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20.01.2011

11:00 Uhr

Sprache

Warum der Aufstand gegen das Englische zwecklos ist

VonJosef Joffe

Irgendwann wird jemand "ladylike" mit "dämlich" übersetzen. Aber Sprachmischmasch gab es früher auch - mit Latein und Französisch als "Lingua Franca".

Josef Joffe ist Herausgeber der Zeit. Quelle: dpa

Josef Joffe ist Herausgeber der Zeit.

We speak English, don't we? Yes, of course. Wir reden Englisch in der Hochschule, obwohl wir die noch nicht „high school“ nennen. Wir reden Englisch in den globalisierten Betrieben. Und kein Mensch sagt mehr „Schlussverkauf“ – es heißt jetzt „Sale“. „American Nail Care“ nennt sich ein Maniküre-Salon in Hamburg, „Capital Beach“ das Outdoor-, äh, Garten-Café vor dem Berliner Hauptbahnhof. Pro 7 beteuert: „We love to entertain you“, RTL hypt (äh, berühmt) sich auch auf Englisch.

Also „schönen Tag, noch“ („have a nice day“), deutsche Sprache! Und wir konstatieren „am Ende des Tages“ – Deulish für „letztendlich“ –, dass die deutsche Sprache wieder mal zum Teufel geht. Wie zuletzt auf der Tagung „Deutsch in der Wissenschaft“ in Tutzing. „Selbstentmündigung“ und „vorauseilender Gehorsam“ flogen durch die Luft. Der „Untergang geistiger Welten“ wurde beschworen, das „Verschwinden intellektueller Standards“.

Von „Beflissenheit“ und „Entfremdung“, ja, „anglo-amerikanischer Sklaverei“ berichtet die „Frankfurter Allgemeine“. Und die werde auch noch mit Steuergeldern alimentiert, weil etwa Anträge und Evaluierung bei der Exzellenzinitiative der Universitäten auch auf Englisch abgefasst werden müssten.

„Exzellenz“, „Initiative“, „Evaluierung“: Das klingt auch fremdländisch. Ist es auch – eingedeutschtes Latein mit einem Klacks Französisch. Und der geschulte Anglo-Sklave kommt ins Grübeln. Die Sprache der Germanen ist so „rein“ wie die deutsche Rasse, nämlich gar nicht. Kaum ein europäisches Volk ist so „durchrasst“ wie das deutsche – kein Wunder angesichts seiner Mittellage, die Eroberer und Einwanderer mitsamt ihrer Sprache angelockt hat.

„Bluse“ ist Französisch, „Roboter“ Russisch, „Ganove“ Jiddisch, „Ciao“ Italienisch, „Döner“ Türkisch, „Gangster“ Englisch. Halloween ist der Nationalfeiertag deutscher Kids, die früher mal Teenager hießen So what? Irgendeine Lingua franca (nicht: „Freisprache“) muss es geben. Das war die lateinische bis ins Mittelalter. Das war Französisch bis ins 19. Jahrhundert; in der schrieb und „parlierte“ der Alte Fritz. Nach der Reichsgründung setzte sich Deutsch in den Wissenschaften durch; für das Ende der Vorherrschaft sorgte ein Österreicher namens Hitler.

Heute ist es Englisch. Ist die Dominanz dem „Kulturimperialismus“ geschuldet? Sie kommt nicht auf Panzerketten daher. Englisch ist nicht nur „cool“, sondern auch praktisch: wegen seiner schlichten Grammatik und seiner strengen, aber eindeutigen Syntax.

Und versuchen Sie mal, „Sex“ einzudeutschen: Geschlechtsverkehr? Beischlaf? Körperliche Vereinigung? „Der Punkt ist“ (auch Englisch), dass Sex kürzer und griffiger ist. Noch praktischer ist es, wissenschaftliche Ergüsse auf Englisch zu artikulieren. So wird man von der größtmöglichen Zahl der Kollegen verstanden. Daran ändern auch fromme Wünsche nichts – oder etwa die Forderung, Deutsch als Landessprache im GG zu verankern.

Das Problem lauert anderswo: „Bad English“ ist die am schnellsten expandierende Sprache. Man darf dieses Kauderwelsch auch die Rache der Eingeborenen an den „Kulturimperialisten“ nennen. Das zweite Problem ist die Verhunzung der eigenen Sprache durch wortwörtliche Übersetzung wie: „Bist du in Ordnung?“ „Hast du eine gute Zeit gehabt?“ Irgendwann wird jemand „ladylike“ mit „dämlich“ übersetzen.

Am Englischen kommt niemand mehr vorbei. Also: Let's learn good English, dann werden wir auch der eigenen Sprache das Top-Ranking, äh, die Höchstachtung, verleihen, die ihr gebührt.

Kommentare (9)

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Floyd

20.01.2011, 12:43 Uhr

Who put the M in Manchester?

Sven

20.01.2011, 12:45 Uhr

Zitat: "Und versuchen Sie mal, „Sex“ einzudeutschen: Geschlechtsverkehr? beischlaf? Körperliche Vereinigung?
„Der Punkt ist“ (auch Englisch), dass Sex kürzer und griffiger ist."

Danke für das beispiel, denn genau dieses zeigt hervorragend, was passiert. Ein englisches Wort ersetzt hier die feinen Unterscheidungen, die die deutsche Sprache bietet. Orwell nannte dies in seinem Roman 1984 Neusprech. Mit einem begrenzten Wortschatz lassen sich dann Sachverhalte
entsprechend undifferenziert und ungenau beschreiben. Entsprechendes passiert dann mit den Gedankengängen. Das soll ein Vorteil sein? Das kann nicht ganz ernst gemeint gewesen sein.

Zum Einsatz der englischen Sprache an der Uni:
Eine Studie des DAAD unter ausländischen Studierenden führte zum Ergebnis, dass englischsprachige Studiengänge in Deutschland dazu führen, dass die ausländischen Studenten dann entweder gleich ins Ausland studieren gehen (Motto: Wieso dann nicht dort, wo der Unterrichtsstoff in der Originalsprache gelehrt wird.) oder spätestens nach dem Studium ins Ausland zum Arbeiten gehen. Das nenn ich gut investiert.

Fazit: Das Thema ist weitaus komplexer, als es auf den ersten blick scheint und hat zudem explizit wirtschaftliche Auswirkungen.

Wolfgang_S

20.01.2011, 14:12 Uhr

Wir sollten mit Englisch nicht übertreiben. Übertrieben ist dann, wenn man in einem Dorf in Ostalbkreis im Schaufenster "Sale" steht. Hallo? Hier kommen leben alte Schwaben, die selten Hochdeutsch reden, geschweige denn Englisch. Und ausländische Touristen kann man auf einer Hand abzählen.

ich finde es aber gut, wenn man in "big Cities" (München, Stuttgart, Köln) wichtige Schilder und infos in 1) Deutsch und 2) Englisch stehen.

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