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24.03.2012

15:09 Uhr

Kommentar

84 Millionen Mausklicks und die Moral

VonJosef Joffe

Afghanistan: Im Netz kursieren Vorstellungen von neuen Menschenrechtskriegen. Statt Pazifismus blüht ein neuer Bellizismus, der als Retter der Menschenrechte daher kommt. Gutes gibt es nicht zu erwarten.

Josef Joffe

Der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", Josef Joffe.

In Afghanistan bedrängt Präsident Karsai die Nato, das Land schneller zu räumen als geplant. Im Netz aber wird zum nächsten Krieg geblasen. Dort fährt das Video „Kony2012“ mit 84 Millionen Klicks täglich neue Rekorde ein. Es handelt von dem afrikanischen Warlord Joseph Kony und seiner mörderischen Kinderarmee. Die tränenreiche Botschaft: US-Soldaten sollen den Schlächter stoppen.

In Uganda soll demnach ein neuer Menschenrechtskrieg bewirken, was der alte in Afghanistan nicht geschafft hat. Der geht seinem schmählichen Ende entgegen, und die neuen Herren, die Taliban, werden die alten sein, die 2002 vertrieben worden waren.

Nach Afghanistan müsste die Botschaft in Wahrheit lauten: „Nie wieder!“ Die schmerzliche Einsicht drängt sich umso mehr auf, als sich im Westen ein neuer „Menschenrechts-Bellizismus“ formiert. Ironischerweise entspringt er in Deutschland dem alten pazifistischen Lager, das gegen Wiederbewaffnung, Nato-Beitritt und Aufstellung der Pershings gefochten hat, gegen den Einsatz in Bosnien und dem Irak. Denn Krieg ist böse, nichts kann ihn rechtfertigen.

Neuerdings aber nun die „Umwertung aller Werte“, um das Nietzsche-Wort aufzugreifen. Für gewendete Pazifisten sind nicht alle Kriege böse, sondern nur die selbstsüchtigen – etwa: „Krieg für Öl“. Gewalt kann nur geadelt werden, wenn sie von keinen Interessen getrieben wird – seien es strategische oder ökonomische. Allein die humanitäre Pflicht zählt. Am besten wäre sogar Krieg, der sich gegen die eigenen Interessen wendet und so alle Zweifel an der Reinheit des moralischen Imperativs beseitigt.

Das ist Kant als Kriegsherr, der als sittlich wertvoll nur die lautere Absicht zuließ. Leider findet Politik in einer anderen Arena statt. In der regieren nicht Ideale, sondern Konsequenzen: die Kosten des Krieges, die Durchhaltefähigkeit, die Erfolgsaussichten. Die Afghanistan-Bilanz ist bitter: außer Tod und Spesen nichts gewesen. Nach zehn Jahren ist Afghanistan keine Demo-, sondern eine Kleptokratie. Das Land ist zerstört, die Leute hassen ihre Retter. Und die wollen lieber heute als morgen raus. Dann werden abermals die Taliban herrschen, grausame Gotteskrieger, die auf den Werten herumtrampeln, für die der Westen gekämpft hat: Demokratie, Frauenrechte, Pluralismus. Ein moralischer Gewinn ist das nicht.

Es ist einfacher, ein Regime mit Präzisionswaffen zu fällen, als eine neues, menschliches einzupflanzen. Gaddafi ist tot, aber die Stämme, die mit westlicher Hilfe Tripolis erobert haben, streiten jetzt nicht um Demokratie, sondern um Vorherrschaft. Saddam ist auch tot, aber ob die Demokratie, ja selbst der Irak als Ganzes überlebt, ist etwa so sicher wie die Versöhnung von Schiiten und Sunniten.

Alle Interventionen haben eines gemein: Wer reingeht, muss dableiben – ohne Abzugsdatum. Die von der Diktatur unterdrückten Konflikte zwischen Sekten und Stämmen verschwinden nicht zusammen mit den Rettern – im Gegenteil. Denn der Druck im Kessel entlädt sich umso wütender, wenn der Deckel weg ist. Das hat George W. Bush ebenso wenig bedacht, wie es heute die neuen Menschenrechts-Krieger tun.

Die Ironie könnte beißender nicht sein: Bushisten (rechts) und neue Interventionisten (links) sind vom selben Stamm. Obwohl ideologisch spinnefeind, teilen sie doch dieselbe Heilslehre: Wir schlagen zu, und alles wird gut. Wird es aber nicht, weil erst danach die Kärrnerarbeit beginnt: Wie ein Land befrieden und demokratisieren, das nur unter der Knute der Diktatur intakt geblieben ist?

Nehmen wir an, Kony, das Hassobjekt der 84 Millionen, wird gefasst. (Übrigens ist die ugandische Armee seit Jahren hinter ihm her, seine Kinderarmee nur noch eine Kompanie.) Und dann was? Erstens ist das Hassobjekt der 84 Millionen nur einer von vielen Killern, die seit Jahrzehnten eine Blutspur durch Afrika ziehen. Zweitens sind die Konys nicht Ursache der Konflikte, sondern deren Auswüchse. Kein gut gemeinter Eingriff kann das Wurzelwerk kappen: die Stammes- und Glaubenskriege, die gescheiterten Staaten, der Kampf um die märchenhaften Ressourcen des Schwarzen Kontinents. In dieser postkolonialen Welt regieren die Waffen, und wer die hat, kriegt auch das Gold und die Diamanten.

