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02.01.2012

12:55 Uhr

Zehn Jahre Euro-Bargeld

„Ein Zerfall der Euro-Zone wäre äußerst schmerzhaft“

VonThomas Mayer

Als Europa den Euro einführte, wurden ökonomische Probleme verdrängt. Jetzt muss die Therapie rasch beginnen, damit Europa genesen kann. Denn es steht viel auf dem Spiel. Ein Gastbeitrag von Deutsche-Bank-Chefvolkswirt

Thomas Mayer ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank. dpa

Thomas Mayer ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Was für ein Wechselbad der Gefühle: Vor zehn Jahren haben wir „Euro Starterkits“ unter die Christbäume gelegt und uns darauf gefreut, ohne lästiges Geldwechseln in Europa reisen und Geschäfte machen zu können. Wir haben einen historischen Moment erlebt, der unser Leben verändert hat: Der 1. Januar 2002 brachte uns nach einer gigantischen Umtauschaktion neue Münzen und Scheine – und löste in zunächst elf Ländern die nationalen Währungen ab. Europa hatte gemeinsames Geld – und wurde damit enger verbunden als je zuvor. Inzwischen nennen rund 330 Millionen Menschen in 17 europäischen Staaten den Euro ihr Geld, plus San Marino, Vatikan und Monaco. Zehn Jahre später ist der Euro gerade für junge Europäer nicht mehr wegzudenken.

Und doch ist das Jubiläum überschattet. Heute müssen wir um das Überleben der gemeinsamen Währung kämpfen. Wie konnte es dazu kommen? Bei nüchterner Betrachtung müssen wir leider feststellen: Der Euro kam mit erheblichen Geburtsfehlern auf die Welt, und als diese Fehler zum Vorschein kamen, wurden sie nicht richtig diagnostiziert – und daher mangelhaft therapiert. Notwendig sind jetzt Maßnahmen, die an den Wurzeln der Probleme ansetzen. Nur so werden uns die Vorzüge eines gemeinsamen Geldes erhalten bleiben.

Die Chronologie des Euro

1. Juli 1987

Das Ziel Währungsunion wird im EG-Vertrag verankert.

7. Februar 1992

Unterzeichnung des EU-Vertrages von Maastricht, der die Währungsunion bis 1999 vorsieht und Beitrittskriterien festlegt.

1. November 1993

Ratifizierung des Maastricht-Vertrages. Aus den Europäischen Gemeinschaften (EG) wird die Europäische Union (EU). Dezember 1995: Als Einheiten der neuen Währung werden Euro und Cent festgelegt.

16. und 17. Juni 1997

Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumspakts in Amsterdam. Einigung auf die „europäische Seite“ für die Münzen.

25. März 1998

Die EU-Kommission und das Europäische Währungsinstitut (EWI), Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) empfehlen elf Länder für den Start der Währungsunion. Außen vor bleiben aus freien Stücken Großbritannien, Dänemark, Schweden sowie Griechenland, das die Kriterien noch nicht erfüllt.

1. bis 3. Mai 1998

Ein Sondergipfel der EU-Gremien gibt in Brüssel grünes Licht für den Euro. Die Staats- und Regierungschefs bestimmen den 1. Januar 1999 als Start der Währungsunion.

31. Dezember 1998

Die Wirtschafts- und Finanzminister der EU legen den Umrechnungskurs des Euro zu den elf Teilnehmerwährungen endgültig fest. Danach ist ein Euro 1,95583 D-Mark wert.

1. Januar 1999

Der Euro wird gemeinsame Währung der elf Länder. In Euro bezahlt werden kann per Scheck, Kredit- oder EC-Karte. Das alte nationale Geld bleibt noch das allein gültige Zahlungsmittel.

4. Januar 1999

Die Finanzmärkte nehmen den Handel mit Euro auf.

Juli 1999

Die Herstellung des neuen Bargelds läuft an.

1. Januar 2001

Griechenland wird nach Erfüllung der Beitrittskriterien zwölftes Euroland-Mitglied - allerdings mit frisierten Haushaltszahlen, wie sich später herausstellt.

1. September 2001

Beginn der Ausgabe von Noten und Münzen an Banken und Handel.

1. Januar 2002

Der Euro wird gesetzliches Zahlungsmittel.

1. März 2002

Die D-Mark verliert ihre Gültigkeit, kann aber weiterhin gegen Euro eingetauscht werden.

