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12.04.2012

09:37 Uhr

B.wertet

Inflation – ein Leerstück

VonChristine Bortenlänger

Pünktlich zu Ostern haben die Tankstellen die Spritpreise erhöht - diesmal auf einen Rekordstand von über 1,70 pro Liter. Das tut richtig weh und man fragt sich, wie die niedrige Inflationsrate eigentlich dazu passt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Wir alle mussten es über Ostern wieder an der Tankstelle erleben: Die Preise für Sprit sind deutlich und schmerzhaft gestiegen, 1,70 Euro im Mittel tun richtig weh. Da wird uns der Osterurlaub vergällt und so mancher fragt sich, wie die seit Jahren konstant niedrige Inflationsrate in Deutschland eigentlich zustande kommt. Laut Statistischem Bundesamt lag sie 2011 bei für Deutschland eher hohen 2,3 Prozent. Die individuell empfundene Inflation, der gefühlte Schwund im Geldbeutel sagt uns ganz etwas anderes. Das was wir da spüren, ist der Unterschied zwischen der offiziell ausgewiesenen Inflationsrate und der tatsächlichen Geldentwertung.

Inflation bedeutet eigentlich die Ausweitung der ungedeckten Geldmenge – daher der Begriff Inflation für „Aufblasen“. Teuerung hingegen ist der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Ursache und Wirkung sollten hier nicht verwechselt werden: Inflation ist der Grund für die Geldentwertung, während die Teuerung die Folge der Inflation darstellt. Was aber eigentlich das Problem ist: Mit Hilfe der Inflation zieht der Staat den Bürgern das Geld aus der Tasche. Inflation wirkt wie eine Art Sondersteuer. Wenn heute die Zinsen für Erspartes auf dem Niveau der offiziellen Inflationsrate liegen, verlieren wir real kontinuierlich Vermögen. Das muss uns bewusst sein.

Eine staatlich veranlasste „Geldverschlechterung“ ist wahrscheinlich so alt wie Staaten und Geld selbst – in früheren Jahrhunderten war das allerdings etwas mühsamer, musste dazu noch der tatsächliche Edelmetallgehalt der Münzen vermindert werden. Heute laufen Geldmengenveränderungen rein buchhalterisch – man erinnere sich nur an die zwei Mal 500 Milliarden Euro, die die EZB den Banken kurzfristig zum Minimalzins zur Verfügung stellte. Diese  legen das Geld dann teilweise in höher verzinste Anlagen an – manche Staatsanleihen beispielsweise. Die Gelddruckmaschine fährt auf Hochtouren.

Wir Bürger aber, ein Schelm der Böses dabei denkt, sollen die tatsächliche Teuerung gar nicht zur Kenntnis nehmen. Und deshalb gibt es die offiziell verkündete Inflationsrate als Gradmesser für den Anstieg der Lebenshaltungskosten. Je niedriger die Inflationsrate, je erfreuter sind (fast) alle Seiten: Arbeitgeber müssen nur geringe Lohnerhöhungen als Inflationsausgleich anbieten; Schuldner profitieren davon, dass die Gläubiger den Zins niedriger ansetzen, weil der Ausgleich für die Geldentwertung in der Zukunft geringer ausfällt; Vater Staat profitiert als größter Schuldner von geringeren Zinsen und als größter Arbeitgeber von niedrigeren Löhnen, samt aller an die Löhne gekoppelten Renten- oder Sozialtransferleistungen.

Kommentare (16)

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12.04.2012, 10:13 Uhr

Sehr geehrte Frau Bortenlänger,

ein richtiger und wichtiger Kommentar. Gut, dass Sie die Bedeutung der Geldmengenausweitung aus politischen Gründen als Sondersteuer herausstellen. Bei dieser handelt es sich um die ungerechteste Form der Steuer, die vor allem die Armen und Sparbuchbesitzer belastet.
Dazukommt, dass die tatsächliche Teuerungsrate als "gefühlt Inflation" von offizieller Seite verhöhnt wird. Das passt in die kolportierte Haltung, dass der Bürger von Natur aus eher fühlt als denkt und im Affekt handelt. Aus diesem Grund muss man ihn ja auch bevormunden und reglementieren, wo und wie es nur geht.

Dr.NorbertLeineweber

12.04.2012, 10:25 Uhr

Die beschriebene hedonistische Inflationmessung wird zwar in den USA angewendet, nicht jedoch in Europa. Weder die beschriebene Gütersubstitution noch die Einbeziehung der Qualitätsveränderung wird im deutschen Warenkorb berücksichtigt. Dass in den USA die Inflation kleingerechnet wird ist richtig, stimmt aber für das Statistische Bundesamt nicht. Ansonsten hat die thematisierte Geldmenge in diesem Zusammenhang nichts verloren, weil es eine nachfragewirksame Geldmenge, die die Güterpreise treibt, in Europa schlichtweg nicht gibt. Wir haben allerdings ein asset-Inflation, die in dem Artikel fehlt.
Eine Vorlesung in Geldpolitik spare ich mir, weil das ein halbes Semester ist. Eine Rückfrage dr Autorin beim Münchner IFO-Institut wird empfohlen.

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12.04.2012, 11:22 Uhr

@LeineweberDr.
Systemverteidigung? Jeder sieht die Inflation. Auch bei uns wird hedonisch ermittelt, auch wenn Sie das in Abrede stellen. Ausserdem wird das statistische Bundesamt von der Regierung instruiert. Eine frustrierte Mitarbeiterin hat das öffentlich gemacht. (...)
+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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