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29.06.2012

10:55 Uhr

Kommentar

Warum Deutschland die Welt nicht retten kann

VonJosef Joffe

Englische und amerikanische Ökonomen glauben, die Deutschen können mit ihrem Geld den Euro vorm Untergang bewahren. Doch ihre Thesen entbehren jeglicher Grundlage.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Die Euro-Krise ist schlimm genug. Sie wird nicht besser durch die fantasievolle Remedur, die vom angelsächsischen Kommentariat verschrieben wird. Hier die beliebtesten Dogmen und Mythen:

1. Demokratie-Risiko Deutschland: In der „Financial Times“ schreiben der Historiker Niall Ferguson und der professionelle Schwarzseher Nouriel Roubini, es sei „fünf vor zwölf“, weil die Deutschen die „Lehren der Vergangenheit“ vergessen hätten. Wenn sie nicht ihre Inflationsphobie ablegen und mit ihrem Reichtum den Euro retten, dräue nicht nur Weltwirtschaftskrise II, sondern wie 1929 der „Kollaps der Demokratie in Deutschland und quer durch Europa“. Leider ist die früher kollabiert. In Russland siegte der Totalitarismus 1917, in Osteuropa der Rechtsautoritarismus in den „Goldenen Zwanzigern“. Mussolini marschierte 1922 in Rom ein. Die Diktatur eroberte Portugal 1926. Austerity und Weltwirtschaftskrise kamen später. Das Danach kann nicht das Davor erklären.

2. „Angela Brüning“: Besonders beliebt ist das Schreckgespenst Heinrich Brüning, Kanzler von 1930 bis 32. Seine Enkelin im Geiste sei Angela Merkel, die von ähnlichem Sparzwang besessen sei. Auch das ist mehr politische Poesie als historisches Faktum. Brüning war Mr. Austerity. Er hat die Staatsausgaben um ein Drittel gestaucht, die Abgaben hochgejagt, die Neuverschuldung auf fast null gedrückt. Dagegen hat Merkel zwei Konjunkturpakete verabschiedet, das Defizit erst abgesenkt, als sich die Arbeitslosigkeit dem Vor-Krisenstand näherte. Ansonsten hat sie der EZB erlaubt, die maroden Anleihen der PIIGS aufzukaufen und eine Billion Liquidität in die Banken zu pumpen.

Von welcher Austerity reden wir angesichts der astronomischen Defizite Amerikas und Englands (zehn Prozent vom BIP) und der nicht minder überbordenden Geldschwemme der Fed und der Bank of England? Austerity damals hieß „Null-Defizit“. Heute beträgt es in Euro-Land knapp fünf Prozent - nicht ganz freiwillig, sondern rezessionsbedingt. Brüning würde toben.

3. Krisenprofiteur Deutschland: „Deutschlands Wohlstand ist weitgehend der Währungsunion geschuldet“, schreiben Ferguson und Roubini. Denn der Euro hätte dem Export einen günstigeren Wechselkurs geschenkt, als es die D-Mark getan hätte. Die Fakten sind so wackelig wie die Kausalität. Bei seiner Geburt war der Euro 85 US-Cent wert; 2011 holte er 1,49 Dollar - eine Aufwertung um 75 Prozent. Trotzdem boomte der Export. Warum? Weil die Deutschen intern abgewertet hatten, just, wie es die Wettbewerbsfähigkeit in einer Währungsunion verlangt, die den alten Weg - Außenabwertung - blockiert. Sie hatten die Schröder-Medizin geschluckt: Arbeitsmärkte aufgelockert, Arbeitsanreize durch Hartz IV erhöht, anti-kompetitive Regeln aufgehoben.

Die anderen haben sich nicht reformiert und spendiert - dank niedrigerer Zinsen unter dem Euro. Die Folge: Die Lohnstückkosten gingen nur um sieben Prozent hoch, in Italien um 30, in Spanien 36, in Griechenland 42. Das, nicht der „niedrige“ Euro, ist das Geheimnis des Exportbooms - und die Wurzel der Misere in den Krisenstaaten.

Kommentare (16)

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Motzer

29.06.2012, 11:25 Uhr

In der EU lehnt sich inzwischen jeder Staat zurück und will von Deutschland "gerettet" werden. Das heisst, er will Geld und Sicherheiten von Deutschland. Die eigenen Rücklagen werden verdeckt gehalten. Die Rettungsschwelle für Anleihen von 5-6% ist von der EU viel zu niedrig angelegt. Sie wäre bei 10% auch noch ausreichend. Viele Staaten haben vor der EU ohne Murren und Krisengedöns bis zu 15% bezahlt!

Account gelöscht!

29.06.2012, 11:26 Uhr

Sehr gute Darstellung der Wirklichkeit, Herr Dr. Joffe. Aber wie wollen Sie das den Politikern vermitteln, die mehrheitlich auf die Fakten nicht eingehen wollen, sondern zumeist ideologiegetrieben sind. Wir haben nicht einmal eine Opposition, die gegenhält. Die Bürger haben nur die Wahl zwischen Pest und Colera.

Wer hört sich bei den Bürgern um, die angstgetrieben ihr Spargeld ausgeben, aus Furcht, bald kaum noch etwas dafür zu bekommen?

Account gelöscht!

29.06.2012, 11:34 Uhr

Deutschland wird bald merken, was das sture Festhalten am toten Euro bringt: sinkendes Rating, steigende Schulden, Steuererhöhungen und Wettbewerbsnachteile. In nicht allzu ferner Zeit werden wir gemeinsam mit unseren Erpresserfreunden den Staatsbankrott zelebrieren. Selber Schuld, wer da noch an seine Altersversorgung und sein Sparbuch glaubt.

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