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02.02.2012

18:18 Uhr

B.wertet

Was uns die Causa Schlecker lehrt

VonChristine Bortenlänger

Schlecker ist insolvent, das Familienvermögen weg. Doch so weit hätte es nicht kommen müssen. So merkwürdig es auf den ersten Blick klingen mag, ein Auffangbecken wäre wohl eine Börsennotierung der Drogeriekette gewesen.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Christine Bortenlänger – B.wertet. Christine Bortenlänger leitet ab September 2012 das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren ja an einige Pleiten und Insolvenzen gewöhnt: Es waren große Namen aus dem Handel, darunter Karstadt, Quelle oder Woolworth, Traditionsfirmen mit hohem Bekanntheitsgrad und den unterschiedlichsten Produkten von Märklin über Pfaff bis Schiesser und Rosenthal. Manche hatten das Glück, „too big to fail“ zu sein wie so einige Banken von der IKB bis zur Hypo Real Estate, aber auch die amerikanischen Autohersteller General Motors und Chrysler.

Das Schicksal der vielen von der Insolvenz betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stimmt nachdenklich, in der schon von früheren Pleiten wie Grundig oder AEG betroffenen Region Fürth/Nürnberg meldeten sich allein 4.000 Menschen arbeitslos. Um den Ansturm zu bewältigen, musste das Arbeitsamt  im Quelle-Versandhaus provisorisch eine eigene Außenstelle eröffnen.

Kaum in den Fokus der Öffentlichkeit rückten allerdings die vielen Beschäftigten und Selbstständigen der kleineren Firmen rund um die Großinsolvenzen, die plötzlich ihren Hauptabnehmer verloren hatten und so mit in den Pleitestrudel gerissen wurden. Da ist dann in der Presse gerne auch mal von den „gierigen Gläubigern“ die Rede, die eine geordnete Insolvenz verhinderten – als handele es sich bei Lieferanten um Investoren. Geldgeber verlieren aber höchstens ihre bis dato gut verzinste Geldanlage, Lieferanten im Zweifelsfall ihre Existenz.

Doch mich beschäftigt im Zuge dieser Insolvenzen eine ganz andere Frage. Wer fängt die Unternehmer auf? Gibt es Auffanggesellschaften für gefallene Milliardäre? Wer finanziert sie, die Gewerkschaften oder Ex-Aufsichtsräte? 

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Uns allen steht noch die dramatische Aussage von Madeleine Schickedanz vor Augen, sie habe kaum noch genügend Kapital zum Leben, ja zum Überleben. Und jetzt erschütterten uns die Auskünfte der Familie Schlecker. Nicht nur sei das Unternehmen insolvent, es gebe auch kein Kapital mehr innerhalb der Familie.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde das Privatvermögen von Senior Anton Schlecker auf mehrere Milliarden Euro geschätzt, jetzt sei es dahingeschmolzen, es sei „nichts mehr da“, so seine Tochter Meike Schlecker auf der ersten Pressekonferenz von Schlecker nach zwanzig Jahren.  Damit muss auch Anton Schlecker Privatinsolvenz anmelden. Das Familienvermögen sei in den vergangenen Jahren in die Handelskette reinvestiert worden. Da die gewählte Rechtsform des Unternehmens mit seinen mehr als 6.000 Märkten sowie 32.000 Beschäftigten in Deutschland die eines e.K., eingetragenen Kaufmanns, gewesen sei, hafte die Familie persönlich. Zahlen über Umsatz, Gewinn oder Verlust liegen nicht vor.

Kommentare (1)

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Rechtsanwalt

02.02.2012, 19:01 Uhr

Klingt zwar ganz gut ,ist aber nicht hinreichend durchdacht.
Die Einbringung in eine AG und deren Notierung hätte erhebliche Steuern gekostet und das bei so knapper Liquidität.

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