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25.05.2012

06:14 Uhr

Kommentar

Zurück zum Kalten Krieg

VonJosef Joffe

Der russische Präsident Wladimir Putin will den Raketenabwehrschirm in Europa stoppen. Kommt er damit durch, würde er Russlands Macht demonstrieren. Es wäre ein Schritt zurück in eisige Zeiten.

Autor Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. PR

Autor Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Der Gast, der nicht kam, heißt Wladimir Putin, seit zwölf Jahren der wahre Herrscher aller Reußen. Den 16-Jahre-Rekord des Helmut Kohl wird er locker überbieten. Verständlich, dass er den Nato-Gipfel in Chicago ausgespart hat. Doch Camp David, wo sich die G8 traf, war eine richtig romantische Location: in den Catoctin-Bergen bei Washington versteckt, mit bester Gesellschaft - lauter Promis von Obama bis Merkel. Offiziell hieß es, Putin müsse sich sein neues Kabinett zusammenklauben; das war allerdings Sache seines Premiers Medwedjew, der brav und schlipslos mit den Großen Sieben tafelte. In Wahrheit war das Njet eine klassisch-russische Geste: Verachtung durch Verweigerung.

Was will der wiedergewählte Zar? In seinem Wahlkampf hatte er antiamerikanische Rhetorik zuhauf geliefert, so als hätte der „Reset“ vor drei Jahren nie stattgefunden. Sein Generalstabschef Nikolai Makarow legte noch einen drauf, als er mit einem Erstschlag gegen die künftige Raketenabwehr in Polen und Rumänien drohte. Auch wettert der Kreml gegen das Nato-Großmanöver „Steadfast Jazz“ im kommenden Jahr, vergisst dabei aber, dass die Übung die gebotene Antwort auf die russische von 2009 ist, die einen Angriff auf die baltischen Nato-Länder simulierte.

Russland in Zahlen

Landfläche und Bevölkerung

Russland erstreckt sich über eine Fläche von 16,4 Millionen Quadratkilometern - etwa ein Viertel davon liegt in Europa, der Rest in Asien. 142 Millionen Einwohner zählt das Land. Rund 14,8 Prozent der Einwohner Russlands sind unter 15 Jahre alt - aber nur 13,1 ist über 65. Zum Vergleich: 13,5 Prozent der Deutschen ist unter 15 Jahren - aber mehr als 20 Prozent ist älter als 65.

Bruttoinlandsprodukt und Staatsschulden

2010 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Russland rund 10.356 US-Dollar, 2011 lag es bei 13.235 US-Dollar. Das Wachstum des BIP im Jahr 2011 war vor allem den hohen Ölpreisen geschuldet. Das Wirtschaftswachstum hat sich seit der globalen Krise 2008/09 auf jährlich noch rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eingependelt. Der tiefste Einbruch wurde 2009 verzeichnet, als die Wirtschaft um knapp acht Prozent schrumpfte. Zuvor waren Wachstumsraten um sechs bis sieben Prozent erreicht worden. Allerdings ist Russland fast schuldenfrei: Die Staatsverschuldung liegt bei zehn Prozent des BIP. Russland verfügt zudem über Zentralbankreserven von einer halben Billion Dollar - die drittgrößten der Welt.

Russland, wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt

Russland gilt als wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt. Gleichzeitig ist das Land dadurch abhängig von seinen Rohstoffexporten. Die machen 65 Prozent aller Exporte des Landes und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Arbeitslose

Die Arbeitslosenquote lag 2009 in Russland 6,4 Prozent.(Deutschland 7,4 Prozent). Das Bruttonationaleinkommen lag je Einwohner bei 9.340 US-Dollar. In Deutschland betrug es hingegen bei 42.450 US-Dollar.

Dienstleistungen

57 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet Russland mit Dienstleistungen (Deutschland: 69 Prozent). Das produzierende Gewerbe liegt bei 37,2 Prozent des BIP, die Landwirtschaft bei fünf Prozent (Deutschland: 30,1 Prozent und 0,8 Prozent des BIP). Nur 13,2 Prozent der Fläche wird in Russland landwirtschaftlich genutzt. In Deutschland ist das 48,5 Prozent der Landesfläche.

