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24.12.2011

10:16 Uhr

Moskauer Blogger - Folge 3

„Wir werden heute alle überraschen“

VonIlja Warlamow

Das Netz als demokratisches Katapult: Die Proteste nach der umstrittenen Parlamentswahl in Russland werden maßgeblich über Twitter, Blogs und soziale Netzwerke organisiert. Ein Gesicht der Protestbewegung ist der immer populärer werdende Blogger Ilja Warlamow aus Moskau. Über 66.000 Menschen folgen ihm bereits bei Twitter. In einer exklusiven Handelsblatt-Serie erzählt der 27-jährige IT-Unternehmer täglich über die aktuellen Entwicklungen und die Stimmung in Moskau. In der russischen Hauptstadt wird es heute, wenn hierzulande alle Weihnachten feiern, die nächste Großdemo geben. Über 50.000 Teilnehmer haben bei Facebook bereits ihre Teilnahme angekündigt. Handelsblatt Online ist hautnah dabei.

Portrait von Ilja Warlamow, IT-Unternehmer und Blogger aus Moskau.

Ilja Warlamow, IT-Unternehmer und Blogger aus Moskau.

MoskauDie heutige Großdemo ist zweifelsohne das wichtigste Ereignis der Woche, wenn nicht sogar des Jahres. Schon den zweiten Tag in Folge haben sich die Organisatoren praktisch ohne Unterbrechung darauf vorbereitet. Nach meinem Wissen laufen die Vorbereitungen für die Demonstration sehr gut. Die Organisatoren versprechen eine gute akustische Ausstattung, eine große Bühne - und sogar eine Feldküche! Man kann also heute nicht nur hören, was aus den Lautsprechern kommt, sondern auch noch heißen Tee und Brei zur Stärkung zu sich nehmen.

Aktivisten lassen mit Hilfe einer ferngesteuerten Mini-Drohne eine Kamera in die Luft steigen. Quelle: Ilja Warlamow

Aktivisten lassen mit Hilfe einer ferngesteuerten Mini-Drohne eine Kamera in die Luft steigen. Quelle: Ilja Warlamow

Auch in unserer Bürgerjournalisten-Redaktion Ridus.ru laufen die Vorbereitungen für die Demonstration auf Hochtouren. Bei der letzten Großdemo am 10. Dezember haben wir alle mit unserer ferngesteuerten Mini-Drohne überrascht, an der eine Kamera befestigt war, um Luftaufnahmen der Straßenproteste zu machen.

Heute wollen wir für noch mehr Aufsehen sorgen. Noch kann ich nicht erzählen, was genau wir uns ausgedacht haben. Schaut einfach heute zum Moskauer Himmel und seht selbst!

Zum Abschluss der Woche veranstalteten Jugendliche gestern den zweiten Flash-Mob in der Moskauer U-Bahn. Das Motto: „Meine Stimme wurde gestohlen“. Während der erste Tag mehr oder weniger normal verlief, hat es sich am Tag vor den Massenprotesten zugespitzt: Sieben von ihnen wurden festgenommen und mit auf die Polizeiwache genommen, um „die Dokumente zu prüfen“, wie es oft so schön heißt. Die Aktivisten wurden dort über eine Stunde festgehalten, bevor man sie wieder laufen ließ.

Motto eines Flash-Mobs in der Moskauer U-Bahn: „Meine Stimme wurde gestohlen“. Quelle: Ilja Warlamow

Motto eines Flash-Mobs in der Moskauer U-Bahn: „Meine Stimme wurde gestohlen“. Quelle: Ilja Warlamow

Der entscheidende Frage der heutigen Proteste wird sein: Wie viele Menschen werden tatsächlich auf die Straßen gehen? Davon hängt sehr viel ab. Kommen weniger als 50.000 Menschen – und nach meiner Einschätzung waren es am 10. Dezember auf der Bolotny-Insel etwa so viele – dann könnte das ein Signal für die Behörden sein, dass die Protestlaune abgeflaut ist. Aber wenn es mehr Leute werden, dann sind auch die darauf folgenden Aktionen zum Erfolg verdammt – und die Organisatoren bekommen noch mehr Bestätigung von jenen, die zuvor Zweifel an dem Erfolg der Protestbewegung hatten.

