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19.01.2012

10:56 Uhr

B.wertet

Wachstum - Fluch oder Segen?

VonChristine Bortenlänger

Weniger Ausgaben und höhere Einnahmen sind die besten Wege, die Verschuldung in den Griff zu bekommen. Zu viel Sparen kostet aber Wachstum, erhöhte Ausgaben schaffen Wachstum, steigern aber die Verbindlichkeiten.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Neun europäische Länder wurden von der Ratingagentur Standard & Poor’s herabgestuft, am prominentesten dabei Frankreich, das sein AAA einbüßte. Begründet haben die Analysten von S&P diesen Schritt damit, dass die einseitige Sparpolitik Wachstum koste. Wachstum ist jedoch, und dazu braucht es nicht die Erkenntnisse einer Ratingagentur, die essenzielle Voraussetzung, um die Mittel zu erwirtschaften, mit denen Kredite zurückgezahlt werden können. Weniger Ausgaben (Sparen) und höhere Einnahmen (Wachstum) sind die besten Wege, die Verschuldung in den Griff zu bekommen. Allerdings, zu viel Sparen kostet Wachstum, erhöhte Ausgaben schaffen Wachstum, steigern aber die Verbindlichkeiten. Hier muss die Wirtschaftspolitik zwischen Skylla und Charybdis den bestmöglichen Kurs finden. 

Doch es gibt immer mehr Menschen, die Wachstum ganz generell ablehnen. „Wachsen um des Wachstums willen ist die Ideologie von Krebszellen“, erklärt der amerikanische Naturforscher, Philosoph und Schriftsteller Edward Abbey. Ideen wie eine „Postwachstumstheorie“ stoßen heute auf großes Interesse und seit Erscheinen der „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome im Jahr 1972 wächst das Lager der Wachstumsgegner mit hohen Wachstumsraten. Sollen wir uns also einer neuen Genügsamkeit verschreiben und uns auf immaterielle Werte stürzen? Wollen wir künftig „Schrumpfungs-Ziele“ ausloben? Wird es eine Wachstumspolizei geben, die uns verbietet, bestimmte Produkte zu kaufen, weil wir schon genügend davon haben? Soll VW die Bänder still legen, wenn die Summe der produzierten Autos die des Vorjahres übersteigt?

Meiner Meinung nach sehen Wachstumskritiker das Wachstum viel zu einseitig. Sie richten ihr Augenmerk vor allem auf die gebräuchlichste Messgröße für Wachstum, das Bruttosozialprodukt. Mit dieser Kennzahl wird versucht, die jährliche Wertschöpfung einer Volkswirtschaft zu berechnen. Damit erhält man – umgerechnet pro Kopf – einen weltweiten Vergleichsmaßstab. Gerne wird von Kritikern das Beispiel zitiert, dass eine Karambolage auf der Autobahn mit vielen hundert beteiligten Autos zwar das BIP deutlich erhöhe, aber gleichzeitig natürlich nicht Wohlstand, Glück, Zufriedenheit in der Bevölkerung stiegen. Auch berücksichtige das BIP nicht die Wohlfahrtsgewinne, die entstehen, weil Menschen ehrenamtlich tätig sind, obwohl sie zweifelsfrei Werte schaffen und für Zufriedenheit sorgen. 

 

Kommentare (7)

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Manfred.Pacholek

19.01.2012, 12:11 Uhr

Mit der Wachstumsideologie haben die Menschen den Planeten schon sehr weitgehend zerstört. Da sind doch die Ureinwohner vieler Erdteile einen erheblichen Schritt weiter, weil Sie sich die Erde nicht aneignen wollen, sondern nur ausleihen, um auch der nachkommenden Generation noch eine Lebensgrundlage zu bieten.
Der Artikel zeigt, wie der seit Jahrzehnten gelebte Dogmatismus offensichtlich die Hintergründe völlig verdrängt. Nur weil unser Geldsystem ohne Wachstum ruiniert würde, weil es falsch kontruiert ist, soll es beim weiterso bleiben??

Klaus

19.01.2012, 12:51 Uhr

Offensichtlich ist Wachstum nicht so einfach messbar.
Vor 15 Jahren habe ich mir einen PC gekauft, der umgerechnet 2500 € gekostet hat. Vor 3 Jahren habe ich mir einen anderen gekauft, der 500 € kostete und mehrfach leistungsfähiger mit xfacher Festplattengröße und DVD-Laufwerk.

Der neue ist also qualitativ besser, kostete aber nur 1/5 des alten.
Technologie als Wachstum ?

Für mich wird Wachstum überbewertet, zumal es nicht so konkret definiert werden kann, dass es tatsächlich zu aussagefähigen Werten kommt.

Wie soll bei einer schrumpfenden Bevölkerung noch ein Wachstum an Bedarf entstehen, der das Wachstum einer sich vergrößernden Bevölkerung auffängt?

azaziel

19.01.2012, 14:39 Uhr

Es gibt einen Unterschied zwischen nicht mehr wachsen duerfen und wachsen muessen. Nichts deutet darauf hin, dass das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens nicht auch fuer den materiellen Konsum insgesamt gilt. Wer will daran zweifeln, dass jemand, der schon alles hat, imateriellen Guetern eine groessere Rolle einrauemt? Zwar neigen selbst Reiche dazu, ihre „Konkurrenten“ mit noch groesseren Autos Yachten und Villas zu uebertreffen, aber eben nicht alle. Die Tendenz der Gesellschaft zu weniger Verbrauch wird nicht nur vom abnehmenden Grenznutzen sondern auch von der Verknappung der Rohstoffe genaehrt. Der Nutzen nimmt ab und die Kosten nehmen zu.

Es ist unser Gesellschaftssystem und hier in erster Linie der Staat, der uns zu immer mehr Wachstum peitschen will. Der Staat hat nicht nur einen unersaettlichen Hunger nach mehr Einkommen, er hat sich auch in eine Lage manoevriert (Ueberschuldung) wo mehr Wachstum der einzige Ausweg zu sein scheint. Wuerde der Staat nicht staendig mit „Wachstumsbeschleunigungsgesetzen“, Konjunkturprogrammen, Zinssenkungen und Liquiditaetsspritzen versuchen, seine Waehler bei Laune zu halten (Beschaeftigung) und seine Steuereinnahmen zu stimulieren, wuerde die unsichtbare Hand fuer ein allmaehliches und gesundes Abflachen des Wachstums sorgen. Ohne Zwang und ohne gruene Ideologie.

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