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02.02.2012

13:09 Uhr

Miriam Meckel

Netzgemeinde und „externe Welt“ verstehen sich nicht

VonMiriam Meckel

Die Aufregung rund um die Thesen zum Web 2.0 von Ansgar Heveling hat gezeigt, Netzgemeinde und „externe Welt“ stehen sich unverstanden gegenüber. Miriam Meckel fordert eine dringend notwendige politische Debatte.

Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. dpa

Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Freiheit ist eine Zumutung. Sie ist kompliziert und keineswegs selbstverständlich, und sie bleibt auch nicht von selbst, wenn einst erreicht. Das gilt für das digitale ebenso wie für das analoge Leben. Und ganz besonders für die Meinungsfreiheit. Von der ist auch gedeckt, dass sich Politiker mit von Kenntnis weitgehend ungetrübten Ansichten in martialischer Sprache über mediale Schlachtordnungen äußern und darüber, wie das Netz die bürgerliche Gesellschaft bedrohe. Auch das muss gesagt werden dürfen, ganz im Sinne des immer noch eindrucksvollen Satzes von Rosa Luxemburg: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

In Sachen Internet hat man gelegentlich den Eindruck, der Satz gelte nicht mehr. Er sei abgelöst worden durch eine Bush-Doktrin 2.0 fürs Web: Mach keinen Unterschied zwischen einem verirrten Einzelnen und seiner Partei. Mach auch keinen zwischen einer Äußerung und der Plattform, auf der sie stattfindet. Bekämpfe immer beides. Der gelassene Umgang mit geistigem Unsinn wird zur verbissenen Schlammschlacht, der Austausch von Argumenten zur binären Konfrontation. Ich kann nur für oder gegen das Internet sein. Für das Internet zu sein reicht als politisches Programm.

Die Parteien, die sich in dieser Konfrontation gegenüberstehen, sind klar abgegrenzt: auf der einen Seite die Politiker der alten analogen Welt mit ihren Regulierungswünschen und -ansätzen. Auf der anderen Seite die Netzgemeinde, deren Glaubenssätze für die neue digitale Welt inzwischen zuweilen im Wortsinne religiöse Züge annehmen. Das hat durchaus Tradition. John Perry Barlow, einer der frühen Internetaktivisten, hat schon auf dem World Economic Forum in Davos 1996 gesagt: „Regierungen der industrialisierten Welt, ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, lasst uns allein. Ich erkläre den weltweiten Gesellschaftsraum, den wir aufbauen, als unabhängig von der Tyrannei, die ihr uns auferlegen wollt.“

Heute haben wir den weltweiten Gesellschaftsraum, von dem Barlow sprach. Die Regierungen der industrialisierten Welt haben dort wenig zu melden, es sei denn, sie engagieren sich, wie die Volksrepublik China, in der Zensur der Inhalte, um ihre Bürger zu unterdrücken. Das Fundament für diesen Raum sind die Server von Google, Facebook, Amazon. Seine virtuelle Infrastruktur, die unser aller Leben bestimmt, wird in den USA angelegt und betrieben. Von der „Tyrannei“ einiger weniger globaler Konzerne aus den USA, die uns ihre Bedingungen für ein Leben im weltweiten Gesellschaftsraum aufdrücken, ist bislang kein historisches Zitat überliefert.

Kommentare (8)

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Audit

02.02.2012, 13:45 Uhr

Das Wassermann – Zeitalter.

Alte Ordnungen lösen sich auf und werden durch andere, höher gelagerte Ordnungen ersetzt werden. Für die Anhänger der alten Ordnung bricht dann immer mehr das Chaos aus, während für die Menschen mit höheren Bewusstsein immer mehr Gerechtigkeit erkennbar wird.

Das alte, lineare Denken wird durch ein Denken in Ganzheit ersetzt.

Alles ist mit ALLEM verknüpft und alles beeinflusst alles. Wer denkt, dass er noch durch Raub, Mord und Betrug seinen Wohlstand erlangen kann, wird immer mehr eines Besseren belehrt. Immer mehr wird man nur das essen, was man sich erarbeitet (und nicht geraubt) hat. Im globalen sieht man das anhand der stetig steigenden Misserfolge der Mördernationen (England, Israel und Amiland) und der Erstarkung von rechtschaffenden Nationen wie Deutschland, China, Japan.