Die genaue Anzahl der Teilnehmer an den heutigen Straßenprotesten kann niemand vorhersagen. Dafür gibt es zu viele unvorhersehbare Faktoren. Auf der einen Seite beginnt morgen das letzte Wochenende vor dem Jahreswechsel, die Leute müssen Geschenke besorgen und sich für den Feiertag vorbereiten (Anmerkung der Redaktion: In Russland ist Neujahr der am größten zelebrierte Feiertag des Jahres, an dem auch Geschenke ausgetauscht werden. Heiligabend wir nach dem orthodoxen Glaubenskalender erst am 6. Januar gefeiert – normalerweise ohne Bescherung, dafür aber mit oft stundenlangen Messen in der Kirche).

Erschwerend kommt hinzu, dass für den heutigen Protesttag schlechtes Wetter und Frost vorhergesagt wurde. Viele Menschen, die beim letzten Mal zum Moskauer Bolotnaja-Platz kamen, waren am Ende enttäuscht, weil es kalt war auf den Straßen, der Ton nicht gut und es für viele zu eng war.

Straßenproteste am 10. Dezember auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz . Quelle: Ridus.ru

Straßenproteste am 10. Dezember auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz . Quelle: Ridus.ru

Auf der anderen Seite gibt es einen Faktor, der die Leute all dies vergessen machen könnte: Der bekannte Blogger und Aktivist Alexej Nawalnij wird - solle er nicht kurzfristig wieder festgenommen werden - nach seiner 15-tägigen Haft auch zu der Kundgebung kommen. Außerdem werden viele von jenen dabei sein, die vielleicht zunächst Angst hatten und nicht an die erste Kundgebung auf dem Bolotnaja-Platz geglaubt hatten.

Nach meinem Gefühl werden es aber eher weniger Menschen sein heute als bei den letzten Massenprotesten. Vielleicht werden es 30.000 Menschen, nicht mehr. Das schließe ich aus den Gesprächen mit meinen Bekannten und Freunden, die fast alle bei den Straßenprotesten am 10. Dezember waren, aber nicht alle heute dabei sein werden.

Aber wie dem auch sei: Ich hoffe einfach, dass dieser Tag heute ein guter Abschluss eines schwierigen Jahres für Russland werden wird. Wir sind alle gespannt.

Aus dem Russischen übersetzt von Simon Sturm.

Kommentare (10)

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eurase

24.12.2011, 10:33 Uhr

was soll eigentlich diese gesteuerte primitivagitprop ?
bekannte kreise wollen erneut destabilisieren
und letztlich ein zusammenwachsen eurasiens mit den entsprechenden geopolitischen folgen verhindern.
dies wird der amerikanischjüdischen freimaurerclique nicht mehr gelingen.

Mario53721

24.12.2011, 11:14 Uhr

Ich wünsche den Teilnehmern der heutigen Demonstration viel Erfolg, befürchte aber, dass man im Kreml eine Taktik der "Gummiwand" anwenden wird, das heisst, man läßt die Leute demonstrieren, ohne tatsächlich auf deren Argumente zu reagieren. Das kann funktionieren, kann sich aber sich auch als Bumerang erweisen für die Putin-Clique. Wir werden sehen. Jedenfalls gilt, was Boris Nemcov bereits bei der ersten Demonstration verkündet hat:
"Путина - на нары" ("Putin - in den Knast"). Und "Freiheit für Mikhail Khodorkovskij" möchte ich von mir aus hinzufügen. Erst dann wird es eine reelle Chance auf Freiheit in Russland geben.

Thomas-Melber-Stuttgart

24.12.2011, 11:26 Uhr

Ein destabilisiertes Libyen ist eine Sache, ein instabiles Rußland eine ganz andere. Vielleicht brauchen wir dann demnächst eine erneute Bundeswehrreform, Motto: "Rolle rückwärts".

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