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23.08.2012

11:17 Uhr

Kritik an der Kanzlerin

Angela allein zu Haus

VonJosef Joffe

In der Union wächst der Unmut über die Bundeskanzlerin. Sie regiere autokratisch, schaffe das Konservative der CDU ab und wechsele ständig ihre Positionen, heißt es. Doch Merkels Strategie funktioniert – noch.

Der Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", Josef Joffe. picture alliance / ZB

Der Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", Josef Joffe.

Don Corleone an der Spree: In „Die Patin“ rechnet Kohls älteres „Mädchen“ Gertrud Höhler mit dem jüngeren ab, dem „Mädchen Angela, herübergeweht aus dem deutschen Begleitboot des Supertankers UdSSR“, wie der „Spiegel“ die einstige Kohl-Beraterin zitiert. Das Nörgeln an der Kanzlerin ist ein vertrauter Dauerton in der Union. Sie habe das Christliche und Konservative verraten, die Partei sozialdemokratisiert. Doch stimmt Höhler ein neues, gar garstig Lied an: „Diese Frau“, wähnt sie, „hat bereits ein autokratisches Regime installiert.“ Da geht ihr die Polemik durch.

„Autokratisch“ war der alte Adenauer. Aber inzwischen leben wir in einem System, in dem die Macht zerfasert, die Information wie ein täglicher Tsunami über uns einbricht und jedermann sein Mütchen an den Großen kühlen kann. Woher also die Vorstellung vom „autoritären Sozialismus“, der „im System M. angelegt“ sei, wie es Höhler von sich gab? Die gekränkte Ex-Kanzlerberaterin macht gewisslich ihre eigene Rechnung auf; ein halbes Dutzend Talkshows wird diese Nummer ihr schon bringen. Doch wird die Diatribe so schnell nicht zwischen Jauch und Will versanden, weil sie in der Union auf ein größeres Unbehagen stößt als nur verletzte Eitelkeit.

Die Jungs in der zweiten und dritten Reihe – die Mädchen sind diskreter oder ziehen sich wie Schavan zurück – nehmen Merkel zweierlei übel. Einmal hat sie die Ihren wie Merz und Koch geräusch- und gnadenlos abserviert, den Wulff aufs Abstellgleis im Bellevue bugsiert, den Schäuble an den Kabinettstisch gekettet. Unvergessen bleibt auch der Vatermord an Kohl. Zum zweiten habe Merkel der Partei das „C“ – wie in „christlich“ und „conservativ“ – weggeschnippelt. Übrig geblieben sei die DU – die „Duldende Union“ – und ein „egomanischer Politikstil“ (Höhler), der nur Unterwerfung oder Verbannung kenne.

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger hat die Merkel-Methode „Karstadtisierung“ genannt – Politik als Kaufhaus. Da ist was dran. Wo die Milieus, die einst für Wählertreue sorgten, sich aufgelöst haben, herrscht das Prinzip der Postmoderne: „Anything goes.“ Im Angebot stehen Kaviar und Küchenkraut, Pelz und Persil. Dazu die „Herdprämie“ für die Kita-averse Traditionsfamilie, der Atomausstieg für die neuen Bürgerlichen, die Homo-Ehe für sexuelle Minderheiten, der Mindestlohn für Ungelernte, kurz: der für- und vorsorgende Staat.

Die Grundstrategie: je breiter mein Warenkorb, desto größer die Kundschaft. Das Geschäft läuft ganz gut, wie das bequeme Polster der Union in den Umfragen bezeugt. Und im direkten Rennen gegen diverse SPD-Granden ist Merkels Vorsprung noch größer. Diese Meisterin der „situativen Unberechenbarkeit“ (Höhler) wird zwar nicht geliebt, aber man darf das Unberechenbare auch ins Positive wenden. Geschwind füllt diese Kanzlerin jeweils einen anderen Warenkorb, der zur neuesten Nachfrage passt. Oder etwas getragener: Sie verkörpert die Befindlichkeit der Nation – just wie es in früheren Zeiten Adenauer, Brandt und Kohl taten. Wer will da wie in der „Bürgschaft“ den Dolch zücken, zumal es keine Damons in der Partei mehr gibt? Kein Wunder, dass der konservative Berliner Kreis gerade seinen Aufstand abgeblasen hat.

