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14.08.2013

14:18 Uhr

In den Sand gesetzt

Niemand hat gesagt, es wird leicht!

VonPeter Brandl

ExklusivDie Erkenntnis, dass man aufs falsche Pferd gesetzt hat, kann schleichend kommen. Oder es haut einen um wie eine Dampflok. In beiden Fällen muss eine Entscheidung getroffen werden – ein Richtungswechsel ist angesagt.

Peter Brandl ist Unternehmer, Managementtrainer, ehemaliger Berufspilot und Fluglehrer und gilt als einer der führenden Kommunikationsexperten im deutschsprachigen Raum. (Quelle: Gabal-Verlag)

Peter Brandl ist Unternehmer, Managementtrainer, ehemaliger Berufspilot und Fluglehrer und gilt als einer der führenden Kommunikationsexperten im deutschsprachigen Raum.

(Quelle: Gabal-Verlag)

Wer um schwere Entscheidungen einen Bogen macht, gibt das Steuer aus der Hand. Statt selbst zu entscheiden, entscheiden die Umstände oder andere. Im besten Fall landet man dann am falschen Ziel, im schlimmsten in einer Katastrophe. Beruflich wie privat. Der Autor Peter Brandl zeigt, wie man in den wichtigen Momenten des Lebens sein eigener Pilot bleibt. Denn nur, wer die Verantwortung für sein Leben nicht an den Tower abgibt, wird wie „Sully“ Sullenberger nach einem Ausfall beider Triebwerke seinen Airbus A320 sicher im Hudson River vor New York notwassern können – statt über Manhattan abzustürzen. Der Text ist das erste Kapitel aus dem Buch „Hudson River: Die Kunst, schwere Entscheidungen zu treffen“, das im Juli 2013 im Verlag Gabal erschienen ist.

„Wir sind jetzt gerade im Sommer der Entscheidungen. Und dann kommen der Herbst und dann der Winter der Entscheidungen. Jetzt kommen überhaupt nur noch Entscheidungen.“ Angela Merkel, 2005

Drei Streifen am Ärmel. Jahrelang habe ich auf sie hingearbeitet, habe alles darangesetzt, Hindernisse überwunden, Opfer gebracht. Ich wusste sehr genau, was ich wollte. Pilot zu sein war schon als Kind für mich dasselbe wie frei zu sein. Einen Jet dorthin lenken, wohin ich will. Einen weithin sichtbaren Kondensstreifen am Himmel hinterlassen. Das Steuer in der Hand halten, für hunderte Menschen die Verantwortung tragen. Das war mein Wunsch gewesen, dafür habe ich alles gegeben. Nun habe ich es endlich erreicht. Meine Pilotenausbildung ist beendet. Ich bin angekommen.

23.34 Uhr. Ich liege im Hotelzimmer auf dem Bett und lasse die vergangene Woche noch einmal an meinem inneren Auge vorüberziehen. Meine ersten Einsätze als Linien-Pilot. Zwei Mal nach Hamburg und zurück, gestern dann ein Flug nach Wien. Fünf Stunden Aufenthalt und gleich wieder retour. Morgen noch einmal Österreich. Der Einstieg in die große weite Welt. Ich lehne mich in meinem Kissen zurück und betrachte die ausgebürstete Uniform, die an der Wand gegenüber hängt. Die Streifen glänzen matt im Mondlicht. Ich denke an die Crew; sie ist sehr gut, ein eingespieltes Team. Ich denke an die Maschine, eine Dash-8, 50 Sitze. Ein gutes Flugzeug, robust, ohne Mucken.

Sie haben den falschen Job, wenn...

Qual

...Sie sich jeden Morgen aus dem Bett quälen,

(Quelle: Angelika Gulder, „Finde den Job, der dich glücklich macht“)

Vorfreude

...Sie sich am Montag schon aufs nächste Wochenende freuen,

Leere

...ein wachsendes Gefühl von innerer Leere und Sinnlosigkeit in sich und in dem, was Sie tun, spüren,

Träumen

...im Büro von den Dingen träumen, die Sie lieber täten, als im Büro zu sitzen,

Urlaub

...nur für Ihren nächsten Urlaub arbeiten und frustriert mit anderen über Ihre aktuelle Tätigkeit sprechen,

Persönlichkeit

...nur "Ihren Job" machen und ein deutliches Verlangen spüren, anderen Anteilen Ihrer Persönlichkeit mehr Raum zu geben,

Unterfordert

...sie sich beruflich unterfordert fühlen, aber aus Angst, keine neue Stelle zu finden, in Ihrem Job nur Ihre Zeit absitzen.

Eigentlich ist alles bestens. Aber ich bin unruhig, der Schlaf will nicht kommen. Ich mache noch einmal das Licht an, um zu schauen, ob der Wecker richtig gestellt ist. 4.10 Uhr. Um 5.20 Uhr trifft sich die Crew am Flughafen, geplanter Start nach Wien 6.20 Uhr. Das Wecksymbol leuchtet auf dem Display. Alles klar. Alles klar? Nein. Eben nicht alles klar!

Wie ein Zentnergewicht erdrückt mich plötzlich die Vorstellung, dass ich so wie die vergangene Woche auch die nächsten Jahrzehnte nach Dienstplan fliegen werde. Dass ich die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht machen werde, um Geschäftsleute und Touristen quer über den gesamten Globus zu transportieren. Das kann es nicht sein. Ich will das nicht! Und es war noch nicht einmal ein Vierteljahr ins Land gegangen! Dass mich die Realität so schnell einholt, erwischt mich kalt.

Ich sitze auf der Bettkante und gehe hart mit mir ins Gericht: Reiß dich zusammen! Knick jetzt nicht ein! Willst du deinen Lebensplan etwa in Frage stellen? Du hast doch genau gewusst, worauf du dich einlässt. Du hast so viele Opfer gebracht, um bis hierher zu kommen! Fünf Jahre nebenberuflich gebüffelt, knapp 100.000 Euro in die Ausbildung gesteckt, auf Urlaub verzichtet, und jetzt auf einmal sagst du „Och nö. Macht mir doch keinen Spaß“? Das kommt nicht in Frage! Wenn du jetzt ausscheidest, ist das alles für die Katz gewesen. Jetzt das Handtuch zu werfen wäre doch reiner Wahnsinn …

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