Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.12.2011

09:54 Uhr

Moskauer Blogger - Folge 4

„Es war ein Protest ohne Zusammenhalt“

VonIlja Warlamow

Während hierzulande in warmen Stuben Heiligabend gefeiert wurde, ereigneten sich in Russland die größten Proteste seit Putins Machtantritt vor gut zehn Jahren. Die Veranstalter sprachen von 120.000 Teilnehmern, die trotz frostiger Temperaturen allein in Moskau auf die Straßen gingen. Mittendrin war auch der IT-Unternehmer und Blogger Ilja Warlamow – ein junges Gesicht der Protestbewegung, die sich maßgeblich über Twitter, Blogs und soziale Netzwerke organisiert. In einer exklusiven Handelsblatt-Serie erzählt der 27-jährige täglich über die aktuellen Entwicklungen und die Stimmung in Moskau.

Portrait von Ilja Warlamow, IT-Unternehmer und Blogger aus Moskau.

Ilja Warlamow, IT-Unternehmer und Blogger aus Moskau.

MoskauWährend im Westen vielerorts wie üblich Heiligabend gefeiert wurde, ereignete sich gestern für Russland ein mehr als außergewöhnlicher Tag. Auf dem Sacharow-Prospekt in Moskau fand die Kundgebung „Für faire Wahlen“ statt. Die Demonstration war zuvor für eine Teilnehmerzahl von 50.000 Menschen zugelassen worden. Wieviele Menschen es am Ende tatsächlich waren, ist schwer zu sagen. Die Organisatoren zählten 120.000 Menschen, die Polizei 30.000. Die wirkliche Zahl liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Unabhängige Beobachter haben 60.000 bis 70.000 Menschen gezählt – diese Zahl halte ich für realistisch. 

Aber das Wichtigste ist, dass überhaupt so viele Menschen gekommen sind und dass alles fast reibungslos lief. Es gab keine Provokationen, keine gewaltsamen Zusammenstöße mit der Polizei. Wie vor zwei Wochen, kamen auch gestern die verschiedensten Leute zu den Massenprotesten. Nationalisten standen neben Kommunisten. Vertreter der LGBT-Bewegung waren dabei, Dutzende unterschiedlicher Parteien und Organisationen – alle waren sie zusammen. 

Blick von einem Baukran auf die Massenproteste auf dem Sacharow-Prospekt in Moskau Ilja Warlamow

Blick von einem Baukran auf die Massenproteste auf dem Sacharow-Prospekt in Moskau

Am Ende der Kundgebung wurde eine Resolution verabschiedet, die Wladimir Rischkow verlas. In ihr sind sechs Forderungen festgehalten: die sofortige Freilassung aller politischer Gefangener und aller bekanntermaßen zu Unrecht Verurteilten; die Annullierung der manipulierten Wahlergebnisse; der Rücktritt des Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission Wladimir Tschurow und die Untersuchung seiner Tätigkeit; die Bestrafung der schuldigen Wahlfälscher; die Zulassung aller Oppositionsparteien und die Schaffung einer demokratischen Gesetzgebung bis Februar 2012; die Ermöglichung neuer und fairer Wahlen.

Der Protest gegen den Präsidentschaftskandidaten Putin lässt nicht nach. Ilja Warlamow

Der Protest gegen den Präsidentschaftskandidaten Putin lässt nicht nach.

 

Ich persönlich war von 12 Uhr mittags bis zum Ende der Kundgebung auf dem Sacharow-Prospekt. Die Geschehnisse während dieser Zeit lösten in mir gemischte Gefühle aus. Im Gegensatz zu den Protesten am 10. Dezember auf dem Bolotnaja-Platz, gab es dieses Mal nicht diese Einigkeit unter den Demonstranten, nicht den gleichen Zusammenhalt. Auf dem Bolotnaja-Platz versammelten sich die Leute spontan innerhalb weniger Tage. Die Euphorie war zu spüren, die Augen der Menschen glühten. Sogar Provokateure aus den Reihen der Nationalisten hatten sich anders verhalten. Man erinnere sich nur daran, wie die Leute „Löschen, löschen“ riefen, als die Nationalisten auf dem Bolotnaja-Platz Feuerwerkskörper entzündeten. Heute gab es keine bengalischen Feuer, genauso wie es nicht wieder diese Einigkeit gab. Und als einige Rechtsradikale über die Absperrung zur Bühne kletterten, schrie ihnen niemand etwas zu.

Der Kälte und dem Kreml zum Trotz: Heißer Tee für die Protestler auf dem Moskauer Sacharow-Prospekt. Ilja Warlamow

Der Kälte und dem Kreml zum Trotz: Heißer Tee für die Protestler auf dem Moskauer Sacharow-Prospekt.

Die gesamte Kundgebung über wurde jedoch immer jemand ausgebuht. Während der Rede des Vorsitzenden der Liberalen schrien die Nationalisten „Geh zurück nach Israel!“ und „Gebt den Russen das Wort!“. Die Rede des Vorsitzenden der Nationalisten ertrankt in einem gellenden Pfeifkonzert der Menschenmenge. Sogar dem Auftritt des Aktivisten und bekannten Bloggers Alexej Nawalnij begegneten nicht alle freundlich. Seine vielleicht zu radikale Rede hat viele verschreckt. Andere Redner waren wegen der lauten Pfiffe gar nicht erst zu verstehen.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Politinteresse

25.12.2011, 11:59 Uhr

60-70.000 Menschen gegen Putin (Rußland hat ca 140 Mio Einwohner: also ca ein halbes Promil). Darunter hauptsächlich Kommunisten und Nationalisten im Rentenalter, die jeweils verschiedenen Aspekten der Sowjetunion nachtrauern (die einen ein soziopolitisches geordnetes System, das für den einzelnen Menschen denkt und sich kümmert, die anderen eine Superpower). Dazwischen auch Jüngere, die gerne eine New-Yorkisierung à la Jelzin zurückwünschen. Insgesamt 60-120.000 Menschen bei 140.000.000 Russen insgesamt. Wenn jeder dieser Demonstranten für hundert andere Unzufriedene steht, dann können sie in einer Partei geeint die 5-Prozent-Hürde überschreiten. Aber stehen da jeweils hundert hinter? und sind sie geeint? Sie hassen sich wohl gegenseitig mehr als den politischen Gegner an der Macht. Niemand soll mir erzählen die russischen Möchtegern-New York-Boys (wie auch der Autor) hätten lieber Kommunisten oder Nationalisten als Putin an der Macht. Genauso umgekehrt die anderen. Das wäre ihnen jeweils noch unlieber und hätte erheblichere Konsequenzen für ihre politische Zukunft. Putin lässt sie marginal wenigstens gewähren.

Trotzdem: Ein sehr ehrlicher Bericht, aus dem jeder seine Schlüsse ziehen kann. Von der Welt (neben dem HB mein weiteres, favorisiertes Online-Blatt) erfährt man nur negativ meinungsgefärbtes zu Russland und seiner Führung. Sehr enttäuschend. Schade, dass ehemals Konservative (heute Rudiment-Konservative), wenn sie tranatlantisch und pro-is ausgerichtet sind, immer meinen Aversionen gegen Russland schüren zu müssen. Ein wahrer Patriot (ob links oder rechts bzw. sozial oder konservativ beschwerpunktet) würde IMMER, und unter allen Umständen, den Ausgleich mit Russland suchen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×