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11.05.2017

12:39 Uhr

Professor Tacheles

Legenden und Tatsachen bei Stellvertreterkriegen

VonMichael Wolffsohn

Es sind nicht ständig finstere Außenmächte oder „der Westen“, der die unschuldige Welt außerhalb Euro-Amerikas in Chaos und Krieg stürzt. Wir müssen uns kein schlechtes Gewissen machen lassen, findet unser Kolumnist.

Sowohl der syrische Präsident als auch andere innersyrischen Akteure im Bürgerkrieg waren stark genug, um alleine zu siegen. Folglich holten alle innersyrischen Akteure Hilfe von außen. dpa

Bashar al-Assad

Sowohl der syrische Präsident als auch andere innersyrischen Akteure im Bürgerkrieg waren stark genug, um alleine zu siegen. Folglich holten alle innersyrischen Akteure Hilfe von außen.

Von Stellvertreterkriegen ist derzeit wieder oft die Rede. Angeblich wird seit 2011 in Syrien ein Stellvertreterkrieg ausgefochten. Dort finde, recht besehen, kein Bürgerkrieg statt. Die wahren Kriegsgegner seien einerseits „der Westen“ gemeinsam mit Saudi-Arabien, der Türkei und den kleinen Ölstaaten am Arabischen Golf und andererseits Russland mit dem Iran. Stimmte diese These, könnte man sagen, dass, wie es sich gehört, der Hund mit dem Schwanz wedele.

Noch (?) ohne Krieg liegt dem Atomkonflikt um das steinzeitkommunistische Nordkorea der gleiche Gedanke zugrunde. Er lautet: Der eigentliche Adressat für das kleine Nordkorea sei das riesige China. Wer, wie US-Präsident Trump, Nordkorea zur nuklearen Abrüstung bringen wolle, müsse mit Peking ins Geschäft kommen. Stimmte diese These, könnte man sagen, dass, wie es sich nicht gehört, der Schwanz mit dem Hund wedele.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Beides zusammen ist jedoch unmöglich. Wir fragen deshalb: Wer also wedelt wo mit wem, der Hund mit dem Schwanz oder umgekehrt der Schwanz mit dem Hund? Lassen wir die Empirie, die Tatsachen sprechen.

Als reiner Bürgerkrieg begannen im Frühjahr 2011 die Feindseligkeiten in Syrien. Die Fronten schienen klar: Hier Assad-Diktatur, dort der „Arabische Frühling“, der in Syrien Demokratie zur Blüte bringen wollte. Sehr bald stellte sich heraus, dass weniger um Demokratie im syrischen Gesamtstaat als vielmehr um berechtigte oder unberechtigte ethnische und religiöse Teilinteressen gefochten wurde. Der Assad-Clan ist sozusagen die Eisbergspitze der alawitisch-schiitischen Minderheit. Diese wurde bis 1970 von der sunnitischen Mehrheit traditionell mehr oder weniger unterdrückt. Im Herbst jenes Jahres putsche sich Assad-Vater an die Staatsspitze. Nach dessen Tod folgte im Jahre 2000 Assad-Sohn.

Die wichtigsten Akteure im Syrien-Krieg

Regierung

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad beherrschen die großen Städte des Landes. Syriens Armee hat im langen Krieg sehr gelitten, konnte die Rebellen aber dank massiver russischer und iranischer Hilfe in vielen Gebieten zurückdrängen, unter anderem aus der Großstadt Aleppo. Assad sitzt derzeit fest im Sattel.

Rebellen

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die mächtigen Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Moskau ist von seiner Forderung abgerückt, diese beiden auf die Terrorliste zu setzen. Dschaisch al-Islam wird in Genf an den Verhandlungen teilnehmen.

Politische Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul, die in Genf mit Repräsentanten vertreten sein wird.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz beherrscht im Norden und Osten weiterhin riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken. Sie sind an keinerlei Verhandlungen beteiligt. Für sie und andere Terrorgruppen gilt auch die landesweite Waffenruhe nicht.

Al-Kaida

Auch die Al-Kaida-nahe Fatah-al-Scham-Front (Ex-Al-Nusra-Front) ist von der Feuerpause aufgenommen. Sie hat sich mit anderen Gruppen zu einer Allianz zusammengetan und kämpft mit anderen Rebellen um die Vorherrschaft im Nordwesten Syriens.

Die Kurden

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Allerdings sind weder die wichtigste Kurdenpartei PYD noch die größte Kurdenmiliz YPG in Genf dabei. Die Türkei betrachtet sie als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie deshalb.

