich müssen sie ihre Risikoaktiva (wie z. B. Kredite und Wertpapiere) teilweise mit Eigenkapital unterlegen. Dies führt zu einer enormen „Hebelwirkung“ zwischen dem vorhandenem Eigenkapital und dem damit darstellbaren Kreditangebot. Bei einer plötzlichen Eigenkapitalverknappung müssen Banken daher ein Vielfaches ihrer Risikoaktiva, einschließlich der Bankkredite, reduzieren.

Vor allem zwei Faktoren haben das Eigenkapital der Banken verknappt. Erstens: Verluste (in Form von z. B. Abschreibungen) schmälern die verfügbaren Eigenmittel. Zweitens: Das in Aussicht gestellte Verschärfen der regulatorischen Vorschriften („Basel III“) führt dazu, dass die Risikoaktiva der Banken künftig mit mehr Eigenkapital unterlegt werden muss. Aber auch ohne Regularien werden die Kreditgeber ein höheres Verlustpuffer für die Geldhäuser einfordern. Gleichzeitig ist es jedoch für viele Banken derzeit nicht möglich oder betriebswirtschaftlich attraktiv, sich neues Eigenkapital zu beschaffen. Sie bevorzugen, ihre Risikoaktiva im Zuge eines „De-Leveraging“ und „De-Risking“ an das bestehende Eigenkapital anzupassen.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

PeterStampfer

30.01.2012, 15:28 Uhr

Da kann was nicht stimmen Herr Polleit.
Allein J.P. Morgan hat in der Bilanz wertlose Kreditderivate in Höhe von 76 Billionen (Trillions of Dollars) stehen.
Durch den exzellent organisierten US-Derivateschwindel wurde die Bankenrettung erst alternativlos, und in der Folge eben die Euro- bzw. Staatenrettung.

azaziel

30.01.2012, 18:26 Uhr

Excellente Analyse von T. Polleit!

Misesgotitright

30.01.2012, 19:23 Uhr

Kompliment zu einem hervorragenden Artikel, Herr Polleit.
Sehr wahrscheinlich, dass es so kommen wird: erst wird durch Kreditklemme und Sparpolitik eine deflationäre Gefahr ausgelöst. Unsere Politiker werden dann aber schon dafür sorgen, dass nicht der notwendige Bereinigungsprozess fortgeführt wird, sondern durch das Öffnen der Geldschleusen die Inflation, vielleicht sogar Hyperinflation folgen wird. Gut und leicht verständlich geschrieben.
Die Gründer bzw. Vertreter der österreichischen Schule der Nationalökonomie wie Mises, Hayek, Rothbart & Polleit haben die Gefahr von schlechtem Geld und falscher Geldpolitik genau verstanden. Leider haben unsere Eliten entweder keinen Schimmer von diesen Lehren oder sie verschaukeln uns. Unser Wohlstand und unsere Freiheit werden durch die Unzulänglichkeiten der Eliten geopfert. Sozialismus, Chaos und Freiheitsbeschneidung wird die Ernte dieser falschen Politik sein.
Es wird Zeit für eine Gegenbewegung nach dem Muster der libertären Ron Paul Bewegung in den USA. Es gibt doch genügend brillante Köpfe wie Herrn Polleit, Herrn Schäffler, Herrn Henkel, etc. die es schaffen könnten, zumindest einen Teil des apathischen Wahlvolkes für Ihre Sache zu gewinnen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×