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24.11.2011

09:23 Uhr

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

In  Zukunft dürfen in der EU nur noch Zigaretten verwendet werden, die durch eingebaute „Sicherheitsstreifen“ von selbst verlöschen – Anne Connelly berichtete in ihrer Kolumne bereits darüber. Diese EU-Norm, nach der nur noch Glimmstengel mit „verminderter Zündneigung“ verkauft werden dürfen,  gilt ab 17. November. Bei mir hat sie allerdings ganz andere Assoziationen als das Gefühl erhöhter Sicherheit ausgelöst. Ich dachte spontan: Wir regeln uns noch zu Tode. Buchstäblich. Wir können uns über den Paragraphen-Wahn in der EU noch so sehr aufregen – wir bekommen immer mehr Gesetze, auch wenn wir das (vordergründig) nicht wollen.

Warum eigentlich vordergründig? Mir scheint bei genauer Betrachtung, im Grunde wollen wir Deutschen alles und jeden geregelt haben. Es ist scheinbar bequem, nicht selbst zu denken. Wir wollen offenbar nicht selbst handeln. Wir akzeptieren gern, dass uns das jemand abnimmt - und sei es die EU. Eine Zigarette, die wir uns angezündet haben, selbst ausmachen? Fehlanzeige. Es wäre doch sehr viel einfacher, wir bekämen nur noch solche zu kaufen, die von selbst wieder ausgehen, wenn wir sie achtlos wegwerfen. Wie oft bekommt man im Stadtverkehr als Radfahrer oder Fußgänger  eine brennende Zigarette vor die Nase geworfen? Selber denken? Fehlanzeige. Selber richtig handeln? Warum denn?

Übertriebenes Sicherheitsbedürfnis lässt sich in unserer Gesellschaft überall beobachten. Hochsicherheitsspielplätze mit Warntafeln so groß wie Tischtennisplatten. Helmpflicht für Fahrradfahrer. Die wird bestimmt kommen. Hoffentlich müssen wir in einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht immer einen Helm aufsetzen, sobald wir das Haus verlassen, es könnte ja etwas passieren.

Meine persönliche Beobachtung ist allerdings, dass Radfahrer mit Helm dazu neigen, sehr viel riskanter und rücksichtsloser zu fahren. Rücksichtslos nicht nur gegenüber Autofahrern, sondern besonders auch gegenüber anderen Radfahrern und Fußgängern. Der eigene höhere Schutz führt zu Nachlässigkeit gegenüber anderen und zur Selbstüberschätzung. 

Eine fast schon legendäre Studie beschäftigte sich mit der Einführung des damals neuen Sicherheitssystems ABS in Münchner Taxis. Die Untersuchenden brauchten dabei gar nicht zu fragen, ob der jeweilige Taxifahrer nun bereits ABS habe oder nicht – sie bemerkten es am Fahrstil. Schließlich waren an der Hälfte aller Unfälle, in die Taxis verwickelt waren, solche mit dem neuen ABS-System dabei  – obwohl nur ein Viertel aller Taxis überhaupt mit ABS ausgerüstet waren. Merke: Gefühlte Sicherheit führt zu vermehrter Nachlässigkeit und der Inkaufnahme höheren Risikos.

Raucher sollten es schaffen, ihre Zigaretten selbst auszumachen und vielleicht sogar, sie in die dafür bestimmten Behälter zu werfen. Das wäre dann nicht nur ein Beitrag zu mehr Sicherheit, sondern auch zu mehr Umweltschutz. Aber das setzt eigenes Denken und verantwortungsvolles Handeln voraus. Beides überlassen wir - leider immer häufiger - lieber dem Gesetzgeber.

Ihre CB

Christine Bortenlänger, geboren 1966 in München, ist Geschäftsführerin der Börse München.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

25.11.2011, 01:52 Uhr

Auch meine Rede:

Manche Menschen würden eher sterben als nachzudenken.
Und sie tun es auch.
- beobachtete schon Bertrand Russel, engl. Phil. u. Sozialkritiker, 1872-1970

Nun ist ja Demokratie die Herrschaft der Mehrheit. Aber seit ihrer "Erfindung" im alten Griechenland (nein, -sowas wurde schon früher probiert) hat sich genau diese Staatsform NICHT durchgesetzt! Diese Regierungsform wurde eigentlich immer nur nach größeren Katrastrophen gewählt (z.B. 1 & 2 Weltkrieg) oder wenn man sonst nicht weiter wusste.

Viele Gesetze die uns aus Brüssel zwangsbeglücken, sind ein Indikator für eine niedergehende Gesellschafts- und Regierungsform.

Buerger

25.11.2011, 03:04 Uhr

Liebe Frau Bortenlänger,

leider haben auch sie, wie Ihre werte Kollegin, Frau Connelly, den Zweck dieser Verordnung nicht erfasst. Das scheint das Journalistenherz aber nicht zu stören. Denn wie man sieht, schlachten auch Sie das Thema genüsslich für weit aus dem Kontext gerissen aus, die eigene Überlegenheit über den Mop zu demonstrieren.

Ich entschuldig mich, dass mit das selbstdenkenderweise bereist zu Beginn des zweiten Absatzes Ihres Textes aufgefallen war.

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