Aber die Vertreter der alten Ordnung wollen mit immer mehr Kontrollen die alte Kontrollfähigkeit wieder herstellen. Aber hier kämpfen sie auf verlorenem Posten. BIG BROTHER rüstet seine Armeen immer mehr auf, aber ein paar Selbstmordattentäter erreichen oft mehr. Vietnam, Afghanistan waren erste Beispiele dafür, dass die Zeit der primitiven Materialschlachten beendet ist.

Ähnlich im Internet. Hier versucht BIG BROTHER das Volk zu bekämpfen. Aber so wie gewissen arabische Staaten (Tunesien, Ägypten,..) den Kampf gegen das Internet verloren haben (Wiki Leads), so werden auch die Piratennationen den Kampf gegen das Internet verlieren. Die angeblichen Internet-Terroristen sind die führende Elite von morgen. Wie schnell das gehen kann, erkennt man daran, wie schnell in Deutschland die Piraten Partei hoch gekommen ist.

Dabei ist das alles nur alles ein Vorgeschmack auf die neue Zeit. schon Gorbashow sagte: "Wer zu spät kommt, bestraft das Leben".



Jeff

02.02.2012, 14:02 Uhr

"Die Aufregung rund um die Thesen zum Web 2.0 von Ansgar Heveling hat gezeigt, Netzgemeinde und „externe Welt“ stehen sich unverstanden gegenüber."

Das kann ich nicht nachvollziehen, klingt in etwa so sinnvoll wie: "Der Fernsehzuschauer und die "externe Welt" stehen sich unverstanden gegenüber."

Das Internet ist nichts weiter als ein Medium, wenn auch das mächtigste, das jemals erdacht wurde, das in der realen Welt von realen Menschen als reales Werkzeug verwendet wird.

Das einzige, was Heveling bestätigt hat, ist, daß in der CDU/CSU, der Contentmafia und anderen Teilen der Bevölkerung reaktionäres Gedankengut verbreitet wird.

Und heuchlerisches obendrein, denn Heveling ist mittlerweile selbst als Urheberrechtsverletzer entlarvt, er hat Teile seiner Webseite gekaudert:
http://blog.odem.org/2012/01/urheberrechtstrolle.html

Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche. (F. W. Bernstein)

Pat

02.02.2012, 14:14 Uhr

Wenn die Autorin schreibt:
"Wir müssen uns fragen, wie die digitale Infrastruktur unseres Leben aussehen soll, damit alle Freiheiten gesichert werden, von denen der Einzelne ebenso profitiert wie die Gesellschaft im Ganzen. Sich den Detailfragen der Sicherung von Freiheit im und für das Netz zu widmen ist schon Zumutung genug.",

hat sie damit vollkommen recht. Allerding ist das ein Punkt, den es bestimmt nicht mit Menschen aus der "externen Welt" zu diskutieren gilt - denn an der Ahnung alteingesessener Dinosaurier zum Thema Internet gibt es wohlberechtigte Zweifel. Wer sich heute selbst zu dieser Masse an Menschen der externen Welt zählt, hat die letzten 20 Jahre wohl sein Bewusstsein abgeschalten - was soll man von so jemandem erwarten? Die Internetgemeinde ist kein Gespenst. So gut wie jeder hat heute eine Email-Adresse, sogar ein recht neues Unternehmen wie Facebook hat 800 Millionen Nutzer.

Dass das Alter eines Menschen damit nur peripher zu tun hat, sieht man an den vielen älteren Menschen, die sich im Internet tummeln und teilweise dem neuen Medium sehr aufgeschlossen gegenüberstehen.

Problematisch ist doch die Art, die Regierungen beim Umgang mit dem Internet an den Tag legen - nun wundern sie sich über die Wehrkraft der Nutzer und rufen zur "Demokratischen Diskussion" auf. Nun, da sie drauf und dran sind, den Kürzeren zu ziehen. Der Schluss, dass man es weitgehend mit einem Haufen eingebildeter, arroganter und unwissender Möchtegernführer zu tun hat, die sich ihre Glaubwürdigkeit erst einmal wieder erarbeiten müssen, fällt nicht schwer.

"Von oben herab" ging in erster Linie nicht von der Netzgemeinde aus, sondern von denen, die geglaubt haben, sie säßen am längeren Hebel.

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