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06.12.2017

16:56 Uhr

Wolfgang Reitzle über die Bürgerversicherung

Keine Einheitskasse!

VonWolfgang Reitzle

Die von der SPD geforderte Bürgerversicherung ist die falsche Lösung, sagt Top-Manager Wolfgang Reitzle. Warum es mit der Einheitskasse zu einem Absinken des Niveaus der Gesundheitsversorgung in Deutschland für alle käme. Ein Gastbeitrag.

Wolfgang Reitzle war Chef der Linde AG und ist jetzt Mitglied diverser Aufsichtsräte. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com picture alliance/dpa

Der Autor

Wolfgang Reitzle war Chef der Linde AG und ist jetzt Mitglied diverser Aufsichtsräte. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

Kaum waren die Jamaika-Sondierungen beendet und tauchte eine Neuauflage der Großen Koalition am Horizont auf, da witterte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, die einzigartige Chance, seinen missionarisch verfolgten Lebenstraum doch noch zu verwirklichen: Er forderte die Abschaffung der sogenannten „Zwei-Klassen Medizin“ und die Einführung einer „Bürgerversicherung“, also einer Einheitskasse für alle.

Aus Gerechtigkeitsgründen, so seine Argumentation, müsse Schluss sein mit der Bevorzugung der Privatversicherten, insbesondere bei den Wartezeiten in der Arztpraxis. Auch die Honorarordnung für Ärzte könne vereinheitlicht werden. So solle Ärzten untersagt werden, für die Behandlung von Privatpatienten höhere Honorare abzurechnen. Dabei hat Deutschland heute nicht nur eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, auch die Wartezeiten für Kassenpatienten sind mit die kürzesten in der EU.

Interessanterweise wird die Einführung einer Bürgerversicherung nicht etwa mit einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung begründet, sondern damit, dass die Versorgung „gerechter“ vonstattengehen sollte. Es ist jedoch zu befürchten, dass das Gegenteil der Fall sein würde. Denn: Mit der Einführung einer Bürgerversicherung würde in Zukunft dem Gesundheitssystem eindeutig weniger Geld zur Verfügung stehen. Zwar würden die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung steigen, dies aber bei gleichzeitigem Rückgang der viel höheren Beitragszahlungen im Bereich der privaten Krankenversicherung.

Zwangsweise würde es so zu einem Absinken des Niveaus der Gesundheitsversorgung in Deutschland für alle kommen. Wer heute eine reine Kassenpraxis besucht und anschließend eine Praxis mit hohem Anteil von Privatpatienten, erkennt den Unterschied: Überfüllte Warteräume, veraltete Geräte hier, neueste medizinische Technik und hohe Standards mit gut ausgebildetem Personal dort.

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Die SPD fordert die Abschaffung der privaten Krankenversicherung als Brautgabe für die Große Koalition. Das soll das Gesundheitssystem nach Meinung der Genossen gerechter machen. Der Preis aber könnte zu hoch sein.

Heute profitieren die gesetzlich versicherten Patienten in allen Praxen mit nennenswertem Privatpatientenanteil von einem solchen höheren Standard – sprich: einer Quersubventionierung durch die höheren Honorare von den Privatversicherten. Hinzu kommt: Diese höheren Einnahmen aber sind zugleich auch der Garant für wichtige medizinische Innovationen, die am Ende wiederum auch den gesetzlich Versicherten zugutekommen.

Eine „Bürgerversicherung“ hingegen würde nicht nur zu einem Absinken des Versorgungsniveaus, sondern auch zu einer starken Verzögerung der Einführung innovativer Behandlungsmethoden führen. Noch nie aber war das so fatal wie heute. Schließlich wird die Zukunft der Medizin in einem noch nie da gewesenen Ausmaß durch die Digitalisierung transformiert – die sogenannte „regenerative Medizin“ und insbesondere die Stammzellenforschung werden revolutionäre Verbesserungen in der Bekämpfung und Behandlung von Krebs, Parkinson, Diabetes und bei Herzkrankheiten bringen. Das alles aber wird in der jeweiligen Einführungsphase über viele Jahre hinweg sehr teuer sein, und nur das System der privaten Krankenversicherung wird die Finanzierung dieser lebensverlängernden Errungenschaften sichern können.

Wenn die Krankenversicherung in Deutschland also wirklich ein Gerechtigkeitsprojekt sein soll, dann sollte sie dem Patienten bestmögliche Versorgung im medizinischen Sinn garantieren. Genau das aber kann nicht mit der Abschaffung der „Zwei-Klassen Medizin“ erreicht werden. Im Gegenteil: Wer Gleichbehandlung nicht auf dem niedrigstmöglichen Niveau, sondern auf dem höchstmöglichen Niveau will, der kommt um eine private Komponente im Gesundheitssystem, um Markt-, Wettbewerbs- und Leistungsorientierung nicht herum. Erst recht gilt das für eine digitalisierte Zukunft, denn hier geht es darum, immer komplexere, differenziertere und individuellere Lösungen möglichst schnell möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Eine tendenziell stets bürokratische und finanziell eher limitierte Staatsgesundheitskasse wird das nicht leisten können.

Wer das nicht glaubt, der möge sich im Gesundheitssystem auf den britischen Inseln umsehen: Dort ist die medizinische Versorgung für die Bevölkerung dank Einheitskasse auf ein nicht mehr tragbares Niveau abgesunken. Lediglich in reinen Privatkliniken und -praxen wird für gut zahlende Patienten noch so gesorgt, wie dies aus gesundheitlicher Sicht notwendig und wünschenswert ist. Das bedeutet: Die Einheitsversicherung für alle fördert gerade das, was sie zu bekämpfen vorgibt, nämlich die Zwei-Klassen-Medizin.

Kommentare (12)

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Herr Günter Meyer

06.12.2017, 18:00 Uhr

Das ist ziemlich viel Unsinn was Herr Reitzle da schreibt.
Aber was soll man machen als Vorsitzender des Aufsichtrats derMedical Park Unternehmensgruppe?
Natürlich seine Interessen vertreten.

Herr hans mueller

06.12.2017, 18:46 Uhr

Ein Top Manager berichtet und verfolgt nur seine Eigeninteressen. Dieser Mann
kennt in Deutschland die Realität nicht mehr. Ein Hausarzt hat keine Geräte zur
Verfügung. veraltet?? Bei den Fachärzten sehe ich nur moderne Geräte, allerdings
muss ich lange warten, bis ich einen Termin bekomme. Als Privatkunde ist das
einfacher.
Warum verweist er auf England. In Österreich, Schweiz gibt es keine Probleme. Als
Manager sollte er wissen, dass man sich nicht mit dem Schlechtesten vergleicht.
Im Endeffekt können sie den Artikel in die Tonne werfen. Keine adäquate Analyse
Erschreckend

Herr Ruediger Zimmermann

06.12.2017, 19:50 Uhr

Die von Herrn Reitzle angezogenen Missstände sind doch kein vernünftiges Argument für ein „weiter so“. Selbstverständlich würde eine Bürgerversicherung mit sozialverträglicher Beitragsverpflichtung ausreichend Geld zur Verfügung stellen, um diese Missstände abstellen zu können. Auch eine Deckelung der Preise für medizinische Geräte wäre hierzu hilfreich.

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