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22.06.2012

14:27 Uhr

Kommentar

Es gibt auch positive Indikatoren

VonFrank Wiebe

Auch wenn die Stimmung auf den Märkten schlecht ist: Es gibt wieder Grund zur Freude. Die schwachen Länder Europas sind auf dem richtigen Weg. Die Exporte wachsen. Warum sich eine genaue Betrachtung der Zahlen lohnt.

Frank Wiebe

Der Autor

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Korrespondent in New York.

Obwohl die Spanier ein Hilfspaket bekommen und bei der Wahl in Griechenland die gemäßigten Kräfte gewonnen haben, bleibt die Stimmung an den Märkten schlecht. Doch der Blick auf die Zahlen zeigt: Die Entwicklung ist besser als die Stimmung.
So haben, gemessen am Basisjahr 1998, die Lohnstückkosten in Irland laut EU-Kommission 2008 einen Spitzenwert von 147 Prozent erreicht, gehen aber bis 2012 auf rund 126 Prozent zurück. Griechenland erreichte 2009 mit 140 Prozent den Höhepunkt und ist auf 123 Prozent gesunken, Spanien kam in dieser Zeit von 140 auf 131 Prozent, Portugal von 136 auf 129 Prozent. In Italien hat sich der Trend noch nicht gedreht, das Land liegt jetzt bei 138 Prozent.
Die meisten der schwachen Länder sind also auf dem richtigen Weg. Sie haben allerdings noch eine gute Strecke vor sich, denn Deutschland befindet sich heute bei 111 Prozent, produziert also im Vergleich zu den anderen Ländern immer noch deutlich günstiger, als das 1998 der Fall war.
Ein besonders wichtiger Wert ist das Defizit in der Leistungsbilanz. Denn jedes Loch an dieser Stelle muss zwangsläufig durch öffentliche oder private Verschuldung (oder den Abbau von Vermögen) gestopft werden. Hier zeigt sich ein durchaus positives Bild. In jedem einzelnen der fünf Problemländer ist die Lücke in den vergangenen Jahren deutlich kleiner geworden, Irland liegt inzwischen sogar leicht im Plus. Und wenn man alle fünf zusammenrechnet, dann ergibt sich laut IWF für 2008 ein Defizit von 320 Milliarden Dollar, doch 2012 sind es nur noch 103 Milliarden.

Anders gesagt: Die entscheidende Problemziffer ist in den vergangenen vier Jahren auf knapp ein Drittel geschrumpft. Natürlich liegt das auch daran, dass die Länder weniger importieren. Aber die Exporte sind immerhin um elf Prozent gewachsen.
Eine Verbesserung zeigen auch die staatlichen Defizite: in Griechenland laut IWF von 37 Milliarden Dollar 2009 auf 15 Milliarden 2012, in Italien von 82 auf 37 Milliarden, Spanien von 117 auf 64 Milliarden und Portugal von 17 auf acht Milliarden. Irland hatte 2010 das größte Defizit mit 49 Milliarden und liegt jetzt bei 14 Milliarden Dollar. Hier sagen die absoluten Zahlen mehr über die Sparerfolge aus als die Defizitquoten. Denn die Quote - Defizit in Prozent des Bruttoinlandsprodukts - sinkt kaum während einer Rezession. Rezessionen sind aber anfangs unvermeidlich, wenn ganze Volkswirtschaften umgebaut werden.
Vor der Krise haben wir schlechte Zahlen ignoriert. Jetzt aber sollten wir die guten nicht übersehen.

Kommentare (5)

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Schlaumeier

22.06.2012, 14:45 Uhr

Immer schön positiv denken, beten und GLAUBEN.
Dann wird alles gut. Wie im Märchen.
Das Euromärchen fehlt jetzt noch der Sterntaler, die gute Fee und Frau Holle. Dann kann nichts Böses mehr passieren!

KHD

22.06.2012, 14:52 Uhr

Die positiv veränderten Werte der Produktivität und die fallenden Leistungsbilanzdefizite sind ausschliesslich darin begründet, dass die betroffenen Länder von aussen gezwungen werden, sich anzupassen. Ausserdem gibt es keine Kredite um Importe zu zahlen, aus dem gleichen Grund sind auch die Exporte gewachsen. Die Rezession in den Ländern sorgt für hohe Arbeitslosenquoten und erhöht - allerdings nur statistisch - die Produktivität. Wenn der Zwang von aussen wegfällen würde und Kredite wieder beliebig verfügbar sein würden, hätten wir schnell das gleiche Bild wie 2008. Insofern haben die besseren Zahlen überhaupt keine Bedeutung. Es ist auch nicht anzunehmen, dass sich die Bevölkerung dieser Länder mit dem stetig fallenden Wohlstandsniveau auf Kosten einer höhereen Produktivität zufrieden geben würden, das Beispiel China belegt genau das.

Account gelöscht!

23.06.2012, 19:40 Uhr

Danke für die Darstellung dieser Zahlen, die deutlich zeigen, dass manche Maßnahmen Wirkung zeigen. Viele Dinge sind nach wie vor im Argen, aber ein völlig verkrusteter Arbeitsmarkt kann nicht innerhalb von 2 Jahren aufgebrochen werden, um mehr Beschäftigung zu ermöglichen. Auch kann nicht von heute auf morgen eine funktionierende Steuerbehörde auf die Beine gestellt werden. Klar ist es richtig, dass diese Dinge geschehen müssen, die Korruption bekämpft werden muss usw. Aber der erste Schritt ist unbedingt die Reduktion des jährlichen Defizites, der zweite die Ankurbelung der eigenen Wirtschaft. Beides muss begleitet werden von Eindämmung der Kriminalität (Korruption, Steuerhinterziehung) und einer Öffnung des Arbeitsmarktes. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern liegt ja nun nicht daran, dass es keine Firmen gibt, die diese einstellen wollen. Es ist aber nahezu unmöglich, bestimmte Stellen zu bekommen, da fast so etwas wie Leibeigentum an diesen Stellen besteht. Die Folge ist, dass irgendwann viel zu viele Alte auf diesen Stellen sitzen, mit weiter einbrechender Produktivität. Die gute Mischung macht's eben!

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