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06.03.2012

11:54 Uhr

Kapitalismus-Debatte

"Der Markt ist grausam, aber effizient."

VonJosef Joffe

Kapitalismus ohne Demokratie? Manchmal. Demokratie ohne Kapitalismus? Nie. Die Abneigung der Deutschen gegenüber diesem System ist angesichts seiner historischen Verdienste ein Fall von „falschem Bewusstsein“.

Derzeit beliebter Volkssport: Kapitalismus-Kritik. dpa

Derzeit beliebter Volkssport: Kapitalismus-Kritik.

HamburgKapitalismus ist ein Pfui-Wort in Deutschland, obwohl wir ohne ihn noch im Feudalismus gefangen wären – mit Leibeigenen, die ans Land gekettet sind, mit Lehnsherren, die den letzten Tropfen Mehrwert aus ihnen herausquetschen. Der K. ist die mächtigste Wachstumsmaschine, die der Mensch je erfunden hat, doch hier läuft er unter „Raubtierkapitalismus“. Ein klassischer Fall von „falschem Bewusstsein“, wie Marx notieren würde.

Was ist denn K.? Ein System, in dem sich die Produktionsmittel – Würstchenbude oder Walzwerk – in privater Hand befinden. Wo Gewinnstreben das Angebot treibt und Wettbewerb die Preise senkt – es sei denn, der Staat fährt dazwischen mit Preisbindung und „Marktordnung“. Wo Kapital nicht vom Munde abgespart, sondern von vielen verliehen wird: eine wundersame Vermehrung, die Schlote hochgezogen und Schiffe hat dampfen lassen. Der größte Wohltäter der Moderne muss der Erfinder der Aktiengesellschaft gewesen sein, die mit meinem und deinem Geld Stahl gekocht und Schienen gelegt hat. K. ist Industrialisierung und Massenproduktion, die die Massen vom Joch der Subsistenz-Wirtschaft befreit hat.

Richtig: Lohnarbeit hatte in den Gründerzeiten eine neue Knechtschaft begünstigt, die niemand besser beschrieben hat als Charles Dickens, dessen 200. Geburtstag wir dieses Jahr feiern. Bloß: Dieser Frühkapitalismus ging mit dem 19. Jahrhundert zu Ende. An seine Stelle traten Sozialgesetze, die das Elend minderten, sozialistische Parteien, die dem Arbeiter Stimme und Macht verliehen.

Früher hat der westliche Staat fünf bis zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausgegeben; heute sind es plus/minus 50. Wenn der Staat über die Hälfte des Bruttoinlandprodukts (BIP) verfügt, dann bleibt vom K. nur noch ein Kampfbegriff übrig. Zitieren wir dazu Joachim Gauck. Verblüfft sieht er eine neue „antikapitalistische Welle in Deutschland“ und folgert: „Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird mehr verlieren als gewinnen.“

Kommentare (4)

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weltenbrand

15.03.2012, 15:07 Uhr

Platter und begriffsloser kann man Marx nicht verballhornen - grottenschlechte Apologetik.

Anbei Lektüretipps zur Sortierung des geistigen Wirrwarrs:

http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=21&posnr=83&backtext1=text1.php

http://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/WiderspruchStoffFormPreprint.pdf

Einanderer

15.03.2012, 15:19 Uhr

Und ich dachte der Rechtsstaat ist das Korrektursystem für den ungezügelten freien Markt? Egal. China ist übrigens wirklich nicht von "dieser" (der westlichen) Welt, die sind ziemlich eigen.

Querdenker

15.03.2012, 16:28 Uhr

Der Markt ist grausam. Diesem Teilsatz muss man zustimmen. Beim zweiten Teil entstehen schon Zweifel. Effizienz bedeutet Belohnung bestimmter Produkte und Leistungen. Tatsache aber ist, dass es auch solche gibt, die keinen Preis haben, aber trotzdem notwendig sind. Oder eben in größerem Umfang ohne Preis notwendig, wie öffentliche Schulen usw. Was bringt es einem Land, wenn nur 10% zur Schule gehen, weil sie es sich leisten können? Grausam ja, aber die Wirtschaft dient dem Menschen und nicht umgekehrt. Vielleicht ist der Kapitalismus wirklich ein Motor, aber der Motor ist vor dem Auto erfunden worden. Das sind ganz verschiedene Produkte und ein Motor ohne Auto fährt nicht so wie Wirtschaft ohne umfangreiches Eingreifen des Staates nicht läuft.

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