Die Leute wollen keinen Schröder mehr, der ihnen eine bittere Hartz-Kur verschreibt. Oder Rot-Grün, das sie in die Balkan- und Afghanistan-Kriege gezogen hat. Sie wollen Abstinenz wie in Libyen. Merkel fahre in der Euro-Krise „auf Sicht“, wirft ihr Joschka Fischer in der „BamS“ vor. Wie sonst, wenn so viele Untiefen und Klippen im Nebel lauern? Merkel will den Euro retten, aber bitte nicht allein auf deutsche Rechnung; die Pleitiers sollen ihre Hausaufgaben machen. So will es das Wahlvolk auch. Zum postmodernen Warenkorb gehört auch der postmoderne Stil: Mal sehen, was läuft – und stets zum Kurswechsel bereit sein. Kein Heldentum, kein Haudrauf.

In Wahrheit will dieses Land just die „große Schweiz abgeben“, die Fischer beklagt. Das passe nicht zu einem so mächtigen Staat, und er hat recht. Aber Deutschland ist Deutschland – und Merkel sein Prophet. Immer abwarten und Optionen bewahren, nie zuschlagen – es sei denn, gegen ihre Feinde in der eigenen Partei. Deshalb können sich die Revoluzzer nur aufmandeln, wie der Bayer sagt. Oder den Mund spitzen, ohne zu pfeifen. Merkel hat errungen, was nur wenige Politiker schaffen: ein planes Schlachtfeld ohne ebenbürtige Gegner. Nur: Wenn Merkel sich einmal im Warenkorb vergreift, ist niemand mehr da, der für sie kämpft. Alleinherrscher sind allein zu Haus.

Kommentare (16)

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23.08.2012, 13:28 Uhr

"Sie verkörpert die Befindlichkeit der Nation"

Tut sie das tatsächlich? Zur Befindlichkeit der Nation gehören auch Löhne, die zum Leben reichen und erschwingliche Energie. Dazu gehört auch eine Politik für das eigene Volk und nicht nur für Europäer. Dazu gehört auch ein gültiges Wahlrecht, die Heimholung unseres Goldes, die Frage wieviel Macht noch an Brüssel übertragen wird, die Frage welcher Vorteil ein Machtmoloch in Brüssel den Bürgern bringt uvm.

Auf all diesen Ebenen versagt sie kläglich. Und ich gehe mit Frau Höhler konform: Merkel hat restlos alles weg gebissen, was ihr hätte gefährlich werden können. Damit haben wir nur noch Politiker aus der 3. Reihe und keine Alternative innerhalb der CDU.

Und die Parteien, die klein sind und anders ticken, bekommen einfach keine Plattform. Das erinnert sehr an Diktatur.

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23.08.2012, 13:43 Uhr

Wenn die Abschaffung deutscher Stärken und Werte Merkels Strategie ist, dann funktioniert sie wirklich. Denn nichts anderes betreibt sie mit ihrer Europa-Euro-Rettungspolitik. Damit erweist sie dem eigenen Volk einen Bärendienst und schadet Deutschland immer mehr. Leider erhält sie dabei auch die Unterstützung aller Regierungsparteien was die Chance auf einen Ausstieg aus diesem Desaster begrenzt.

Account gelöscht!

23.08.2012, 13:44 Uhr

@DagmarK

" Zur Befindlichkeit der Nation gehören auch Löhne, die zum Leben reichen "....ist differenziert. Es gibt grausame Loehne, aber bitte die Masse hat Loehne die mehr als zum Leben reichen.

"... und erschwingliche Energie"
Eine Nation die gegen jede Art der Energieerzeugung und gegen jede Art des Energietransports protestiert hat nichts besseres verdient.

"Dazu gehört auch eine Politik für das eigene Volk und nicht nur für Europäer."

Hallo DagmarK !!!! Wir sind Europaer !

Bis die Tage

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