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22.03.2012

08:24 Uhr

B.wertet

Im Netz fehlt die Diskussionskultur

VonChristine Bortenlänger

Meinungsaustausch im Internet ist an sich zu begrüßen, aber der Stil hat sich in eine falsche Richtung entwickelt: Statt sich hinter Pseudonymen versteckt Bosheiten auszutauschen, wäre ein Mehr an Höflichkeit nötig.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Warum eigentlich sind wir im täglichen Miteinander so ruppig – geradezu brutal – geworden? Ich träume nicht von einer heilen Welt, aber könnten wir es uns alle nicht ein wenig einfacher machen, wenn wir zuvorkommender wären? Wenn wir einen höflichen und von gegenseitigem Respekt und Achtung geprägten Umgangsstil pflegten? Wäre das Leben dann nicht ein ganzes Stück lebenswerter, ohne dass uns das allzu viel abverlangte?

Das Internet und seine Diskussionsforen scheinen besondere Verlockung zu bedeuten für jene, welche ihren Frust ungehemmt und ungebremst in die Tastaturen klopfen ohne die einfachsten Höflichkeitsformen zu beachten. Anonym natürlich. Denn allzu selten haben Kommentatoren, die weit unter der Gürtellinie agieren, die Courage, ihre Identität preis zu geben. Worin liegt wohl deren Feigheit begründet?

Schließlich ist es ein von Anfang an höchst ungleiches Spiel, das da im Netz betrieben wird: Auf der einen Seite der namentlich genannte und oftmals mit seiner Biographie bekannte Autor, auf der anderen Seite die sich hinter Pseudonymen verbergenden „Wutbürger“. So erwünscht Anregungen, Ideen und Gegenvorschläge sind, so bereichernd abweichende Positionen für unsere Meinungsbildung wären, so erschreckend wenig entwickelt erscheint mir häufig die Diskussionskultur.

Man müsste sogar sagen, die Diskussionskultur fehlt im Netz gänzlich. Denn leider viel zu oft vergreifen sich die Kommentatoren doch ganz entschieden im Ton, verstecken sich feige hinter ihren Pseudonymen.  Mir würden beim Lesen oft ganz andere Bezeichnungen für die Urheber einfallen. Aber, in Anbetracht der eingangs erbetenen und insgesamt erwünschten Höflichkeit möchte ich hier nicht präziser werden.

Was ist so beglückend daran, wenn man jahrelang aufgestauten Frust frei von der Leber fließen lässt und dabei oftmals persönlich verletzend, beleidigend, diffamierend wird. Was gibt es einem, sein Gegenüber derart aggressiv anzugreifen? Wo bleibt der Mut, zu seinen Äußerungen zu stehen? Verleitet gerade die Anonymität zu diesen Tiefschlägen?

Kommentare (6)

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Politikverdrossen

22.03.2012, 10:59 Uhr

Die Entscheidung unter einem Pseudonym zu schreiben oder mit vollem Namen ist nicht in erster Line eine Frage von Feigheit, sondern von Selbstschutz.

Natürlich wirft es sich aus einer anonymen Masse heraus und im Internet leichter mit Dreck.

Aber andererseits haben auch schon sehr viele Menschen die Erfahrung machen müssen, wie schnell man sich in der Öffentlichkeit mit einer politisch unkorrekten Meinung in Gefahr bringt: Salman Rushdi, Eva Hermann, Tilo Sarrazin, Eva Käßmann, Walter Mixa, Hilmar Kopper sind nur einige prominente Beispiele wie der politische Gegner, die Medien, der Mob im Internet oder fanatische Gruppen mit abweichenden Meinungen und deren "Autoren" umgehen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele qualifizierte (und prominente) Menschen zu Themen wie Frauenquote, Euro-Rettung, Bankensanierung, Integration, Zuwanderung, Familienpolitik, Steuergerechtigkeit, Ethik der Marktwirtschaft u.v.m. eine fundierte und bereichernde, aber politisch nicht korrekte Meinung haben und auf eine öffentliche Meinungsäußerung verzichten. Zu diesen Themen reden üblicherweise (ahnungslose) Politiker und Chefredakteure, aber selten Leute mit Sachverstand.

Das Problem ist also eher, dass wir (nicht nur im Netz)keine qualifizierten Foren haben, in denen sich Menschen mit politisch unkorrekter Meinung ausreichend geschützt äußern können. Daher schweigt v.a. eine konservative Wirtschaftselite zu fast allen Themen. Talkshows oder HB-Diskussionen sind dafür jedenfalls keine geeigneten Foren.

Account gelöscht!

22.03.2012, 12:32 Uhr

@politikverdrossen für diesen kommentar alle daumen hoch die ich habe.

ich hätte allerdings walter mixa nicht erwähnt :-) kann aber auch nur an meinem persönlichem geschmack liegen.

der hb kommentar ist leider etwas unklar auf was er sich bezieht, auf dieses forum, auf alle foren. und auch welche autoren viel aushalten müssen wird nicht erwähnt. das problem ist die diskrepanz zwischen öffentlicher meinung und veröffentlichter meinung. und daran sind die autoren und ihre vorgesetzten schuld, ich kann den kommentar aus diesem grund auch nicht wirklich ernst nehmen, denn die autorin arbeitet ja in den medien und bekommt jeden tag mit welchen käse man uns vorsetzt und wundert sich dann über wiederworte, auch mal in übersteigerter form.
sehen wir es doch mal so, der frust und die unzufriedenheit bricht sich eben seine bahn, weil 99% der menschen gegen krieg, umweltverschmutzung, einengung von menschenrechten usw. sind aber seit jahrzenten immer das selbe passiert und "unsere" medien uns da eben sehr schlecht vertreten weil die werbeanzeigen eben von den firmen kommen, gegen die sich eventuell kritische kommentare richten könnten und auch sollten.
ich hoffe natürlich nicht das das der aufgallop zur abschaffung des freien und anonymen internets sein soll.

Willi

22.03.2012, 12:59 Uhr

@ Politikverdrossen: Meine volle Zustimmung. Sie haben leider nur zu recht mit der Kritik an unsachlicher Behandlung angeblich "politisch unkorrekter" Meinung.

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