Selbstverständlich blutet das Herz im Angesicht des Grauens. Aber um wieder die Moral zu konsultieren: Niemand muss mehr tun, als er kann. Deshalb sollte auch niemand seine Soldaten in einen Kampf schicken, der allenfalls die Schurken, nicht die Ursachen der Bosheit beseitigen wird. Einem endlosen Krieg fällt auch die humanitäre Pflicht zum Opfer; dann würden auch die ernüchterten Kony-Millionen den „Gefällt nicht“-Button anklicken.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Westen so lange in Irak und Afghanistan ausgeharrt hat. Wenn ein Jahrzehnt nicht ausreicht, um die Ursachen der Blutrünstigkeit zu beseitigen, wie kann es dann ein Bombenkrieg vom sicheren Port aus tun, wie ihn die Neo-Bellizisten für Syrien fordern? Hinter dem humanitären Horror verstecken sich immer Bürgerkriege. Die lassen sich weder mit guten Absichten noch mit Abstandswaffen beenden.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“.

Sie erreichen ihn unter:

gastautor@handelsblatt.com


Kommentare (4)

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Account gelöscht!

25.03.2012, 10:33 Uhr

Dem Autor kann ich voll zustimmen. Hinter dem von ihm "Bellizismus" genannten Einstellungen verbergen sich letztlich Kopf(fehl)geburten und Allmachtsphantasien. Demokratie oder allgemeiner die westliche Lebensart hat eben viel weniger mit dem Kopf als mit Kultur, Gefühl, Erfahrung und anderen schwer greifbaren Tatsachen zu tun, die man nicht verordnen oder (auswendig) lernen kann.

Ein anderer Auswuchs dieser Allmachtsphantasien ist der Glaube, dauerhaft gegen den "Markt" handeln und z.B. eine politische Währung wie den Euro, koste es was es wolle am Leben erhalten zu können. Natürlich kann man "den" Markt (letztlich das Emotionale im Menschen- Instinkt, Bauchgefühl, Liebe, Gier, Wahnsinn) und seine Reifung beeinflussen und gewünschte Aspekte fördern und Auswüchse hemmen aber das ist eine Kunst, die keine Bazzokas sondern Verstand, Gefühl und Differenzierung erfordert.

Account gelöscht!

25.03.2012, 19:11 Uhr

Der Autor ist so naive! Er glaubt wirklich, dass amerikanischen (westlichen)Kriege für Menschenrechte und Demokratie geführt werden. Erstaunlich, dass eine Supermacht mit High-Tech Waffen zehn Jahrelang nicht in der Lage war ein Paar verwahrlosten mit Kalaschnikov bewaffneten Taliban-Gruppen zu besiegen. Woher bekommen die Taliban überhaupt ihre Waffen? Das Märchen von Drogenhandel ist schon ausgedient. Für so was brauchen diese Gruppen straffe Organisation und Planung, die International agieren können. Nun die Taliban sind alles andere als straff organisiert. Es geht letztendlich, um die Rohstoffe und geopolitische Machtansprüche, der USA. Wenn die USA aus Afghanistan wegen der Finanzkrise und Staatsschulden raus müssen, sollten zumindest die Taliban für weitere Destabilisierung sorgen, damit China sich nicht am Hindukusch ausbreiten kann. Das selbe gilt für Irak.

Hartmut.Rast

26.03.2012, 09:56 Uhr

Eine Intervention der Amerikaner in Uganda dient natürlich in erster Linie einer Sicherstellung der Explorationsrechte für Gas und Öl (größer als die von Saudi Arabien) und stoppt die Chinesen ihre Vormachtstellung in Afrika weiter auszubauen.

Wie zuvor in Vietnam tummeln sich daher auch jetzt bereits die Militärberater rund um Yoweri Museveni und seine Anti-demokratische Regierung.

Abgesehen einmal von den alten Themen um die sich die Welt dreht, ist doch der eigentliche Star des ganzen Kony 2012 hype das Internet, hier repräsentiert von 84 Millionen Stars die in ihrer Kurzsichtigkeit glauben, mit dem platzieren einer Symbolleiste auf dem Computer o.ä. jahrelange Konflikte per Mausklick lösen zu können.

Es geht doch offensichtlich nur darum mit diesem Medium seine Macht zu zelebrieren, die um ein vielfaches höher eingeschätzt wird als die jahrelangen Bemühungen der UN-Friedenstruppen und all der NGO's denen dies bislang nicht möglich war.

Diese neue Macht berauscht die Mächtigen so sehr, daß sie jegliche Sorgfaltspflicht vermissen lassen, die geboten ist wenn man sich in das Leben anderer Menschen einmischt.

Mit ein paar weiteren Mausklicks wäre so zu erfahren, daß sich Joseph Kony schon seit 6 Jahren nicht mehr in Uganda aufhält sondern möglicher Weise im Kongo und all die Kinder die aus seinen Klauen befreit werden sollen mittlerweile erwachsen sind und in einem befriedeten Land auf den Feldern ihrer Familien arbeiten und versuchen so etwas wie ein normales Leben aufzubauen.

Auch wäre durch das mächtige Internet zu erfahren, daß "Invisible Children" massiv von rechts-radikalen Gruppierungen unterstützt wird und bei einem Vermögen von rd. USD 6 Mio rd. USD 1,8 für ein Video aufgewendet hat mit dem einem 6-jährigen erklärt wird wie man weltweite Konflikte löst.

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