1. Mai 2004

Zehn Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum werden neue EU-Mitglieder. Sie müssen die Gemeinschaftswährung übernehmen, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen.

1. Januar 2007

Als erster der neuen EU-Staaten wird Slowenien 13. Mitgliedsland der Euro-Zone. Ein Beitrittsgesuch Litauens wird hingegen von der EU-Kommission wegen überhöhter Inflation abgelehnt.

1. Januar 2008

Malta und die Republik Zypern führen den Euro ein.

1. Januar 2009

Die Slowakei führt den Euro ein.

Frühjahr 2010

Griechenland kommt in immer größere Finanznöte und muss als erstes Euroland Milliardenhilfen beantragen. Damit nimmt eine Schuldenkrise ihren Lauf, die sich trotz neuer Milliarden-Hilfspakete auch für Irland und Portugal bis Ende 2011 dramatisch verschärft.

1. Januar 2011

Zum Auftakt des schlimmsten Krisenjahres führt Estland den Euro ein - als erste frühere Sowjetrepublik. Damit leben gut 330 Millionen Menschen im Euro-Raum mit 17 Mitgliedsländern.

April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

Sommer 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

Herbst 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken.

Frühjahr 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

Sommer 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

1. Januar 2017

Der Euro wird 15 Jahre alt. Doch es gibt wenig zu feiert. In der großen Koalition wächst die Sorge vor einer neuen Euro-Krise - und das ausgerechnet im Wahljahr 2017. Die Krisenherde: Italien, Griechenland, Portugal und Frankreich. Die gute Lage in Deutschland gilt dagegen unter Experten als Sonderfall.

Der schwerwiegendste Geburtsfehler des Euro war, dass seine Gründerväter die Lehren aus der Theorie der optimalen Währungsräume ignoriert haben. Schon in den 60er-Jahren haben Robert Mundell und Peter Kenen darauf hingewiesen, dass in einem gemeinsamen Währungsraum ein hoher Grad an Mobilität der Arbeitskräfte oder zumindest an Flexibilität der Löhne bestehen sollte. Mangelt es daran, so sind interregionale Fiskaltransfers nötig, um die Stabilität des Währungsraums zu sichern.

Nichts davon wurde bei den Aufnahmekriterien zur Europäischen Währungsunion (EWU) berücksichtigt. Das Augenmerk lag auf der Angleichung von Inflation und Zinsen sowie auf der Stabilität der Wechselkurse und der Einhaltung von Höchstgrenzen für staatliche Budgetdefizite und Schulden. Vielleicht wäre ja eine nachhaltige Erfüllung dieser Kriterien mit den Voraussetzungen für einen gemeinsamen Währungsraum einhergegangen. Jedoch wurde darauf nicht geprüft. Es reichte eine näherungsweise Erfüllung im Stichjahr, und auch diese wurde teilweise nur oberflächlich festgestellt.

Kommentare (49)

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RD1

02.01.2012, 13:08 Uhr

"Noch immer scheinen die verantwortlichen Wirtschaftspolitiker das Ausmaß der Zahlungsbilanzkrise im Euro-Land nicht voll erkannt zu haben."

Wie soll ich etwas erkennen, wenn ich es nicht verstehe ?

Die Politiker haben es nicht verstanden und verstehen es immer noch nicht.

Thomas-Melber-Stuttgart

02.01.2012, 13:09 Uhr

Äußerst schmerzhaft - nun ja, was uns nicht umbringt, das macht uns nur härter. Zudem hilft es, bei dieser unserer regierung masochistisch veranlagt zu sein.

Miss_Trauen

02.01.2012, 13:09 Uhr

Herr Mayer, Ihre Analyse ist sicherlich stichhaltig. Aber ehrlich sind Sie nicht: Der Euro kann nicht funktionieren. Das steht zwischen jeder von Ihnen geschrieben Zeile. Nur, indem Deutschland seinen Wohlstand verschenkt, kann der Euro Bestand haben. Nur, wenn Deutschland alle Kosten auf sich nimmt - aber das will niemand - und würde Deutschland zerbrechen.
Also weg von dieser furchtbaren Euroideologie - her mit Währungsräumen, die zusammenpassen. Beispielsweise der Nordeuro.
Wer mit dieser aktuellen Währung weiter macht, wird alles verlieren. ALLES!

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