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01.02.2012

18:22 Uhr

Staatsbesuch

Merkels Gang nach Chinossa

VonFrank Sieren

Heinrich IV. musste beim Papst betteln, Bundeskanzlerin Merkel reist als Bittstellerin nach China. Dort will sie um Unterstützung bei der Lösung der Schuldenkrise werben. Doch die chinesischen Investoren sind skeptisch.

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Unter dem Druck des schnellen Aufstiegs ihres Landes hat die Pekinger Regierung ein feines Gespür für Macht entwickelt. Politische Gäste bekommen dies zu spüren - im Positiven wie im Negativen. Die deutsche Kanzlerin braucht hier allerdings nicht zu befürchten, unter Wert behandelt zu werden, wenn sie am Mittwoch nach Peking reist.

Sicherlich hält sie manch einer in der chinesischen Regierung nur für die Einäugige unter den Blinden, als diejenige, die im unvermeidlichen Abstieg des Westens noch die beste Figur macht. Die Mehrheit in der Führung ist jedoch realistisch: Die Frau, für die Kommunisten immer Kommunisten bleiben, die Frau, die einst mit dem Dalai Lama Hand in Hand ging, ist für China wichtiger denn je. Und deshalb wird sie auch so behandelt. Das ist keine Frage der Höflichkeit, sondern eine der politischen Präzision.

Merkel führt Europa. Deshalb kann sie es sich auch erlauben, so kurz nach dem chinesischen Neujahr anzureisen. Die Chinakracher sind noch nicht verhallt, da fährt Premierminister Wen Jiabao schon mit ihr nach Guangdong in die erfolgreiche Wirtschaftsregionen in Chinas Süden. So wie schon Premier Li Peng Helmut Kohl in den 90er-Jahren ins Hinterland begleitete; ebenso dessen Nachfolger Zhu Rongji Gerhard Schröder in den 2000ern.

Buchautor Frank Sieren gilt als einer der führenden China-Kenner. picture-alliance / dpa

Buchautor Frank Sieren gilt als einer der führenden China-Kenner.

Der Unterschied: Merkel ist in diesen turbulenten Zeiten für Peking wichtiger als ihre beiden Vorgänger zusammen. Das werden Merkels Berater ihr sicher gesagt haben. Aber haben sie ihr auch gesagt, was die Kehrseite der Medaille ist? Und: Hat sie auch zugehört?

Peking wird Merkel ob ihrer herausragenden Position auch in die Pflicht nehmen. Sie trägt nun faktisch die Verantwortung für Europa. Und sie hofft auf Unterstützung in der europäischen Schuldenmisere. Deshalb ist die Rollenverteilung einfach: Peking hört zu, Merkel muss überzeugen.

Die Tonlage aber wird eine neue sein: Die chinesische Regierung hat derzeit die Lust an ihrem alten Spiel verloren, den einen europäischen Staatschef gegen den anderen auszuspielen. Sie will Verbindliches. „Kann Merkel aber ihr Wort halten in diesem europäischen Tohuwabohu?“ lautet eine der wichtigsten Fragen.

China und Deutschland im Zahlenvergleich

Fläche in Quadratkilometern (gerundet)

China: 9.600.000
Deutschland: 357.000

Bewaldete Fläche

China: 22 Prozent
Deutschland: 32 Prozent
(Angaben von 2010)

Landwirtschaftlich genutzte Fläche

China: 56 Prozent
Deutschland: 48 Prozent
(Angaben von 2009)

Einwohner

China: 1.347.000.000
Deutschland: 82.000.000
(Angaben von 2011, Zahlen gerundet)

Lebenserwartung von Frauen

China: 75 Jahre
Deutschland: 83 Jahre
(Angaben von 2009)

Lebenserwartung von Männern

China: 72 Jahre
Deutschland: 77 Jahre
(Angaben von 2009)

Breitband-Internetanschlüsse je 100 Einwohner

China: 8
Deutschland: 31
(Angaben von 2009)

Personenwagen je 1000 Einwohner

China: 27
Deutschland: 502
(Angaben von 2008)

CO2-Emission pro Kopf in Tonnen

China: 5
Deutschland: 10
(Angaben von 2008)

Quellen: Weltbank, CIA, Statistisches Bundesamt, Deutsche Botschaft in Peking, Auswärtiges Amt

Kommentare (27)

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Hansi

01.02.2012, 18:36 Uhr

BIP 2010 pro Einwohner Eurozone ca. 35.000 USD
BIP 2010 pro Einwohner China ca. 5.000 USD
(s. Wikipedia)

Jetzt möchte ich gerne wissen, wie und warum die uns aus der Patsche helfen sollen? Die wären ja völlig bescheuert. Der Bandarbeiter hilft doch nicht dem verbeamteten Sozialarbeiter mit 14 Monatsgehältern & Frühpension freiwillig aus der Patsche. Ein Medien-Hirngespinst sondergleichen.
Außer ein paar warmen Worten und säuerlichem Lächeln werden die Chinesen überhaupt nix rüberwachsen lassen.

Account gelöscht!

01.02.2012, 18:48 Uhr

Die Welt verändert sich. Und allen voran die BRIC-Staaten. In diesen Ländern passierte in wenigen Jahren soviel, wie in Europa in den letzten 50 Jahren. Bei Vielen in Westeuropa ist dies allerdings noch nicht angekommen. Sie gehen gerne zum Chinesen essen, für 6,50 Euro. Damit erschöpft sich dann häufig die Kenntnis über die Weltwirtschaft. Will Europa in Zukunft bestehen, dann müssen wir uns alle gewaltig anstrengen und noch sehr viel reformfreudiger werden. Ich denke, die chinesische Führung kennt unsere Schwächen und wird ein wenig nachsichtig mit Frau Merkel umgehen.

Account gelöscht!

01.02.2012, 18:55 Uhr

Merkel ist scharf auf die gedruckten Papierschnipsel, genannt US-Dollar. Wenn die Chinesen sich mit diesen Schnipseln in Europa einkaufen, dann werden die Amerikaner weiter massiv Dollares drucken, denn sie können sich dann sicher sein, dass der Schmodder in Europa landet, und gegen Hardware eingetauscht wird.
Aber die Merkozys dieser Welt sind halt nicht zu retten, und Frau Merkel handelt eh nur auf Weisung aus Übersee. Gratuliere!

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