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10.11.2011

09:30 Uhr

B.wertet

Technokratie

VonChristine Bortenlänger

Die Technokratie, auch Expertokratie genannt, bezeichnet – oft im abwertenden Sinne – eine Regierung von Fachleuten und Experten - eine solche könnte gerade in Griechenland entstehen.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Die Krise in Griechenland ist trotz neuestem Euro-Gipfel noch alles andere als gelöst. Es braucht keine großen Prognosekünste, um vorherzusehen, dass sie uns und die Finanzmärkte noch eine ganze Zeit beschäftigen wird. Regierungschef Giorgos Papandreou ist mit seinem Versuch grandios gescheitert, sein Volk über die Maßnahmen abstimmen zu lassen, die es als wichtigen Schritt zu einer Konsolidierung ergreifen oder besser erleiden muss. Es macht bei Gebern einfach einen schlechten Eindruck, wenn der Empfänger die Entgegennahme der Gabe erst einmal einer Abstimmung unterziehen will – mit unbestimmtem Ausgang. Insofern kam der Rückzug schnell – vom Referendum und schließlich auch vom Amt. Als Nachfolger für eine Übergangsregierung wurde lange Lucas Papademos gehandelt – und damit kein Politiker sondern ein Banker! Dem ehemaligen Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank wurde zugetraut, das Ruder herumzureißen und Griechenland wieder flott zu bekommen. Papademos drängte außerdem auf weitere Spezialisten auf der Regierungsbank: auf Banker und Ökonomen. Die Probleme Griechenlands sind enorm, die Gestaltungsspielräume klein, die EU-Vorgaben hart – da ist Sachverstand gefragt. Der andere derzeit gehandelte Kandidat, der Sozialist Philippos Petsalnikos, hat den einzigen Vorteil, dass er als alter Hase und versierter Politiker sein Metier kennt – ob das die Kapitalmärkte jedoch honorieren, bleibt abzuwarten.

Insgesamt verharrt die Politik in Griechenland weiter in unrühmlichen Grabenkämpfen zwischen (ehemaliger) Regierung und Opposition, zwischen Sozialisten und Konservativen, zwischen ehemaligen Busenfreunden und heutigen erbitterten Gegnern. Letzten Endes wird tatsächlich das Volk in der „Mutter der Demokratie“ darüber entscheiden, ob es den zwangsläufig strengen Vorgaben einer technokratischen Regierung folgen wird und neue Hoffnung das Land vorantreibt. Die politische Kaste in Griechenland hat alles in allem kein gutes Bild während der Krise abgegeben und es wird für die Politiker gerade der beiden großen Parteien schwer werden, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ob Petsalnikos da als allgemein akzeptierte Integrationsfigur  taugt oder ob nicht doch ein Mann „vom Fach“ die bessere Lösung wäre, wird wohl nie eindeutig geklärt werden können. Doch Vertrauen wird dringend gebraucht.

Es ist interessant, dass ein zweites europäisches Land von den Märkten durch deutliche Aufschläge auf Staatsanleihen abgestraft wurde, bis der Regierungschef demissionierte – Italien. Auf 6,77 Prozent kletterte die Rendite – bei einer Schuldenlast von fast zwei Billionen Euro kein Pappenstiel. Und auch hier wird der Ruf nach Technokraten laut, die das Land aus der Krise führen sollen. Zwar will Berlusconi noch das Stabilitätsprogramm verabschieden, um sich als Retter in die Annalen des Landes einschreiben zu können, doch diese Rettung glaubt ihm niemand mehr, nicht einmal sein eigenes Regierungslager. Berlusconi war sicher einer der umstrittensten Ministerpräsidenten, die Italien hatte – und derjenige, der alles in allem trotzdem am längsten regiert hat.

Ob wir es gutheißen oder nicht, die Finanzmärkte werden derzeit extrem von politischen Entscheidungen beeinflusst – fundamentale Daten spielen kaum noch eine Rolle – und beeinflussen umgekehrt immer mehr ganz direkt Entscheidungen in der Politik, bis hin in die höchsten Staatsämter. Ob die Flucht hin zu Technokratie die richtige Lösung ist, bleibt abzuwarten, auf jeden Fall steckt dahinter die Forderung nach mehr Fachkompetenz.

Ihre
cb

Christine Bortenlänger, geboren 1966 in München, ist Geschäftsführerin der Börse München.

Kommentare (1)

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Moika

14.11.2011, 12:17 Uhr

Ich gebe denen recht, Frau Bortenlänger, die in der griechischen Situation Experten zur Überwindung der Krise befürworten. Was aber machen wir, wenn diese Experten eine - vielleicht sogar richtige und nicht nur eingängige, Strategie entwerfen , aber das Parlament den Plänen letztlich das OK versagt?

Griechische Politik hat in den letzten Jahrzehnten schließlich nicht durch Vernunft, sondern durch das genaue Gegenteil geglänzt. Hinzu kam eine Politik der Selbstbedienung, Begünstigung und Korruption, die durch die Tatsache, daß das Land praktisch von zwei Familien beherrscht wird, regelrecht kultiviert wurde.

Und was die Börsen betrifft: Einen Handel, der sich ausschließlich an fundamentalen Daten ausrichtet, gibt es doch schon längst nicht mehr. Früher gingen die Kurse den Bach runter, wenn eine Regierung wegen Unfähigkeit, Unterlassungen oder Sonstigem zurücktrat.

Und heute? - stehen selbst die Banken, bis vor wenigen Jahren die Garanten seriösen Wirtschaftens vor den Pforten der Gerichte und müssen sich massenhaften Betruges wegen rechtfertigen.

Die schöne, heile Börsenwelt beginnt heute wie ein Märchen: Es war einmal...

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