Das Einkommen der Russen

Der Großteil der Bevölkerung ist arm: Nach Angaben des russischen Statistikamtes verdiente 53,2 Prozent 2011 der Russen nicht mehr als 15.000 Rubel (rund 386 Euro) im Monat. Bei 35,5 Prozent lagt das Monatseinkommen bei 35.000 Rubel (890 Euro). Nur 7,3 Prozent der Bevölkerung  hatten ein monatliches Einkommen zwischen 35.000 und 50.000 Rubel (900 bis 1.287 Euro).

Millionäre in Russland

Die Anzahl der Milliardäre stieg in einem einzigen Jahr von 62 auf 101 (2010). Das Vermögen der zweihundert reichsten Russen betrug 2010 499 Milliarden Dollar, das der hundert reichsten 432 Milliarden Dollar. Das heißt: in Moskau leben mittlerweile mehr Superreiche als in New York. Im Jahr 2011 lebten hier laut "Forbe"s 79 Milliardäre.

Besonders sauer sind die Putinisten auf Amerikas „Einmischung in innere Angelegenheiten“. Kaum gewählt, ließ Putin seine Sicherheitskräfte auf die demonstrierenden Demokraten los. Was hat Washington verbrochen? Die Provokation hörte sich so an: Hillary Clinton säuselte in CNN, sie hoffe, Russland werde „in der Lage sein, sich weiter zu demokratisieren“. Hammerhart. „Die Nato hat 20 Jahre lang um den Kreml geworben“, notiert der „Economist“, das „Ergebnis ist enttäuschen“. Die viel ältere Bilanz: Die Zaren, die roten und die weißen, kommen und gehen, aber die Kontinuität bleibt bestehen. Das Ur-Prinzip ist ein sowjetisches Veto über die Sicherheitspolitik des Westens.

Die Sowjets haben die Nato zu torpedieren versucht, die Wiederbewaffnung der Deutschen, deren Nato-Beitritt, die Stationierung taktischer Atomwaffen. Unvergessen bleiben die Stalin-Noten von 1952, die Wiedervereinigung gegen Neutralisierung anboten - Ende des Bündnisses. Immer wieder hielt Moskau den Köder eines „gesamteuropäischen Sicherheitssystems“ hin, das die Nato aufgelöst hätte. Schließlich entfachte der Kreml die Kampagne gegen die Nachrüstung. Ein jedes Mal hielt der Westen stand. Kein Veto für Moskau.

Kommentare (17)

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25.05.2012, 06:50 Uhr

Nicht nur, dass Brüssel uns versucht platt zu machen, jetzt kommt auch Gas-Gerd mit seinem Herren dazu. Das wenigste wäre ihm seine Pension und die Deutsche Staatsangehörigkeit zu entziehen. Das gleiche könnte man auch für Wulff und Merkel in Erwägung ziehen. Ungeziefer in Deutschland unerwünscht!

R.Rath

25.05.2012, 07:11 Uhr

Ach ja, der Herr Joffe muß wieder sein Lied von den "bösen" Russen singen. Ist ja auch kein Wunder, ist doch Herr Joffe transatlanisch sozialisiert und einer der herausragenden Lobbyisten und Parteigänger jeder amerikanischen Adminisration, egal ob Demokraten oder Republikaner. Auch ein Beruf und eine lebenslange "Aufgabe".
Vor allem eine Aufgabe der eigenen persönlichen Unabhänigkeit und objektiven politischen Analyse.

Account gelöscht!

25.05.2012, 08:09 Uhr

Der Artikelschreiber ist offensichtlich nicht neutral. Ansonsten würde er die Bedenken Russlands vernünftiger bewerten. Je mehr die Finanzkrise fortschreitet um so deutlicher wird die Verschiebung der Interessenlage Europas (vor allem Deutschlands) in Richtung euro-asiatischer Platte, also weg von Amerika! Das rohstoffarme alte Europa braucht zuverlässige Energielieferanten, die gleichzeitig unsere Produkte benötigen (kaufen können). Russland und China haben einen immensen Bedarf an Gütern aller Art. Das ist die Chance für Europa! Und unter Geschäftsfreunden macht man keinen Krieg!

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