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09.04.2012

19:03 Uhr

Urheberrecht

Die digitale Bananenrepublik

VonSandro Gaycken

Dauerdemokratisch sollen Entscheidungen im Internet herbeigeführt werden. Was als Vision dargestellt wird, schließt Teile der Bevölkerung aus: Was machen all jene, die keine Digital Natives sind und wer hat so viel Zeit?

Die Bewegung, der sich auch die Piraten anschließen, ist gegen Acta. Musik und Video sollen frei zugänglich sein. Große Teile der Bewegung sind Programmierer. Ihre Software wollen sie nicht kostenlos zur Verfügung stellen. Das ist selbstgerecht und heuchlerisch, meint der Autor. dapd

Die Bewegung, der sich auch die Piraten anschließen, ist gegen Acta. Musik und Video sollen frei zugänglich sein. Große Teile der Bewegung sind Programmierer. Ihre Software wollen sie nicht kostenlos zur Verfügung stellen. Das ist selbstgerecht und heuchlerisch, meint der Autor.

BerlinDie Demokratie ist gerettet. Endlich. Die Piraten machen es uns vor. Sascha Lobo, der Buchautor und bekannte Blogger, verordnet allen diese Einsicht. Das Parteienregime mit seinen unflexiblen Wahlzyklen ist am Ende, das Volk mischt jetzt live mit. Dauerlive erleben wir die „prozessuale Demokratie mit digitalen Mitteln“. Doch Vorsicht ist geboten bei solcher Anpreisung. Denn wir haben etwas zu verlieren: ein hart errungenes, funktionierendes Demokratiemodell.

Der Autor ist Experte für Internet-Sicherheitsfragen an der FU-Berlin.   Pressebild

Der Autor ist Experte für Internet-Sicherheitsfragen an der FU-Berlin. 

Anders als allenthalben behauptet hat die Netzdemokratie nichts mit einem Abstimmungsprozess gemein. Sie ist allenfalls eine Diskursform. Und ob sie als solche wirklich besser ist als die hergebrachte, nur weil jeder nunmehr „dauerdemokratisch“ mitreden kann, darf bezweifelt werden. Schon um die gleichberechtigte Partizipation steht es nicht gut. Zum einen hat das Medium technische Einstiegshürden. Technikagnostische Menschen sind systematisch unterprivilegiert. Beherrschung der Technik führt zu besserer Sichtbarkeit, zu mehr Partizipation.

Zweite undemokratische Hürde: das Zeitbudget. Wie schnell muss man reagieren können, will man mitreden? Wie viel Zeit muss man investieren, um teilzuhaben? Auch hier führt mehr verfügbare Zeit zu mehr Wissen und mehr Meinungspräsenz. Wer viel arbeitet – insbesondere offline – und eine Familie hat, ist automatisch benachteiligt.

Kommentare (22)

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Kattskralle

09.04.2012, 20:21 Uhr

Neue Errungenschaften verleiten immer zu Höhenflügen in der Erwartungshaltung.
In solchen Fällen sollte man sich einfach "erden" in dem man die "schönen neuen Begrifflichkeiten" kritisch auf ihre Substanz hin hinterfragt.
Nehmen wir doch mal die Vorstellung der "Schwarmintelligenz". So etwas gibt es schlicht und ergreifend nicht. Ebenso wenig wie es so etwas wie "gesundes Volksempfinden" und andere kollektivistische Vorstellungen gibt.
Auch Demokratie ist etwas anderes als "Durch Mehrheit legitimierte Diktatur". Hier erweckt die "Netzgemeinde" mitunter den Eindruck daß sie lediglich den marxistischen Ansatz der "Klassengesellschaft" und den nationalistischen Ansatz der "Volksgemeinschaft" gegen eine entideologisierte Diktatur der Mehrheit austauscht.

Wenn eine Mehrheit "Geistige Eigentümer" enteignen will - dann ist das ebenso o.k. wie wenn eine Mehrheit "Reiche" enteignen will. Vergessen also der demokratische Grundgedanke daß es primäre Pflicht der Demokratie ist die Rechte des Einzelnen zu wahren und zu schützen.

Demokratie

09.04.2012, 20:33 Uhr

Sehr guter Beitrag. Demokratie ist ein zu wichtiger und zu komplexer Prozess, um ihn allein einen Hype der iDemekrotie im Netz zu überlassen. Im Netz gibt es keine Demokratie, hier zählt noch viel mehr das Recht des Stärkeren (den nur der kann sich im Netz überhaupt bemerkbar machen).

Account gelöscht!

09.04.2012, 20:55 Uhr

Guter Artikel, der die "neue Demokratie" mal sehr schön auseinandernimmt. Danke dafür.

Die besten Leute tummeln sich anscheind nicht 24 Stunden im Netz, sondern arbeiten die meiste Zeit offline.

Im übrigen muß man sich einfach mal den Namen der Partei anschauen, um die Ziele zu erkennen: Piraten waren gesetzlose, die den ehrbaren Menschen etwas geraubt haben.
Passt doch gut zu den Forderungen dieser Partei (Urheberrecht, BGE, freies Bahnfahren etc.), oder?

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