Russland

Moskau ist wichtigster Verbündeter der Regierung. Seit September 2015 fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind.

Iran

Teheran ist ein treuer Unterstützer der Assad-Regierung. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte libanesische Schiitenmiliz Hisbollah sowie andere bewaffnete Gruppen sind in Syrien an Assads Seite im Einsatz.

Die Türkei

Sie ist mittlerweile der einflussreichste Partner der Rebellen. Ankara war neben Moskau maßgeblich daran beteiligt, dass es zu einer neuen Waffenruhe kam. Türkische Truppen sind in Nordsyrien im Einsatz, wo sie Rebellen im Kampf gegen den IS unterstützen.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Deutschland stellt unter anderem sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien und ein Flugzeug zur Luftbetankung. In den jetzigen Verhandlungen spielt der Westen nur eine Nebenrolle.

Vor knapp vierzig Jahren wurde so der syrische Spieß umgedreht. Fortan bestand eine alawitisch-schiitische Diktatur. Es war nur eine Frage der Zeit, dass und wann sich der Widerstand der sunnitischen Mehrheit formieren würde. Das war bereits 1982 der Fall. Damals ließ Vater Assad seine Gegner niederkartätschen. Dann herrschte bis 2011 relative Ruhe. In den ersten Jahren des Syrischen Bürgerkrieges geriet die schiitische Assad-Diktatur in die Defensive. Fast war sie besiegt. Die Schwäche der Alawiten-Diktatur wollten die Kurden Syriens für sich nutzen, um innerhalb Syriens mehr Selbstbestimmung zu erreichen. Das war ihr Minimalprogramm. Ihr Maximalprogramm: Die Vereinigung der Kurden Syriens, der Türkei, des Irak und Iran in einem neu zu gründenden Kurdenstaat. Dem widersetzen sich die Staatsführungen Syriens, der Türkei, des Irak und Irans.

Keiner der innersyrischen Akteure war stark genug, um alleine zu siegen. Folglich holten alle innersyrischen Akteure Hilfe von außen. Am Anfang fiel also die Entscheidung, Außenakteure zu holen, durch die jeweiligen Konfliktparteien im Innern Syriens. DAS war die Grundsituation. So gesehen, ist die These vom Stellvertreterkrieg in Syrien barer Unsinn. Dass die unterschiedlichen Außenakteure sich nicht heftig bitten ließen, steht auf einem anderen Blatt. Natürlich vertreten sie eigene Interessen. Nicht uneigennützig sind sie bereit, einen Preis an Menschen, eigenen Toten, und Material zu zahlen.

Kommentare (5)

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Herr Günther Schemutat

11.05.2017, 13:23 Uhr

Komisch ,..es gibt also finstere Außemächte und der.... Westen. Also Westen bedeutet gleich
Sauberkeit,Weiße Uniformen und das Recht auf militärischen Einsatz überall auf der Welt. Richtig?

Die finsteren Außenmächte aber und weniger Finstere finden aber das der Westen der finstere Teilnehmer ist. Salopp gesagt.

Das kann man nicht von der hand weisen, schließlich waren es die Türkei England Frankreich Deutschland und USA , die die Arabischen Staaten dominiert haben und dann mit
Bleistift in Staaten aufgeteilt haben. Die Religionsrichtungen teilen sich die Saudis und die Iraner und natürlich mit Erdogan.

Alle anderen machen da weiter , wo sie mal aufgehört haben. Nur Russland ist der
Neue, der die weiße reine Armee des Westens ständig ärgert. Auch Deutschland als Wiedereinsteiger ist dabei , die neue Söldnerarmee von Merkel und Co muss Kampferprobt werden
überall auf der Welt. Es zuckt der Zeigefinger, aber man stellt sich hin mit leisen Sätzen und verkaufen uns so viel weißes reines Militär , dass der Papst sie eines Tages wohl heilig spricht



Frau Annette Bollmohr

11.05.2017, 13:38 Uhr

"Wir müssen uns kein schlechtes Gewissen machen lassen"

Kein Mensch muss sich ein schlechtes Gewissen machen lassen (von wem denn auch, und vor allem: wozu??).

Hauptsache, er hat überhaupt ein Gewissen.

Herr Günther Schemutat

11.05.2017, 13:49 Uhr

Die meisten Politiker haben ein reines Gewissen, dass beruhigt mich auch , weil sie es noch nie benutzt haben,.

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