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26.01.2012

09:36 Uhr

B.wertet

Immer korrekt?!

VonChristine Bortenlänger

Die Deutschen wollen in allem korrekt und sozial verantwortungsvoll sein. Das verträgt sich nicht mit dem gemütlichen, kuscheligen Leben, auf das sie nie verzichten würden.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Wann genau es passiert ist, kann ich nicht sagen. Aber irgendwann in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat sich unsere Gesellschaft gewandelt. Langsam, aber ziemlich beständig. Wir wollen es jetzt flauschig und trotzdem glattgebügelt. Wir haben uns der absoluten „political correctness“ verschrieben und einigen uns permanent auf dem geringsten gemeinsamen Nenner. 

Wir sind dabei aber intolerant, weil wir nur unsere eigenen Maßstäbe gelten lassen. Wir sträuben uns gegen Wachstum, weil Wachstum Bewegung und Veränderung voraussetzt und uns aus unserer Verharrung vertreibt. Wir wollen an den Errungenschaften des technischen Fortschritts teilhaben, schieben die notwendigen Belastungen aber weit von uns.

Wir wollen perfekte  medizinische Versorgung auf höchstem wissenschaftlichem und technologischem Niveau. Und dabei wollen wir einen rein natürlichen, sanften Heilungsprozess. Wir wollen in unserem schön klimatisierten Einfamilienhäuschen mit blühendem Garten sitzen und uns an den immateriellen Dingen des Lebens erfreuen. Schnöden Mammon verabscheuen wir, nutzen aber gerne unsere finanziellen Möglichkeiten. Wir wollen alles am besten in mühevoller Handarbeit hergestellt sehen zu Preisen industrieller Großfertigung – vom Elektronikprodukt bis hin zum Schweineschnitzel oder (wegen der politischen Korrektheit) Tofuwürstchen. Die Werbung zeigt es uns ja, die Massenware, egal ob Schokowaffel, Praline oder Fertigkuchen, wird in mühevoller Handarbeit und historischer Tracht erstellt. 

Unser aller Ziel: Warmduschen und dabei möglichst keine Energie verbrauchen, um unser CO2-Konto nicht zu belasten. Fleisch essen, das ausschließlich von glücklich aufgewachsenen und sorgsam umhegten Tieren stammt, aber selbstverständlich zu Discounter-Preisen. Doch zu welchen Konsequenzen führt eine solche Einstellung mit einem deutlichen Hang zur Überkorrektheit und partiellen Intoleranz? Sind wir Gutmenschen überhaupt noch sozialverträglich?

Seltsame Kapriolen dieser Einstellung zeigte etwa die jüngste, heftige Debatte um einen Werbesport der ING-Diba auf deren Facebook-Seite. Ein gestandener Basketballprofi in Franken gebürtig, aber in den Staaten tätig, darf in seinem Heimatland nicht einmal eine Wurst im Metzgerladen entgegennehmen, ohne für einen Aufschrei unter Veganern und Vegetariern zu sorgen. Vom Hunger in Afrika bis zum Aufruf gegen Fleischkonsum bietet dieser Spot den Ausgangspunkt zu heftigsten Beiträgen. Ich will hier nicht auf die sicherlich berechtigte Diskussion um eine artgerechte Aufzucht und Haltung eingehen, mir geht es um den Anlass, den Ausgangspunkt der Diskussion und die Dimension ihres Verlaufs.

Kommentare (2)

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Podium_fuer_alle

26.01.2012, 10:12 Uhr

Das Verhalten wird hier eigentlich ganz gut beschrieben. Jeder möchte den maximalen Komfort in Anspruch nehmen, aber den geringsten Aufwand bwz. Nachteil akzeptieren.

Früher wäre die Werbung mit unserem Basketballstar mehr oder weniger registriert aufgenommen, jeder hätte sich nochmal an seine Kindheit erinnert und geschmunzelt. Die Veganer und Vegetarier hätten sich vielleicht aufgeregt, noch ein oder zwei in ihrem Bekanntenkreis gefunden, deen es genauso geht und nach 2 Tagen hätte sich keiner mehr empört.

Heute bietet das Internet jedem ein Podium und jeder kann sich produzieren. Dank der sozialen Netzwerke findet schnell eine "Mobbildung" statt, man findet innerhalb von Stunden hunderte mit gleicher Gesinnung.
Wie sich Mobs verhalten, ist auch jedem klar. Die Stimmung heizt sich durch gegenseitige Zustimmung wie in einer Spirale auf. Und wenn dann noch jemand kommt. der anderer Meinung ist, oder gar ein ganzer Mob, der zur anderen Fraktion gehört, dann eskaliert das Aufeinandertreffen.

Glücklicherweise finden die virtuellen Mobs heute noch im Internet statt und keiner haut sich den Schädel auf der Strasse ein. Aber auch das wird nur eine Frage der Zeit bleiben.

guru

27.01.2012, 09:03 Uhr

Excellente Analyse: ob Sie mit der Erfahrungshorizont richtig liegen: Die Ablösung des Rechnens durch die Mathematik (= Komplexitätsgewinn)liegt doch noch länger zurück!
Und die Therapie? Darf ich zur Erfahrungsbildung - natürlich nur für Frustrationstolerante- das Anzuchtset vom Discounter vorschlagen: hier kann der Kuschlbürger in Erfahrung bringen, wie mühsam z.B. die Tomatenaufzucht ist, die uns die (Bio)Nahrungsmittelproduzenten einfach abnehmen! Vielleicht hilft ihm dies dann, die Wertschätzung für den Ist-Zustand unserer ach so verachtenswerten Industriewelt zu korrigieren!

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